Der Hamburger Schauspieler und Autor Michael Ehnert erzählt in seinem Debütroman „Hamburg, Wache 16“ vom harten St. Pauli der 1970er Jahre, vom gefürchteten Ruf einer fast vergessenen Polizeiwache und von einem Viertel zwischen Gewalt, Freiheit und ExzessMichael Ehnert hat über das St. Pauli der 1970er Jahre einen Roman geschrieben, der kein Kiezkrimi sein will und erst recht keine verklärte Milieu-Revue. „Hamburg, Wache 16“ erzählt von jener Polizeiwache an der Budapester Straße, die im Schatten der weltberühmten Davidwache stand und im Viertel doch ihren eigenen, gefürchteten Ruf hatte. Ehnert, Schauspieler, Kabarettist, Autor und Sohn eines Polizisten, hat dafür jahrelang recherchiert, mit ehemaligen Kollegen seines Vaters gesprochen, mit Sexarbeiterinnen, Journalisten und Zeitzeugen. Herausgekommen ist ein Sittengemälde über den Kiez als Ort der Extreme. Zum 400. Jubiläum der Reeperbahn spricht Ehnert über die Wache 16, die Härte des Viertels, seinen Vater und einen Ort, der für Hamburg weit mehr ist als Rotlicht.Welt am Sonntag: Herr Ehnert, zentraler Ort Ihres Romans ist die ehemalige Wache 16 an der Budapester Straße, gegenüber vom Millerntor-Stadion, das damals noch Wilhelm-Koch-Stadion hieß. Was machte das Viertel aus und welche Rolle spielte die Polizeiwache?Michael Ehnert: Die Wache 16 an der Budapester Straße haben nur wenige auf dem Zettel, im Gegensatz zur Davidwache. Dabei war sie für dieses Viertel enorm wichtig. Mein Roman spielt 1976. Damals war der Zweite Weltkrieg so weit weg wie für uns heute der Mauerfall. Und ich kann mich noch dunkel an zahlreiche zerbombte Häuserlücken erinnern. Es war ein hartes Viertel. Gewalt war an der Tagesordnung, Alkohol, Drogen aller Art. Da brauchte man schon eine spezielle, robuste Mentalität, um damit umzugehen. Gleichzeitig darf man sich das Leben dort nicht eindimensional vorstellen. Es gab nicht nur Elend und Prügelei. Der Kiez war immer auch ein wahnsinnig lebendiges Viertel, ein breites Panoptikum an Menschen, zog jene an, die anders leben wollten. Hier konnte Homosexualität viel offener ausgelebt werden als in Eimsbüttel oder Eppendorf. Man traf auf völlig verschiedene Arten von Leuten, auf Hells Angels, Prügler, Künstler, Gestrandete, Freigeister. Genau diese Mischung hat den Kiez ausgemacht.Lesen Sie auchWAMS: Und die Wache 16 hatte einen besonderen Ruf.Ehnert: Die Polizisten, die in den 1970ern dort Dienst gemacht haben, haben mir unabhängig voneinander erzählt, dass sie – wenn sie zu einer Schlägerei kamen –, gefragt wurden, ob sie von der 15, also der Davidwache, oder von der 16 kamen. Denn der Wache 16, vor allem der C-Schicht, in der mein Vater war, eilte ein überaus robuster Ruf voraus. Und wenn die kamen, ich zitiere das nur, dann war Ruhe im Karton. Alle wussten, die langen auch mal zu. In der Wache gab es die „längste Treppe der Welt“. Die führte vom Erdgeschoss in den Keller. Oben waren Zellen, unten waren Zellen. Wenn Leute oben randaliert oder rumgedröhnt haben, dann hat man die nach unten gebracht. Und das hat dann auch mal ein bisschen länger gedauert ...WAMS: Das klingt nach einem anderen Polizeiverständnis als heute.Ehnert: In dieser Zeit waren Polizisten wie Western-Sheriffs. Die kamen rein und sagten, wir machen das jetzt so, sonst gibt es auf die Backen. So hat dieses Viertel funktioniert – mit Druck, aber auch mit gegenseitigem Respekt. Wenn ein Typ in einer Kneipe um sich schlug und dann von der Polizei ‚eine gezogen’ bekam, dann sagte der im Zweifel: Hab ich auch verdient, ich hab ja um mich geschlagen oder Scheißbulle gesagt. Es war ein klarer Deal. Das ging so weit, dass Richter sagten: Ich sehe, einen Teil der Strafe haben Sie schon gekriegt. Eigentlich sollten es fünf Monate sein, jetzt sind es nur noch zwei. Das ist aus heutiger Sicht kaum vorstellbar. Ein Polizist kann nicht Legislative, Judikative und Exekutive zugleich sein.Lesen Sie auchWAMS: Dennoch zeigen Sie im Roman Sympathien für die Polizisten.Ehnert: Ich war damals Punk. Auf meiner Jacke stand ACAB, also „All Cops are Bastards“. Ich hatte eine ziemlich genaue Vorstellung von Polizeigewalt oder bestimmten Einsatzstrategien, die ich bis heute nicht cool finde. Aber gleichzeitig habe ich diese Polizisten immer auch als ungeheuer engagiert erlebt. Wenn es um irgendwelche dementen Omas ging, verprügelte Frauen, verwahrloste Kinder oder abgezogene Hausfrauen, dann haben die sich richtig ins Zeug gelegt. Dann sitzt du da als fünfzehnjähriger Polizistensohn im Aufenthaltsraum, dann kommt ein Notruf rein, und alle lassen ihr Franzbrötchen fallen, springen auf und fahren dorthin, von wo alle weglaufen, um zu verhindern, dass jemandem die Zähne ausgeschlagen werden. Dafür empfinde ich Respekt. Diese Ambivalenz hat mich mein Leben lang begleitet. Und das ist auch das zentrale Thema des Buches: Darf ein Polizist Regeln brechen?WAMS: Und?Ehnert: Stellt man die Frage abstrakt, ist es einfach: Nein, darf er nicht. Aber im Einzelfall kann das anders aussehen. Vielleicht ist der Regelbruch manchmal sogar die richtige Entscheidung. Als Polizist kommst du immer wieder in Situationen, in denen du merkst, es knatscht mit meinem Regularium. Und in den 1970er Jahren war der Freiraum größer, den es braucht, um dem Bürger punktgenau Konsequenzen aufzuzeigen und mit gesundem Menschenverstand Stresssituationen aufzulösen. So nach dem Motto: Ich verhalte mich jetzt so und so und sage dir das und das, weil du dieses und jenes gemacht hast.Lesen Sie auchWAMS: Sie wünschen sich mehr Freiheit in der Polizeiarbeit?Ehnert: Ich wünsche mir, dass Polizisten Handlungsspielraum behalten, ohne dass sie zu Gesetzgebern in eigener Sache werden. Sie haben einen harten Job. Vielleicht heute sogar härter, weil die Anforderungen größer werden und der Respekt, der eigentlich selbstverständlich sein sollte, leider nicht mehr flächendeckend da ist.WAMS: Was war die Intention für den Roman?Ehnert: 2014 hatte ich ein Treffen mit einem Fernsehproduzenten. Aber meine Ideen haben ihn nicht so richtig umgehauen. Als der Pitch eigentlich schon vorbei war, habe ich ihm von meiner Jugend als Punk erzählt, von meinem Polizistenvater auf der Wache 16, eine der letzten Männerwachen in den 70ern, von meiner Mutter, die Mitte der 70er ihr Coming-out hatte, woraufhin mein Vater aus- und ihre Freundin bei uns einzog, von Mucki Pinzner, vom Hamburger Kessel. Da gingen bei ihm Ohren und Augen auf. Und er sagte: Schreib das, wir machen eine Serie. Ich habe dann die ehemaligen Kollegen meines Vaters getroffen. Er selbst ist leider schon mit Anfang 60 verstorben. Ich habe Interviews mit Sexarbeiterinnen geführt, mit Zeitzeugen, mit Journalisten wie Thomas Hirschbiegel von der „Hamburger Morgenpost“ oder Günther Zint, dem Gründer der „St. Pauli-Nachrichten“. Am Ende hatte ich ein Kaleidoskop an Geschichten, inklusive meiner eigenen Familiengeschichte.Lesen Sie auchWAMS: Was passierte dann?Ehnert: Dann wurde die Serie „Luden“ angekündigt. Und das war genau das, was ich nicht wollte: Eine St.-Pauli-Geschichte aus der Perspektive der Zuhälter, mit ihren blondierten Haaren und ihren Goldkettchen. Ich habe in der Recherche und in den persönlichen Begegnungen immer wieder erfahren, wie furchtbar Zuhälter sind. Das sind Gewaltverbrecher und Menschenhändler. Ich wollte keine verbrämte Verklärung, sondern die ungeschminkte Erzählung. Aber dann saß ich da, mit diesem wahnsinnig gut ausgearbeiteten Material und hatte keinen Abnehmer. Und da habe ich gesagt, ich will nicht, dass die Geschichte meines Vaters in der Schublade endet.WAMS: Wie nah ist das Buch an den realen Ereignissen?Ehnert: Nur wenige Namen stimmen historisch eins zu eins. Ich wollte ja nicht der Hamburger Stadtschreiber werden, der behauptet, so und so war es. Denn dann kommt wieder einer und sagt, nee, ich war dabei, das war anders. Es ist ein Roman. Mir geht es darum, den Geist dieser Zeit zu vermitteln. Es ist ein Zeit- und Sittengemälde. Und das Schönste ist, dass die 16er, die mir so geholfen haben, den Roman gelesen und gesagt haben: Das stimmt nicht alles hundertprozentig so, wie du es schreibst. Aber genauso ist es gewesen.Lesen Sie auchWAMS: Beim Lesen wird man an die harten St.-Georg-Fotos von Dirk Reinhartz aus jener Zeit erinnert: Dreck, Nacht, Kneipen. Was bedeutet der Kiez für Sie persönlich?Ehnert: Ich habe lange in der Hein-Hoyer-Straße gewohnt und es geliebt. Du hattest das Gefühl: Hier ist ein bisschen New York, hier ist immer was los. Damals sind wir um zwei Uhr nachts ins Aladdin-Kino gegangen, haben „Rambo“ geguckt, und sind danach um vier zum Italiener. Alles war möglich. Und du hast ständig besondere Leute getroffen.WAMS: In diesem Jahr wird das 400. Jubiläum der Reeperbahn gefeiert. Welche Rolle spielt diese Straße für Hamburg?Ehnert: Reepern bedeutet, dass aus Fasern Fäden verdrillt werden, aus denen dann Taue gemacht werden. Deshalb ist die Straße so lang. Die Taue brauchte man für die Schifffahrt, für den Hafen. Und der Hafen ist das Herz der Stadt. Da kamen früher Tausende Matrosen an, hatten drei oder vier Tage Landgang und wollten leben, feiern, sich austoben. Das war immer eine Partymeile. Ich finde Prostitution überhaupt nicht verwerflich, aber Zuhälterei finde ich furchtbar. Da muss man klar unterscheiden. Die Reeperbahn, St. Pauli insgesamt, ist nicht nur düster, das ist Party und Leben. Ein Ort von Freiheit, Überschreitung, Nachtleben und Kultur. Wenn man lange nichts erlebt hat, auf See oder in Pinneberg, dann geht man auf den Kiez und sagt: Wow, hier ist das Leben. Und hier sind vor allen Dingen die Leute, die irgendwie schon einen Tick weiter sind, die in ihrer Freiheit einen Tick weitergehen, als man das woanders tut. Das ist natürlich ungeheuer inspirierend. Und deshalb war die Reeperbahn nie nur ein Rotlichtviertel, sondern immer auch ein gesellschaftliches Experimentierfeld. Das ist sie in gewisser Weise immer noch. Und das ist schön.Lesen Sie auchWAMS: Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Reeperbahn?Ehnert: Ich habe Ende der 1980er Jahre die Schauspielschule in der Seilerstraße besucht. Damals machte gerade das Schmidt Theater auf. Wir konnten dann alles, was wir in der Schauspielschule erprobt hatten, in die Tresen-Show bringen, jeden Freitag- und Samstagnacht war der Tresen offen. Jeder konnte raufgehen und zeigen, was er drauf hat, musikalisch, pantomimisch. Das war neben dem Operettenhaus neu. Später kamen das Tivoli, das Imperial und das Schmidtchen hinzu. Ich fände es großartig, wenn da noch mehr in diese Richtung ginge. Wenn die Reeperbahn der Hamburger Broadway würde. Darüber hinaus mag ich die Mischung, tolle Clubs, gute Gastronomie aber auch billigste Abfüllläden – das Düstere und das Feine eng beieinander. Du hast die Wahl. So ein Unterhaltungsviertel braucht eine Stadt dringend. Das ist Kulturerbe. Ich würde mir nur wünschen, dass dieses spezielle Gefühl auf St. Pauli nicht verloren geht: dass die Nacht wirklich offen ist und alles, aber auch wirklich alles passieren kann.
Reeperbahn: „Gewalt war an der Tagesordnung“ - warum diese Wache gefürchtet war - WELT
Der Hamburger Schauspieler und Autor Michael Ehnert erzählt in seinem Debütroman „Hamburg, Wache 16“ vom harten St. Pauli der 1970er Jahre, vom gefürchteten Ruf einer fast vergessenen Polizeiwache und von einem Viertel zwischen Gewalt, Freiheit und Exzess






