PfadnavigationHomeRegionalesHamburgBewerbung für Olympische Spiele„Der olympische Geist ist keine Erfindung“ – wie viel Optimismus traut Hamburg sich zu? Veröffentlicht am 26.04.2026Lesedauer: 7 MinutenSo könnte die Eröffnungsfeier an der Binnenalster aussehenQuelle: NeulandIn diesen Tagen läuft mit dem Versand der Briefwahl-Unterlagen das Referendum über eine Bewerbung Hamburgs für Olympische und Paralympische Spiele an. Der Hamburger Publizist Oliver Wurm beschreibt in einem Gastbeitrag, was ihn selbst motiviert.Täglich fahre ich mit dem Rad ins Büro, von der HafenCity in die Hein-Hoyer-Straße mitten auf Sankt Pauli. Seit einigen Wochen hängt an dem Bauzaun am Columbus-Haus ein blaues Banner. Es zeigt in großen Lettern – macht ja Sinn – ein Zitat des italienischen Seefahrers Christoph Columbus. Sie kennen das sicher auch: Man hat den Satz beim Vorbeiradeln gefühlt schon hundertmal gesehen und kann die Botschaft trotzdem nicht ignorieren. Also lese ich seit Wochen jeden Morgen aufs Neue: „Man kann den Ozean niemals überqueren, ohne den Mut zu haben, das Ufer aus den Augen zu verlieren.“Ich liebe dieses Zitat! Und noch mehr die Einstellung, die den Worten innewohnt. Selbst meine größten Kritiker würden einräumen, dass ich im Berufsleben als selbstständiger Medienunternehmer auch genauso agiere. Meine Freunde würden wohlwollend ergänzen, dass ich öfter mal in Ufernähe bleiben sollte … Ich habe bislang jedoch keinen Versuch einer „Ozeanüberquerung“ bereut.Wenn die Bürgerinnen und Bürger bis zum 31. Mai darüber abstimmen, ob Hamburg sich für die Olympischen und Paralympischen Spiele bewerben soll, würde ich das blaue Columbus-Banner gerne vor jedes einzelne Wahllokal platzieren. Denn in meinen Augen ist das Referendum keine Abstimmung über Zahlenkolonnen oder Gewinn- und Verlustrechnungen, auch kein Abwägen von Worst-Case-Szenarien. Es ist vielmehr eine Abstimmung darüber, wie optimistisch wir als Stadtgesellschaft in die Zukunft schauen wollen. Und darüber, was wir uns, seien die Zeiten noch so stürmisch, als Gemeinschaft zutrauen.Lesen Sie auchDie aufgeregte Diskussion zwischen Befürwortern und Gegnern hat sich in Hamburg leider längst in den Details verhakt. Auch dieser Artikel, da habe ich keinerlei Illusion, wird niemanden aus der NOlympia-Fraktion umstimmen.Natürlich ist es wichtig, dass geplant und gerechnet, gecheckt und kontrolliert wird. Transparenz muss im Jahr 2026 auf jeder Flagge stehen, ganz besonders auf der olympischen. Aber die Spiele wären, wenn alles gelänge, wohl frühestens im Jahr 2040, eher 2044, zu Gast in unserer schönen Stadt. Also in 14 oder 18 Jahren. Ich habe mir die vielen Zahlenreihen daher nicht in der Tiefe angeschaut. Denn ich halte bereits jeden für einen Gaukler, der in dieser Welt auch nur den Benzinpreis für die nächsten 14 oder 18 Tage vorhersagt. Vor allem aber, weil ich das alles auch gar nicht im Detail bewerten kann. Und weil ich, wenn ich kein Experte auf einem Feld bin, tatsächlich noch den Verantwortlichen vertraue. „Völlig verrückt“, höre ich die Kritiker schon schreien. Ich möchte mir dieses Grundvertrauen dennoch bewahren.Lesen Sie auchDer Soziologe Aladin El-Mafaalani analysiert in seinem klugen Buch „Misstrauensgemeinschaften“, wie wachsendes Misstrauen in die Institutionen unseren Zusammenhalt gefährdet und den Populismus befeuert. Gemeinsames Misstrauen bilde neue soziale Strukturen. Das Ganze baue dabei selten auf Kompetenz auf, sondern auf geteilter Skepsis. In Summe schwäche diese Entwicklung sogar die Demokratie.Die Frage ist, was zuerst da war: Misstrauen verbindet nämlich insbesondere dann, wenn die Menschen das Vertrauen in etablierte Systeme wie die Politik oder die Medien verloren haben. Einmal also an dieser Stelle fürs Protokoll gesagt: Es lief in den vergangenen Jahren fürwahr nicht alles gut in Hamburg. Ich weigere mich dennoch, in den Klagegesang der Schwarzmaler einzustimmen. Wohlwissend, dass man als Optimist schnell in die Ecke des Naivlings gestellt wird. Auch das ein Phänomen unserer Zeit. Alles okay, in der Ecke stehe ich sehr gerade! Und bei der Frage, ob die Olympischen und Paralympischen Spiele zu Gast in der Stadt sein sollen, in der ich die längste Zeit meines Lebens gut und äußerst gerne wohne, halte ich es mit Eleanor Roosevelt: „Die Zukunft gehört denen, die an die Schönheit ihrer Träume glauben.“Wer einmal das Glück hatte, Olympische und Paralympische Spiele vor Ort zu erleben, weiß, wovon ich spreche. Und eben weil diese Chance so wenigen Hamburgerinnen und Hamburgern bislang vergönnt war, wäre es beinahe unverantwortlich, wenn sich die Stadt bereits vor dem allerersten Schritt auf dem ohnehin langen Weg selbst aus dem Spiel nähme.Schreibe ich das hier aus Eigennutz? Auch das muss ich mir – na klar: Soziale Netzwerke sind die wohlige Heimat der Misstrauensgesellschaft! – nach jedem Post in den lauten Kommentarspalten anhören. Aber ich kann hier sehr klar sagen: „Nein!“ Ich stehe auf keiner Payroll! Zudem: Ich bin ein Kind aus NRW, habe in Köln studiert. Ich schätze München und finde Berlin cool. Beruflich macht es für mich kurz- und mittelfristig keinen Unterschied, mit welcher Stadt oder Region der Deutsche Olympische Sportbund Ende September ins Rennen geht. Und mit Blick in meinen Personalausweis bin ich nur vorsichtig optimistisch, dass ich ohne Rollator zu einer etwaigen Eröffnungsfeier in Hamburg käme. Doch seit ich vor allem letzteres (schmerzlich) realisiert habe, bin ich nur umso überzeugter, dass ich beim Referendum mit einem klaren, lauten und maximal überzeugten „Ja!“ stimmen werde. Stimmen muss! Für mich und stellvertretend auch für alle Unter-16-Jährigen, die jetzt gar nicht mitstimmen können – und bei den Spielen die Zeit ihres Lebens hätten. Die 2040 oder 2044 im besten Alter sind, um als begeisterte Volunteers die Spiele ihrer Heimatstadt mitzuprägen. Und erlauben Sie mir diese kleine Träumerei: vielleicht sogar als Athletinnen und Athleten an den Start gehen.Pierre de Coubertin sprach 1896, bei der Wiedererweckung der Olympischen Spiele, zur „Jugend der Welt“. Ich möchte Sie gar nicht erschrecken, liebe Leserinnen und Leser, aber solche einfachen Rechnereien erweitern (auch bei mir) den Denkhorizont: Wer die zauberhaften Spiele von Paris 2024 mit Anfang 70 begeistert vor Ort oder zu Hause vor dem Bildschirm verfolgt hat, feiert kurz nach möglichen Spielen in Hamburg bereits den 90. Geburtstag. Wäre es nicht cool, dann gemeinsam mit den Enkeln und Urenkelinnen beim olympischen Marathonlauf an der Strecke zu stehen?„Mit welcher Glückseligkeit die beiden von den Spielen schwärmten“Niemals werde ich den Moment vergessen, als ich 2004, bei den Olympischen Spielen von Athen, mit zwei deutschen Medaillengewinnern und einem Sixpack Bier im Sonnenaufgang auf der Akropolis saß. Mit welcher Glückseligkeit die beiden von den Spielen schwärmten. Seit den Sommerspielen in Tokio 2020 begleiten mein Team und ich mit im Eigenverlag publizierten, aufwendig produzierten Printmagazinen die olympischen und paralympischen Athletinnen und Athleten auf ihren höchst anspruchsvollen Wegen. Es wird hier niemanden überraschen, der sich in der Branche auskennt, dass Geld da nicht mein Antrieb ist. Aber jede einzelne begeisterte Feedback-Mail aus den Sporthallen zwischen Kiel und Oberstdorf – die schon! Wir bauen denen eine Bühne, die im Schatten des Fußballs gerne übersehen werden.Zuletzt saß ich im Februar dieses Jahres bei den Olympischen Winterspielen in Mailand beim Eiskunstlaufen der Paare auf der Tribüne. Das japanische Paar Riku Miura und Ryuichi Kihara holte die Goldmedaille. Sie hatten eine atemberaubende Kür gezeigt, die allen vor Ort eine Ganzkörpergänsehaut verursachte. Was aber noch viel berührender war: Nach dem Kurzprogramm waren sie nur Fünfte gewesen. Vier Paare hatten also nach ihrer Kür noch die Chance, das japanische Duo aus den Medaillenrängen zu verdrängen. Die beiden feierten hinter der Bande hockend dennoch jeden gestandenen Sprung der Konkurrenz, und sie schlugen die Hände mitfühlend vor ihre Gesichter, als das deutsche Paar – nach der Pflicht auf Platz eins liegend – gleich zu Beginn ihrer Darbietung patzte und so alle Goldchancen begraben musste. Später lagen sich Sieger und Platzierte minutenlang in den Armen … Der olympische Geist ist keine Erfindung der IOC-Marketingabteilung. Den gibt es tatsächlich. Hamburg sollte ihn mit offenen Armen willkommen heißen!Oliver Wurm, 1970 im Sauerland geboren, ­ lebt und arbeitet seit über 30 Jahren als Journalist und Medienunternehmer in Hamburg. 2018 legt er das „Grundgesetz als Magazin“ (dasgrundgesetz.de) bundesweit an die Kioske. Für den Einsatz für „Demokratie und Rechtsstaat“ wird ihm 2020 in der Hansestadt das Bundesverdienstkreuz verliehen. ­Sein Medienportfolio ist vielfältig und reicht von Panini-Sammelalben für Städte über Fußball-Magazine bis hin zur Lyrik-Reihe „dreizehn +13 Gedichte“ (lyrik13.de). Seit 2020 begleitet der ehemalige Sportstudent und Magazine-Erfinder auch olympische und paralympische Athletinnen und Athleten auf ihrem Weg zu den jeweiligen Spielen (2026magazin.de). Und das stets im Eigenverlag – ­und somit auf eigenes wirtschaftliches Risiko.