PfadnavigationHomeICONISTServiceFerrari 849 Testarossa„Miami Vice“ mag Geschichte sein, der Rausch geht weiterVon Thomas GeigerVeröffentlicht am 13.04.2026Lesedauer: 7 Minuten Testfahrt im neuen Ferrari 849 Testarossa Quelle: FerrariFerrari legt seine 80er-Jahre-Ikone neu auf – als radikal modernen Supersportwagen mit 1050 PS. Der Hybridantrieb wird dabei zum Bestandteil des Charakters. Er macht den 849 Testarossa nicht weniger wild, sondern kompletter.Aus dem Soundsystem erklingen die ersten Takte von „In the Air Tonight“ und noch bevor mir das vielleicht berühmteste Schlagzeugsolo des Pop in die Ohren hämmert, spielt das Kopfkino „Miami Vice“. Ein Ferrari Testarossa gleitet durch die Nacht, Neonlichter spiegeln sich im Lack, Bikini-Schönheiten lachen von den Booten der Besserverdiener, Palmen rauschen vorbei, und irgendwo zwischen zwei Takten Phil Collins wird aus einem Auto ein Mythos. Damals war ich zu jung, um selbst zu fahren, aber alt genug, um zu wissen: So sieht Freiheit aus. Ein Ferrari, flach wie ein Versprechen, laut wie ein Aufbruch. Dass dieser Name nun auf einem neuen Modell steht, fühlt sich an wie ein Gruß der Geschichte. Nur dass ich diesmal alt genug dafür bin und hinreichend erfahren, selbst wenn sich die Leistung mittlerweile fast verdreifacht hat und der neue 849 Testarossa mit 1050 PS zum bis dato stärksten Serienmodell aus Maranello aufgestiegen ist. Zwar steht das Coupé, das es zum Sommer auch als Spider mit Klappdach geben wird, nicht am Ocean Drive, sondern irgendwo im spanischen Nirgendwo. Doch erstens kann man weder den alten noch den neuen Testarossa in Florida auch nur ansatzweise angemessen fahren, wenn man nicht gerade beim Miami-Dade Police Department arbeitet. Und zweitens ist Miami in diesem Auto keine Ortsangabe, sondern ein Mindset. Genau wie die Farbe: Der Testarossa hat seinen Namen nicht vom Lack, sondern von den roten Zylinderköpfen, die es bei Ferrari seit den 1950er-Jahren gibtLesen Sie auchDeshalb braucht es weder den Ozean noch die Palmen, nicht einmal die schwüle Hitze einer Sommernacht, damit einem in diesem Auto das Herz aufgeht. Es braucht nur ein möglichst einsames und dafür eng gewundenes Asphaltband wahlweise zwischen Leitplanken und Curbs auf einer Rennstrecke oder ganz weit draußen auf dem Land, wo dann gerne auch noch ein bisschen Berge dazu kommen dürfen. Wenn nur der Auftakt nicht wäre. Als würde sich die Werbung vor dem Start einer neuen Folge quälend in die Länge ziehen und Jan Hammers Titelmusik nie einsetzen, lässt der Soundtrack auch beim Testarossa erstmal auf sich warten. Denn Ferraris neuster ist wie der Vorgänger SF90 ein Plug-in-Hybrid und startet deshalb erst mal elektrisch nur mit einem synthetischen Surren. Ein Ferrari, der klingt wie ein Haushaltsgerät – das braucht einen Moment. Doch ein Fingerdruck auf das Manettino, ein Gasstoß, und plötzlich ist alles wieder da: Der V8 erwacht wie eine Diva, die man aus der Siesta gerissen hat. Ein grollendes Crescendo, das den elektrischen Einstieg vergessen macht. Die Welt sortiert sich neu, jetzt nach Drehzahl und Dezibel. So laut und energiegeladen, wie wenn Phil Collins endlich zum Solo kommt und auf sein Schlagzeug eindrischt.Was folgt, ist weniger Beschleunigung als Überfall. Der V8 hat 830 PS und 842 Nm, die beiden E-Maschinen im Bug bringen nochmal 220 PS ein. Das wirkt! 2,3 Sekunden: Noch bevor mein Kopf die Zahl verarbeitet, flimmert Tempo 100 über den Bildschirm. 6,35 Sekunden, nach kaum zwei Atemzügen mehr stehen 200 km/h an. Und wenn ich jetzt nicht gleich den Fuß vom Gas nehme, wären bis über 330 Sachen drin. Der Vortrieb wirkt nicht brutal, sondern grenzenlos. Als wäre der Horizont vor der Flunder auf die Flucht gegangen, stürmt der Testarossa über den Teer und bevor es in einer Kurve eng wird, krallt sich die elektrische Vorderachse mit fest und verzahnt den Ferrari so mit der Fahrbahn. So lasse ich mir Elektrotraktion gerne gefallen. Dabei knallen die Gänge nur so durchs Getriebe und jeder Gangwechsel wird begleitet von einer kleinen Explosion, künstliche Fehlzündungen schlagen wie Kanonenschläge durch den Innenraum. Man hört sie nicht nur, man spürt sie. Und man merkt: Dieses Auto will nicht beeindrucken, es will überwältigen. Aber ein bisschen Drama darf ja auch sein, wenn man 450.000 Euro dafür investiert.Später bremsen, früher beschleunigenDabei ist erstaunlich viel Kontrolle im Spiel. Der Testarossa zieht nicht nervös in die Kurve, sondern legt sich breit und ruhig hinein, als wüsste er genau, wie viel Haftung noch da ist. Auf der Rennstrecke saugt er sich an den Asphalt, der Abtrieb drückt ihn förmlich fest. Je schneller es wird, desto leichter fühlt sich das Lenken an – paradox, aber logisch. Die Elektronik arbeitet im Hintergrund wie ein unsichtbarer Fahrlehrer: Sie rechnet, verteilt, korrigiert. Je weiter man sie zurücknimmt, desto mehr übernimmt das eigene Talent – oder das eigene Schicksal. Von narrensicher bis messerscharf ist alles möglich.Lesen Sie auchIm schnellen Wechsel zwischen Bremse und Gas fühlt sich der Ferrari weniger wie ein Auto an als wie ein sehr lautes Rechenzentrum auf Rädern. Ein digitaler Zwilling simuliert permanent, was gleich passieren wird, und schickt die Kraft dorthin, wo sie gerade Sinn ergibt. Das Resultat: Später bremsen, früher beschleunigen, mehr Vertrauen in Situationen, in die man sich sonst nicht wagen würde. Und doch bleibt es ein mechanisches Erlebnis, Powerplay statt Playstation. Die Lenkung zerrt an den Handflächen, der Körper wird in den Gurt gedrückt, beim Rausbeschleunigen knallt der Kopf ins Polster. Das ist kein Wellnessprogramm, sondern Hochleistungssport.Später auf der Landstraße, zeigt der Testarossa eine andere Seite. Er ist noch immer laut, noch immer präsent, aber plötzlich auch erstaunlich gesittet. Unebenheiten werden nicht wegmassiert, aber souverän überspielt. Der Motor brummt bei moderatem Tempo fast zurückhaltend, der Innenraum fühlt sich eher nach Gran Turismo an als nach Tracktool. Komfort ist hier kein Schimpfwort, sondern Teil des Konzepts. Optisch schlägt der neue Testarossa eine Brücke in die Vergangenheit, ohne in Nostalgie zu versinken. Das dunkle Band an der Front erinnert an die alten Klappscheinwerfer, ohne sie zu kopieren. Die Flanken saugen Luft durch mächtige Kiemen, das Heck spannt sich mit zwei Spoilerstummeln wie mit Hosenträgern zusammen. Und wenn man durch die verglaste Haube über dem Motor mit acht Zylindern mit jeweils 0,49 Litern Hubraum - daher das Präfix - nach unten schaut, sieht man den Grund für den Namen und starrt verträumt auf rote Zylinderköpfe. Die Hybridtechnik ist kein FeigenblattInnen geht es ähnlich zu. Kein billiger Retro, sondern bewusste Zitate: echte Tasten am Lenkrad, ein erhabener Startknopf, eine Schaltkulisse, die aussieht, als wäre sie aus dem Vollen gefräst, selbst wenn da nur der Automatik-Stummel durchgleitet. Gleichzeitig flimmern Displays, Menüs lassen sich konfigurieren, Fahrprogramme wechseln per Daumenbewegung. Vergangenheit und Gegenwart schließen hier keinen erzwungenen Waffenstillstand, sie arbeiten zusammen.Irgendwann auf einer längeren Geraden zwischen zwei Kurven frage ich mich kurz, wie sich dieser Ferrari wohl ohne Elektromotoren anfühlen würde. Leichter, vielleicht lauter, vielleicht roher – oder doch mit einem Hauch von Turboloch, das die E-Maschine jetzt mit zusätzlichem Drehmoment zuschüttet? Aber diese Frage bleibt theoretisch. Die Hybridtechnik ist kein Feigenblatt, sondern Teil des Charakters. Sie füllt die Lücken, glättet die Brutalität, ohne sie zu entschärfen. Der Testarossa wirkt dadurch nicht weniger wild, sondern nur vollständiger.Lesen Sie auchUnd so bleibt am Ende weniger die Leistung in Erinnerung als ein Gefühl. Dieses Auto ist kein stiller Fortschritt, sondern ein lauter Beweis, dass man auch mit Steckdose noch Drama erzeugen kann. Er erinnert an die Achtziger, ohne sie zu kopieren. Er fährt wie ein Supersportwagen alter Schule, denkt aber digital. Und er zeigt, dass man Rot genauso wenig wörtlich nehmen muss wie Miami, wenn nur die Einstellung stimmt. Als ich aussteige, klingt mir noch immer Phil Collins im Ohr. Nicht, weil jemand Musik eingeschaltet hätte, sondern weil sich dieser Tag genauso anfühlt wie damals vor dem Fernseher: ein bisschen zu schnell, ein bisschen zu laut, ein bisschen zu intensiv für den Alltag. Der neue Testarossa ist kein Auto der Vernunft. Er ist ein Fahrzeug für alte Erinnerungen und neue Eindrücke, die erst noch Erinnerungen werden wollen. Miami Vice ist Geschichte. Der Rausch bleibt.Thomas Geiger zählt sich eigentlich eher zum Lambo-Lager, weil ihm die Autos aus Maranello oft zu fein und zu eitel vorkommen. Doch im Testarossa fühlte er sich plötzlich wieder jung und fidel wie in den Achtzigern.
Neuer Ferrari Testarossa: Miami Vice ist Geschichte. Der Rausch bleibt - WELT
Ferrari lässt eine 80er-Jahre-Ikone aufleben – als radikal modernen Supersportwagen mit 1050 PS. Der Hybridantrieb wird dabei zum Teil des Charakters. Er macht den Testarossa nicht weniger wild, sondern vollständiger.







