PfadnavigationHomeRegionalesHamburgLesung„Die Wut ist ein heller Stern“Veröffentlicht am 03.10.2025Lesedauer: 5 MinutenSchriftstellerin Anja KampmannQuelle: Maximilian GödeckeDer Roman der Stunde spielt in Hamburg. „Die Wut ist ein heller Stern“ von Anja Kampmann schildert das Schicksal der Luftakrobatin Hedda im Varieté Alkazar auf der Reeperbahn in den Jahren der Gleichschaltung nach der Machtergreifung der Nazis. Gemeinsam mit Schauspieler Benno Fürmann stellt Kampmann den warnend aktuellen Roman im Schmidtchen auf der Reeperbahn vor.Die Wut ist ein heller Stern“ von Anja Kampmann, 41, ist eines der sehr seltenen Bücher, die gefehlt haben. Schauplatz des zweiten Romans der Autorin ist ihre Geburtsstadt Hamburg, kurz nach der Machtergreifung der Nazis. Kampmann erzählt die Geschichte der Gleichschaltungsjahre von 1933 an, aus der Perspektive einer fiktiven Ich-Erzählerin, der Luftakrobatin Hedda aus dem Varieté Alkazar auf der Reeperbahn. Klug erfunden schwebt sie am Seil über zwei, mal mehr, mal weniger hungrigen schwarzen Kaimanen auf der Bühne im Zentrum des realen historischen Geschehens, umgeben von lauter realen Tätern und Opfern – wobei Hedda vom ersten Moment an zu letzteren zählt. An Flucht ist nicht zu denken. Wer kann sich schon eine Passage leisten?Das Bild des drohenden Absturzes der Akrobatin entfaltet seine Macht stärker noch als vor den Augen des Varietépublikums im gesellschaftlichen Umfeld der Artistin. Schließlich hat sie im Arbeiterturnverein in Altona die nötigen Fertigkeiten für ihre steile berufliche Karriere erlernt. Sie stammt aus einer sozial schwachen Familie, der Vater lässt die Mutter sitzen, bevor er als Mitglied der SA nach Hause zurückkehrt. Jaan, Heddas älterer Bruder, geht bei einem Onkel als Schmied in die Lehre, gemeinsam mit ihm gilt es, den jüngeren Bruder Pauli zu beschützen, der an der Englischen Krankheit (Rachitis) leidet, und noch bei Mutter zu Hause lebt. Drumherum überschlagen sich die Ereignisse, immer mehr Freunde und Bekannte verschwinden von einem Tag auf den anderen. Wem kann sie noch trauen? Hedda selbst muss sehen, wo sie bleibt, wo sie unterkommt. Denn ans Entkommen ist nicht zu denken. Fluchtpläne werden immer wieder als Größenwahn abgetan, wer kann sich schon eine Passage leisten. „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“Der Strom der Erzählstimme, der Bewusstseinsstrom, den Kampmann ihrer Heldin auf den – wie aus dem – Leib schreibt, entfaltet beim Lesen eine Sogwirkung wie die Elbe vor den Landungsbrücken bei Ebbe. Es fällt schwer, das Buch für Pausen aus der Hand zu legen. Kampmann knüpft mit ihrem zweiten Roman nahtlos an den Erfolg des ersten an: „Wie hoch die Wasser steigen“ erhielt 2018 den Mara-Cassens-Preis, war für den Deutschen Buchpreis nominiert und Finalist des National Book Award in den USA. Beide Romane sind im Hanser Verlag erschienen. Der poetische Stil der Autorin ist auch durch ihre Arbeit als Lyrikerin geprägt, neben ihren Romanen hat Kampmann mehrere Lyrik-Bände veröffentlicht. Entfernt erinnert ihr Stil an den großen schlesischen Autor Szczepan Lech Twardoch („Morphium“), dem es fantastisch gelingt, Einzelschicksale im Kontrast zum historischen Schicksal zu schildern, dem niemand entkommt. Artistin Hedda hat nicht nur innerlich zu kämpfen, draußen wird die Welt in der Diktatur in der Gleichschaltung alles ungleich gemacht. Politische Gegner der Nazis werden verhaftet, im Stadthaus gefoltert, ermordet. Widerstand gibt es kaum, nur auf die eine oder andere Hilfestellung unter ehemaligen Turnern, zumeist handelt es sich um Kommunisten, Sozialdemokraten oder Humanisten, können die Bedrohten hoffen. Was vorher als dunkle Gefahr über Deutschland lag, wird nun Terrorherrschaft – Parallelen zum erstarkenden, um sich greifenden Rechtsradikalismus unserer Tage, weltweit wie hierzulande, sind nicht zu übersehen, zu überhören, zu überfühlen. „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“, der Satz aus Bertolt Brechts „Der unaufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“, der Hitlers Karriereweg als Unterweltaufstieg beschreibt, ist eine zwingende Assoziation. „Arisierung“ zur Bereicherung der NSDAP-MitgliederZum Faschismus zählte zu Beginn der Hitler-Zeit nicht nur der Völkermord an Juden, Roma, Sinti und Migranten, die „Arisierung“ hatte auch handfeste wirtschaftliche Vorteile für die Täter. So verleibten sich Staat und NSDAP-Mitglieder das Eigentum der Ermordeten und Vertriebenen ein. NSDAP-Mitglieder nutzen ihre Macht in Partei und Stadt, um Konkurrenten zu vernichten und ihre Betriebe zu übernehmen. Beiläufig erwähnt Hedda auch historische Ereignisse, Auftritte von Stars, erinnert an Künstler, die unterdrückt, verboten, ausgeschaltet wurden – und löst damit Filme im Kopf des Lesers aus, die parallel zur Lektüre ablaufen. Zu den historischen Tätern im Roman – deren Schlinge sich auch um Hedda immer enger schließt – zählt eine Reihe historischer Personen, die nach 1945 und anschließender, oberflächlicher Entnazifizierung lange Jahre in Hamburg und Niedersachsen in Amt und Würden blieben. Für Hamburger bietet „Die Wut ist ein heller Stern“ ein Gefühl der Vertrautheit, spielt Heddas Geschichte doch in St. Pauli, der Neustadt, der Altstadt, ihre Wege führen sie auch mal am Elbufer entlang nach Blankenese oder nach Eimsbüttel, wo ihr Chef eine Villa bewohnt, die sich schließlich auch die Nazis unter den Nagel reißen. Das Varieté Alkazar schloss 1958, heute befindet sich in dem Gebäude auf der Reeperbahn ein Penny-Supermarkt. Wo Hedda lang geht, ist wohl fast jeder Leser auch schon mal gewesen, wird auf bekannten Pfaden in eine Vergangenheit versetzt, die brennend aktuell aufflammt. Anja Kampmann stellt ihren Roman gemeinsam mit dem Schauspieler Benno Führmann am 8. Oktober im Schmidtchen im Clubhaus St. Pauli in der NDR-Kultur-Reihe „Der Norden liest“ vor. Schmidtchen: Anja Kampmann, Benno Fürmann: „Die Wut ist ein heller Stern“, Mittwoch, 8. Oktober, 19.30 Uhr
Lesung: „Die Wut ist ein heller Stern“ - WELT
Der Roman der Stunde spielt in Hamburg. „Die Wut ist ein heller Stern“ von Anja Kampmann schildert das Schicksal der Luftakrobatin Hedda im Varieté Alkazar auf der Reeperbahn in den Jahren der Gleichschaltung nach der Machtergreifung der Nazis. Gemeinsam mit Schauspieler Benno Fürmann stellt Kampmann den warnend aktuellen Roman im Schmidtchen auf der Reeperbahn vor.








