Julia Tardy-Marcus, in St. Gallen geboren, war während der zwanziger Jahre als furchtlose Kabarettistin in Berlin erfolgreich. 1933 entkam die glühende Kommunistin aus Deutschland, später berichtete sie unter anderem lange für diese Zeitung.Corina Kolbe16.05.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenJulia Marcus bei einem ihrer aufsehenerregenden Auftritte als Hitler-Parodistin, Anfang der 1930er Jahre.Willi Saeger / Deutsches KabarettarchivRatta tataa, ratta tataa. . . zu Julius Fučíks populärem «Gladiatorenmarsch» springt plötzlich ein lebendes Hakenkreuz über die Bühne. Die mitreissende Zirkusmusik begleitet hier eine bissige Parodie. Wen die junge Pantomimin aufs Korn nehmen will, verrät ihre Pappmaché-Maske mit dem markanten Schnurrbart. «Eigentlich war es furchtbar primitiv», erinnerte sich Julia Tardy-Marcus viele Jahre später. «Aber damals lachte man darüber.» Noch.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Solche frechen Choreografien, die sie sich selbst ausdachte, präsentierte die in der Schweiz geborene Rebellin in den politischen Kabaretts der Vergnügungsmetropole Berlin. Anfang der 1930er Jahre tanzte die Bohème ausgelassen auf dem Vulkan, während die Herrschaft der Nazis bereits drohende Schatten vorauswarf. «In den ersten Wochen des Dritten Reichs werden Paraden abgehalten. Sollten diese Paraden durch Regen, Hagel oder Schnee verhindert werden, werden alle Juden in der Umgebung erschossen», prophezeite Werner Finck, der Direktor der legendären Kabarettbühne Katakombe, wo Tardy-Marcus ihre Premieren gab. Die bitterböse Satire wurde alsbald von der Wirklichkeit eingeholt.«Wir waren wie gelähmt»Nach der sogenannten «Machtergreifung» am 30. Januar 1933 wehte der Tänzerin ein scharfer Wind entgegen. Geld zum Leben verdiente sie im Ballett der Städtischen Oper in Charlottenburg (heute: Deutsche Oper Berlin). Nebenbei trat die engagierte Kommunistin bei Veranstaltungen der KPD auf. Als die Nazis nach dem Reichstagsbrand begannen, ihre Gegner mit unerbittlicher Härte zu verfolgen, geriet sie sofort in deren Fadenkreuz. «Verteilte fortgesetzt kommunistisches Propagandamaterial. Agitierte andauernd unter dem Personal der Tanzgruppe», hiess es in einem Denunziationsschreiben, das auch eine Aufführung ihrer Hitler-Parodie im Kabarett der Komiker am Kurfürstendamm erwähnt.Das «Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums» führte ab April 1933 zu radikalen Säuberungen im öffentlichen Dienst. Als «politisch unzuverlässig» eingestuft, verlor Tardy-Marcus – ebenso wie zahlreiche andere Mitarbeiter – ihre Stelle an dem Opernhaus, das noch im selben Jahr dem Reichspropagandaminister Joseph Goebbels unterstellt wurde. Auch als «Halbjüdin» war sie in grosser Gefahr. An Emigration dachte sie zunächst dennoch nicht: «Wir waren wie gelähmt.»Sie tauchte ab und kam zeitweise bei einem Attaché der Schweizer Botschaft unter, wo sie sich sicher fühlte. «Den hat es später die Karriere gekostet», sagte sie in einem Interview. Mit ebenfalls kaltgestellten Kollegen verliess sie schliesslich Deutschland. Ihr stand eine Flucht durch mehrere Staaten bevor, denn als Tochter von Deutschen besass sie keinen Schweizer Pass und konnte nicht einfach in die Heimat zurückkehren.Tardy-Marcus kam 1905 in St. Gallen als Tochter eines in Berlin geborenen Klavierlehrers zur Welt. Ihr jüdischer Grossvater väterlicherseits leitete ein Sanatorium in Bad Pyrmont, die Familie der Mutter stammte aus Hannover. Schon in ihrer Jugend begeisterte sie sich für Tanz. Zum Erweckungserlebnis wurde eine szenische Aufführung von Johanna Spyris «Heidi»-Roman mit Schülern von Émile Jaques-Dalcroze im Stadttheater. Den ersten Tanzunterricht finanzierte sie mit Aktstehen in der Gewerbeschule – für damalige Verhältnisse ein Skandal. Ihre Lehrerin Margrit Forrer-Birbaum studierte einst bei Dalcroze und Rudolf von Laban, der auf dem Monte Verità bei Ascona den modernen Ausdruckstanz prägte.Mit 18 Jahren hielt sie nichts mehr in der Provinz. Labans frühere Lebensgefährtin Suzanne Perrottet leitete an der Uraniastrasse in Zürich eine Bewegungsschule, wo sich Tardy-Marcus eine gute Berufsausbildung erhoffte. Die angehende Tänzerin, damals noch nicht volljährig, sagte ihrer Mutter selbstbewusst: «Also, ich geh jetzt nach Zürich.» Von der Wandervogel-Bewegung beeinflusst, packte sie ihre Siebensachen kurzerhand in einen Rucksack. Auf einer Meldekarte, die im Stadtarchiv aufbewahrt wird, sind mehrere Adressen vermerkt – von der Bolleystrasse und der Universitätsstrasse im Kreis 6 zog sie zum Stampfenbachplatz und schliesslich zu ihrem Bruder in die Hallenstrasse im Seefeld.Für den Bildhauer Eduard Zimmermann, der einen grossen Auftrag von der Schweizerischen Volksbank erhalten hatte, stand sie nackt für zwei Statuen Modell. «Er wohnte etwas ausserhalb der Stadt, ein weiter Weg für mich, aber so bekam ich Arbeit für etwa ein Jahr», erzählte sie. Die Figuren, eine davon mit einem Apfel in der Hand, zieren noch heute die Fassade des ehemaligen Bankgebäudes in der Bahnhofstrasse, direkt neben dem St. Annahof.«Kein Korsett mehr, keine hohen Absätze, man übt nackt, bewegt sich in alle Richtungen»: Julia Marcus als Wigman-Schülerin.Ursula Richter / Akademie der Künste BerlinIm «Mekka des modernen Tanzes»Aus der Schweiz ging es für sie dann nach Dresden, wo die Künstler ärmer waren und auch das Aktstehen schlechter bezahlt wurde. Tardy-Marcus besuchte dort die Schule der charismatischen Choreografin Mary Wigman, «seinerzeit das Mekka des modernen Tanzes». Das Barfusstanzen, der Einsatz des gesamten Körpers waren nicht nur Kunst, sondern auch eine Befreiung: «Kein Korsett mehr, keine hohen Absätze, man übt nackt, bewegt sich in alle Richtungen.» Schon von weitem habe man draussen das Dröhnen der Gongs und Trommeln, das Hämmern der Klaviere und das Stampfen der Füsse gehört, erzählte sie. «Für die Dresdner Bürger war das natürlich ein Schreck, man zeigte mit dem Finger auf das Gebäude und die Wigman-Schülerinnen, die man an ihren wehenden Haaren, strumpflosen Beinen und bleichen Gesichtern erkannte.»Klassischer Spitzentanz war bei Wigman verpönt. Doch das Engagement an dem Berliner Opernhaus sicherte Tardy-Marcus nach dem Diplom ein festes Einkommen und liess ihr zugleich Freiräume. Eigene Choreografien zeigte sie als Solistin auf Kleinkunstbühnen, manchmal gemeinsam mit der Grotesktänzerin Valeska Gert. Zu ihrem Repertoire gehörte eine Parodie des Sängers Al Jolson, der durch frühe amerikanische Tonfilme berühmt wurde.Diese Freiheit endete, als die Nazis an die Macht kamen. In ihrem letzten Stück «Walzer 1933» trat sie mit einer Handtasche auf, die sich in eine Gasmaske verwandelte. Politisch missliebige Künstler wurden systematisch bespitzelt. Der Kabarettist Werner Finck bot der Geheimpolizei zunächst mutig die Stirn: «Entschuldigen Sie, sprech ich zu schnell?», rief er auf der Bühne. «Kommen Sie mit? Oder soll ich mitkommen?»Auch Wigman wurde wegen angeblicher «kommunistischer Umtriebe» von der Gestapo aufgesucht. Ständig in finanziellen Nöten, arrangierte sie sich jedoch mit den neuen Machthabern, die Tanz als Propagandainstrument nutzen wollten. Ihre Schule trat dem «Kampfbund für deutsche Kultur» bei, fortan galt dort der «Arierparagraf». Laban, bis 1934 Ballettdirektor an der von Goebbels’ Rivalen Hermann Göring gelenkten Preussischen Staatsoper und dann Leiter des gesamten Tanzwesens, diente sich ebenfalls den Nazis an. Wie Wigman fiel aber auch er in Ungnade. Ihre Kunst war zu abstrakt, zu intellektuell für ein Regime, das die Massen unter totale Kontrolle bringen wollte.Aufzeichnungen der Berliner Vortänzerin Edit Kubbe, in denen Julia Marcus wegen ihrer Hitler-Parodie denunziert wurde.PD«Das Boot ist voll»Tardy-Marcus gelang im Sommer 1933 die Flucht nach Warschau, wo sie bei einem Tanzwettbewerb einen Preis gewann. Über Wien fuhr sie weiter zu ihrem Bruder, der noch in Zürich wohnte. Eine Fahrkarte nach Paris – für sie die Kulturstadt schlechthin – hatte sie schon in der Tasche. Die Rückkehr in die Schweiz war ernüchternd. Als Deutsche sah sie sich keineswegs mit offenen Armen empfangen. Frühere Gönner, die ihr Studium unterstützt hatten, waren inzwischen Anhänger des Psychoanalytikers C. G. Jung, der mit den Nazis sympathisierte. «Sie waren überhaupt nicht mehr hilfsbereit, taten nichts für mich», erkannte sie. «Hier konnte ich nicht Fuss fassen, man wollte mich nicht.»Was die Losung «Das Boot ist voll» bedeutete, bekam sie während ihres kurzen Aufenthalts deutlich zu spüren. Eric Streiff, ein Freund Perrottets, der für die NZZ als Korrespondent und später als Auslandredaktor arbeitete, sagte ihr unumwunden: «Die Stimmung ist gar nicht günstig, Emigranten sind in der Schweiz nicht erwünscht.»Kurz vor der Abreise trat sie im Dezember 1933 mit ihren Parodien im «Kaufleuten» auf. Am Klavier begleitete sie der Schweizer Pianist Tibor Kasics, einer der Gründer der Berliner «Katakombe». Den anwesenden NZZ-Rezensenten mit dem Kürzel «eb.» überzeugte sie «nicht restlos» – der «Furor der Gestik und Mimik wirkte doch allzu ungebändigt». Die Groteske «Gandhi und der britische Löwe» wurde immerhin für «lustig» befunden. In der Rolle des indischen Freiheitskämpfers wollte sie demonstrieren, dass am Ende die Gewaltlosigkeit siegt. «Schliesslich vollführte die Musik so ein grollendes Glissando wie vor der Todesspirale im Zirkus», erinnerte sie sich. «Da ging ich auf den Löwen zu und steckte ihm meinen Kopf in den Rachen. Und der biss natürlich nicht zu.»Von Zürich aus kam sie nach Paris, wo sie erst einmal illegal lebte. Denn mehr als ein Transitvisum für Frankreich konnte sie sich nicht leisten. Der moderne Tanz war zu der Zeit in Paris kaum gefragt. «Ich konnte zwar hin und wieder tingeln, aber ohne Geld. Dann hiess es: ‹Vous danserez, ça vous fera connaître.›» Tardy-Marcus gelang es abermals, neue Wege einzuschlagen. Sie gab reichen Damen Gymnastikunterricht, stand immer wieder auf der Bühne und verkehrte in Künstlerkreisen auf dem Montparnasse. Die Ehe mit dem französischen Ingenieur Daniel Tardy schützte sie während der deutschen Besetzung.Ein Plakat von 1936 bewirbt einen Auftritt von Julia Marcus («de l'Opéra de Berlin») im Exil in Paris.PDEine zweite KarriereIhr Jugendtraum, als Tänzerin den ganz grossen Durchbruch zu schaffen, hatte sich zwar nicht erfüllt. Doch als Literaturübersetzerin und Tanzkritikerin konnte sie sich nach dem Krieg international einen Namen machen. Bis ins hohe Alter arbeitete sie auch für diese Zeitung. «Ich weiss noch, wie ich zur NZZ gekommen bin. Alle sagten mir: ‹Zur Neuen Zürcher willst du? Wer da reinwill, für den muss der Vater ein dickes Aktienpaket mitbringen›.» Den damaligen Feuilletonredaktor Jakob Welti konnte sie schliesslich für Roland Petits erotisches Ballett «Carmen» erwärmen: «Jo, was Sie do verzellt händ, chönd Sie ufschriebe, und das bringäd mer dänn.» Von da an verfasste Tardy-Marcus 38 Jahre lang Kritiken für die Rubrik «Tanz in Paris», bevor sie 2002 im Exil starb.Die Deutsche Oper in Berlin stellt sich heute ihrer belasteten Vergangenheit. In einer Reihe mit Gedenkkonzerten «Wider das Vergessen» wurde auch an das Schicksal der vertriebenen Ballerina erinnert.Julia Marcus während der 1980er Jahre an der Zürcher Bahnhofstrasse unter den beiden Statuen des Bildhauers Eduard Zimmermann, für die sie ihm einst Modell gestanden hatte.PDPassend zum Artikel