Geboren in Sibirien, wurde sie in Westdeutschland ein Star und singt heute mit der Ex-DDR-Band Silly. Ein Gespräch mit Julia Neigel über ihren 60. Geburtstag, Sexismus und die Seelenverwandtschaft zwischen Ost- und Westdeutschen.Hinter ihr liegt wieder eine lange Nacht. Kurz vor zwei Uhr wachte sie plötzlich auf, erzählt Julia Neigel, weil ihr die Idee für einen Liedtext durch den Kopf geschossen sei. Wie üblich in solchen Momenten steht die Rocksängerin dann auf, macht sich einen doppelten Espresso und setzt sich hin, um ihre Gedanken handschriftlich zu formulieren. Viele ihrer über 150 selbst verfassten Songs seien in den frühen Morgenstunden entstanden, sagt die Musikerin, die am 19. April 60 Jahre alt wird. Nach ihrer kreativen Nachtschicht bittet sie per Textnachricht, unser Gespräch vom Vor- auf den Nachmittag zu verschieben. Überpünktlich erscheint sie frohgelaunt mit ihrem Hund Samson, einem vierjährigen Shih-Tzu-Mix, in dem als Treffpunkt ausgemachten Café in Münchehofe. In der Gemeinde vor den Toren Berlins hält sich die in Ludwigshafen beheimatete Künstlerin häufig auf, nachdem sie von der ostdeutschen Kultband Silly, die dort ihr Studio hat, 2018 als Sängerin engagiert wurde. Neigel ist die einzige westdeutsche Sängerin, die als Frontfrau einer ikonischen Ost-Band auftritt. Mit dem Song „Schatten an der Wand“ wurde sie Ende der 1980er-Jahre berühmt. Damals nannte sie sich noch Jule Neigel, seit 2004 tritt sie wieder unter ihrem richtigen Namen Julia auf. In über vier Jahrzehnten stand sie bei mehr als 4000 Konzerten auf der Bühne – Solo, im Duett oder mit Bands, wobei sie ihre Zusammenarbeit mit Silly als etwas Besonderes bezeichnet. WELT: Frau Neigel, wann haben Sie das letzte Mal einen Handball aufs Tor geworfen?Julia Neigel: (lacht) Oh Gott. Das ist ewig her, ich war noch Teenagerin.WELT: Aufgrund Ihres Talents spielten Sie mit Südwest Ludwigshafen schon als 15-Jährige in der Bundesliga. Ihnen wurde eine vielversprechende Zukunft als Nationalspielerin beschieden. Warum sind Sie nicht beim Handball geblieben?Neigel: Ich liebte den Sport und wurde als Linkshänderin für die Bundesliga frühaktiviert. Davon leben konnte man nicht. Die Prämie, die man für ein Spiel bekam, reichte gerade für ein Mittagessen. Außerdem ging es schon damals hart zur Sache, schmerzhafte Verletzungen gehörten zur Normalität. Ich musste mich entscheiden, und da ich lange bevor ich den ersten Ball geworfen hatte, unbedingt Sängerin werden wollte, fiel mir die Wahl nicht schwer. Sie war goldrichtig. Handball hätte ich niemals so lange spielen können, wie ich nun schon Musik mache.Lesen Sie auchWELT: Und dann hätten Sie auch nicht auf großen Festivals spielen können, bei denen außer Ihnen Tina Turner, Elton John, Rod Stewart, Eros Ramazzotti oder Peter Maffay auftraten. Jetzt werden Sie 60. Wie fühlt sich das für Sie an?Neigel: Ich hatte schon runde Geburtstage, an denen ich dachte, ich wäre uralt. Aber jetzt? Es ist nur eine Zahl. Ich habe ein wunderbares Lebensgefühl, fühle mich jung und bin mit mir im Einklang. Ich traf viele richtige Entscheidungen, befand mich meist im richtigen Moment am richtigen Ort und bin selbstbestimmt. Und was auch wichtig ist: Ich bin noch richtig leistungsfähig. Natürlich bin ich mir über die Endlichkeit auch meines Lebens bewusst, doch darüber denke ich nicht nach.WELT: Wird es eine große Party zu Ihrem 60. Geburtstag geben?Neigel: Dafür brauche ich keinen Geburtstag. Ich kann immer feiern, mir ist es an dem Tag lieber, mich um meine Mutter zu kümmern, der ich so unendlich viel zu verdanken habe und etwas zurückgeben will.WELT: Wie lange wollen Sie noch auf der Bühne stehen?Neigel: Bis ich umfalle. Solange mich Menschen hören, meine Musik erleben oder mich sehen wollen, werde ich meiner Berufung nachgehen. Und wenn es sein soll, noch mit 100. Ich kann nicht anders. Musik zu machen, ist für mich die Luft zum Atmen. Außerdem kennt doch Rock’n’Roll kein Alter.WELT: Das heißt, mit Silly, der Band, die sich 1978 an einem Ost-Berliner Biertisch gegründet hat und deren erstes Album zwei Jahre später kurioserweise in der Bundesrepublik erschien, wollen Sie womöglich von der Bühne fallen?Neigel: Warum nicht, wenn es die Männer der Band so möchten. Durch sie erlebe ich neben meiner Solokarriere eine neue musikalische Dimension.WELT: Mit den Männern meinen Sie Keyboarder Ritchie Barton, Gitarrist Uwe Hassbecker und Bassist Jäcki Reznicek. Das Trio gehört der Band seit 40 Jahren an. Nach dem Tod von Sängerin Tamara Danz im Jahr 1996, folgte eine neunjährige Auszeit, dann machten Silly bis 2018 mit Anna Loos weiter – ehe Sie ihren Part übernahmen.Neigel: Ich hätte niemals gedacht, dass ich als Rocksängerin aus dem Westen eines Tages mit dieser beliebten Ost-Band auftreten werde, und fühle mich wie die Brücke zwischen dem musikalischen Ost und West. Das hat es ja hierzulande noch nicht gegeben. Vor dem Mauerfall bin ich der Band einmal begegnet, an meinem 23. Geburtstag. Sie sollte in Ludwigshafen beim Frauen-Power-Festival spielen. Da aber die Bühne zu klein war und es technische Probleme gab, fiel das Konzert aus. Wir sagten „Hallo“, gaben uns die Hand, das war’s für eine lange Zeit.WELT: Wann gab es ein Wiedersehen?Neigel: Erst nach der Jahrtausendwende trafen wir uns gelegentlich bei Events. Bei „Rock gegen rechts“ 2011 in Jena, wo ich mit Udo Lindenberg und Peter Maffay auftrat, oder bei der Premiere ihres Kinofilms „Silly – Frei von Angst“ beim Filmfestival 2017 in Ludwigshafen. Uwe („Hassbecker“, Anm. d. R.) kannte ich am längsten, da er auch bei Dieter Birr spielte, dem ehemaligen Frontmann der Puhdys, mit dem ich bei zwei Tourneen als Duettpartnerin aufgetreten war. Dieter brachte mich auch mit Silly zusammen.WELT: Was gab letztlich den Ausschlag, dass Sie bei Silly einstiegen?Neigel: Es war an einem Sommertag 2018, als mich Uwe anrief, und fragte, ob ich nicht nach Münchehofe zum Grillen kommen möchte. Da mein Manager in Berlin sitzt und ich ohnehin zu ihm wollte, sagte ich zu, ohne mir dabei etwas zu denken. Als ich dann auf das Grundstück trat, und Ritchie, Uwe und Jäcki mit ihren Familien sah, die schon auf mich warteten, fühlte ich mich sofort heimisch. Ich wurde mit offenen Armen und extrem freundlich empfangen. Nachdem wir alle gegessen hatten, kam dann die Frage, ob ich mir vorstellen könnte, bei ihnen als Sängerin einzusteigen. Drei Sekunden zögerte ich und sagte dann ja. Danach fragte ich dann, was passiert ist, warum sie nicht mehr mit Anna Loos weitermachen wollen, sondern mit mir. WELT: Es gab Berichte über am Ende unüberbrückbare Differenzen, die zur Trennung führten.Neigel: Die Gründe muss man bei Silly erfragen. WELT: Neben Ihnen holte Silly zeitweise noch eine zweite Gastsängerin in die Band – AnNa R., die ehemalige Frontfrau von Rosenstolz, trat bis 2022 gemeinsam mit Ihnen in der Band auf, dann stieg sie wieder aus. Wie haben Sie sich mit ihr verstanden?Neigel: Wir haben super harmoniert, obwohl wir sehr unterschiedliche Charaktere sind und eine andere Historie haben, sie kam ja auch aus der DDR. Obwohl – da ich ja in der UdSSR geboren bin, habe ich mich bei ihr als „Wossi“ vorgestellt. (lacht) AnNa R. war eher verschlossen, gab sich ihrer tiefsinnigen Melancholie hin und hat sich in Konzerten nicht viel bewegt. Ich dagegen liebe es ja, auf der Bühne Gas zu geben, temperamentvoll wie ich nun einmal bin. Furchtbar war es, als ich von ihrem Tod erfuhr.WELT: Sie wurde am 16. März vorigen Jahres tot in ihrer Dachgeschosswohnung in Berlin aufgefunden.Neigel: Einen Tag später bekam ich eine Nachricht vom „Silly“-Manager, der mir schrieb: Achtung, es kommt gleich eine Nachricht in der Presse – Anna ist tot. Ich rief ihn sofort an und sagte: „Das ist doch ein schlechter Witz, oder?“ Es war schrecklich, sie wurde nur 55 Jahre alt, es ging mir sehr nahe, das ist noch heute so.Lesen Sie auchWELT: Im Juli 1996 starb Tamara Danz mit 43 Jahren. Sie gilt als Ikone von Silly, als „Stimme des Ostens“, die sich trotz staatlicher Zensur nicht den Mund verbieten ließ – beispielsweise in Songzeilen wie „alles wird besser, aber nichts wird gut“ von 1983. Sie singen heute ihre Lieder. Wie haben Sie sich der Strahlkraft von Tamara Danz angenähert?Neigel: Ich wusste um ihre Einzigartigkeit als Musikerin, dass sie eine starke Frau, eine spannende Persönlichkeit war. Für mich war sie aber eine Kollegin, deren Gesangspart ich übernahm. So habe ich mich der Herausforderung auch gestellt. Ich dachte auch nicht darüber nach, ob man mich mit ihr vergleicht, weil es ist, wie es ist. Als ich mir dann Interviews von ihr anhörte, wurde mir bewusst, dass sie mir von Kopf und Herz näherstand, als ich vermutete. Mit ihr hätte ich mich gerne über die Zeit vor und nach dem Mauerfall, über unser Aufwachsen in unterschiedlichen gesellschafts- und kulturpolitischen Systemen ausgetauscht.WELT: Was sind nach Ihren Erfahrungen die gravierendsten Unterschiede zwischen den Bands aus dem Westen und dem Osten?Neigel: Den Ost-Bands, jedenfalls den älteren Semestern, merkt man deutlich an, dass sie eine richtige Berufsausbildung als Musiker machen mussten, um auftreten zu dürfen. Deren Qualitätslevel ist dadurch gleichbleibend hoch. Bei uns war „Learning by doing“ angesagt, man war autodidaktisch unterwegs und kam zu einem Plattenvertrag wie die Jungfrau zum Kinde. Wenn ich gefragt wurde, was ich für eine Berufsausbildung habe, sagte ich: „Abitur“ und fügte hinzu: „Schau dir meine Auszeichnungen an, das ist meine Berufsausbildung.“ Außerdem ist die deutsche Sprache bei den Ost-Bands durch sehr lyrische, sinnbildhafte Songtexte viel stärker ausgeprägt.WELT: Was aber auch an der staatlichen Restriktion lag, dass nicht in Englisch gesungen werden durfte und man mit verklausulierten Ausdrucksformen versuchen musste, Gesellschaftskritik zu äußern.Neigel: Das stimmt. Gleichwohl bin ich als deutschsprachige Songwriterin, die ich ja auch bin, von vielen ihrer Texte fasziniert. Bei uns gab es auch poesievolle Lyrics, siehe Reinhard Mey, aber längst nicht so viele. Bei den Ost-Kollegen habe ich zudem das Gefühl, dass es ihnen erst einmal wichtiger ist, ihren Weg der musikalischen Inspiration und Freigeistigkeit zu verwirklichen, als berühmt und reich zu werden. Jedenfalls erlebe ich das auch so bei Silly, deshalb fühle ich mich ihnen auch seelenverwandt. Ich kann Ihnen dafür ein gutes Beispiel nennen.WELT: Bitte.Neigel: 2013 veröffentlichte Silly den Song „Vaterland“, in dem das Geschäft mit dem Tod durch den deutschen Waffenhandel angeprangert wird. Ich hörte das Lied zum ersten Mal, als ich bei ihnen anfing. Fast gleichzeitig habe ich damals das thematisch identische Lied „Im Namen der Nation“ geschrieben. Das kann kein Zufall sein.WELT: Glauben Sie, mit Anti-Kriegs-Songs gesellschaftlich etwas verändern zu können?Neigel: In diesem Fall war nicht relevant, was ich glaube, sondern die mich bedrückenden Gedanken mussten aus meiner Feder fließen und vertont werden. Und der Song kam aufs Album, obwohl es einige Leute gab, die meinten, das ist ein ganz schönes Brett und ich sollte mir eine Veröffentlichung gut überlegen. Was ich tat.WELT: Wie hat sich denn die Rolle der Frau in der Musikszene gewandelt, seitdem Sie dabei sind?Neigel: Zum Positiven, wobei ich nur für mich spreche. Es gibt nicht mehr diese krasse Altersdiskriminierung, die es früher gab. Es geht jetzt weniger um Jugend als um musikalische Qualität. Als ich 40 wurde, fragten mich die Label-Chefs noch, ob ich mich nicht liften lassen möchte, wann es so weit sei. Heute ist es im Musikbusiness anerkannt, als Frau in Würde zu altern.WELT: Haben Sie selbst auch Übergriffe erlebt?Neigel: Ja, aber es gab keine dramatischen. Ich habe mich der Übergriffe immer erwehren können. In den 80er-Jahren war es besonders schlimm. Damals herrschte in der Branche auch ein extremer Sexismus. Diese Zeiten sind Gott sei Dank vorbei.WELT: Noch mal zurück zu den Anti-Kriegs-Songs. Sehen Sie sich auch als Protestsängerin?Neigel: Ich bin kein Reinhard Mey oder Hannes Wader. Politische Texte sind bei mir eher die Ausnahme. Ich stehe auch nicht auf der Seite politischer Dissidenten, habe auch kein parteipolitisches Profil, sondern bin dem Humanismus und der Freiheit verbunden. Mich treiben das Menschliche, das Soziale und das Gesellschaftliche an, und wenn es sein muss, habe ich dann auch eine Protesthaltung. Widerstrebt mir etwas, sage ich das deutlich, laut und ohne Angst – egal, um wen oder was es geht. Ich lege mein Herz auf den Tisch, erst recht, wenn man versucht, uns Künstler einzuschüchtern, wie in der Corona-Zeit.WELT: Seit drei Jahren klagen Sie gegen den damaligen Kultur-Lockdown in Sachsen. Sie werfen dem Freistaat vor, dass er nach Aufhebung der pandemischen Lage eine nach dem Infektionsschutzgesetz „nicht vorgesehene 2G-Impfpflicht“ für Konzerte eingeführt und für Monate alle Kulturbetriebe geschlossen hielt. Sie behaupten: „Das ist Willkür“ und verweisen darauf, dass kulturelle Teilhabe „ein Menschenrecht“ sei. Im Februar lehnte das Oberverwaltungsgericht in Bautzen Ihre Klage ab. Ist damit Ihr Kampf beendet?Neigel: Keinesfalls, ich gehe in die nächste Instanz. Ich bin eine unbeugsame Optimistin und ziehe das durch, bis ich Recht bekomme.Zur Person:Die Tochter eines deutschstämmigen Tischlers wird am 19. April 1966 in der UdSSR im sibirischen Dorf Barnaul geboren. Sechs Jahre später zieht sie mit den Eltern nach Ludwigshafen. In der Schulzeit lernt sie Querflöte. Als sie 1976 Beatles-Musik hört, möchte sie Sängerin werden. Als 16-Jährige schließt sie sich einer Punkband an. 1987 gründet sie die „Jule Neigel Band“. Der Durchbruch gelingt 1988 mit dem Debütalbum „Schatten an der Wand“, elf weitere Alben folgen. Mit ihrer vier Oktaven umfassenden Stimme wird sie häufig zur „besten nationalen Sängerin“ gewählt, ehe es 1998 zum Bruch mit den Bandkollegen kommt. 2006 startet sie ihr Comeback als Solistin. Seit 2018 singt sie auch bei der Band Silly. Sie ist zudem Produzentin, Songschreiberin und Komponistin.