Modedesigner wie eine Indie-Band: Marina Yee, Dries van Noten, Ann Demeulemeester, Walter van Beirendonck, Dirk Bikkenbergs, Dirk van SaeneQuelle: Karel FonteyneVor 40 Jahren machte eine lose Gruppe von Kreativen das Modeniemandsland Belgien zum Zentrum der Coolness. Ihre Heimatstadt feiert nun den enormen Einfluss der „Antwerp Six“.Der eine genießt in Brasilien seinen frühen Luxusruhestand, der andere eröffnet demnächst sein Museum in Venedig, und die dritte, die genialische, gequälte Marina Yee ist leider vor einigen Monaten verstorben. Was in Antwerpen und der Modewelt mit einer großen Ausstellung als 40-jähriges Jubiläum und lange überfällige Würdigung einer immens einflussreichen Gruppe von Designern gefeiert wird, illustriert doch auch, wie weit sich deren Wege getrennt haben.Es geht um die Antwerp Six, eine lose Gruppe von Kreativen, die sich in den 80ern in der belgischen Stadt an der Königlichen Akademie der Schönen Künste trafen, durch Ausgehen, Arbeiten und gemeinsame Vermarktung zusammengeschweißt wurden und dann sehr unterschiedliche Karrieren durchlebten. Neben Yee waren das Dirk Bikkembergs, Ann Demeulemeester, Walter von Beirendonck, Dirk Van Saene und Dries van Noten.Wie wird man diesem Mythos gerecht? Vielleicht mit einem Schnelldurchlauf. Denn der Niedergang der belgischen Textilindustrie und die Kindheitsgeschichten der Designer sind in dem opulenten Katalog zur Ausstellung im MoMu wunderbar dokumentiert. Die Gründungsgeschichte wiederum zählt mittlerweile zur belgischen Folklore wie die in Rindernierenfett gebackenen Kartoffelschnitze. Die sechs hatten Mitte der 80er ihre Ausbildung beendet, werkelten in diversen Jobs, gewannen den Förderpreis Goldene Spindel (1982: Demeulemeester, 1983: van Saene), standen am Anfang ihrer Karrieren. Nur Bikkembergs, der hochgewachsene, visionäre Ehrgeizling, wusste schon, dass er noch vor seinem 30. Geburtstag auf dem Cover der „Vogue“ landen wollte. Er vertraute dem Modehändler Gert Bruloot seine Schuhkollektion an, der damals in Antwerpen eine Schuhboutique mit dem noch heute genialen Namen „Crocodillo“ führte. Bruloot reiste damit durch Belgien und die Niederlande, um die Modelle, die so gar nicht dem damaligen Zeitgeschmack entsprachen, in die Läden zu bringen – bis er auf die Idee kam, es im modisch aufgeschlosseneren London zu versuchen.Lesen Sie auchZur Messe British Designer Show 1986 wollte Bruloot, ein mitreißender Enthusiast, der auch als Co-Kurator der Ausstellung fungierte, die Kollektion von van Beirendonck mitnehmen. Van Noten rief an und wollte dabei sein. Mehr ist mehr, muss Bruloot gedacht haben und entschloss, dass es sechs Designer aus Belgien sein sollten. Angeblich hatten die Briten Schwierigkeiten mit den Namen, jedenfalls kursierte schnell das Label Antwerp Six, die jungen Leute aus dem Modeniemandsland erregten Aufsehen und die erste Order kam von Barneys in New York, einem der damals einflussreichsten Geschäfte der Welt. Der Rest ist Geschichte. Deswegen kann man noch mal kurz zurückspulen.Bevor die Antwerp Six die Modewelt bezauberten, hatten die japanischen Designer Issey Miyake, Yōji Yamamoto und Rei Kawakubo mit ihrem Label Comme des Garçons bereits ihre Spuren hinterlassen. „Sie öffneten unsere Augen, wie man Mode erschaffen und präsentieren konnte“, sagt van Saene heute im Interview. Die Radikalität, mit der die Japaner Kleidernormen infrage stellten, die disruptiven Silhouetten und die vorherrschende Farbe Schwarz, sollen im Zusammenhang mit der Erfahrung der Atombomben im Zweiten Weltkrieg gestanden haben, Miyake hatte die Katastrophe als Siebenjähriger in seinem Klassenzimmer in Hiroshima erlebt, seine Mutter starb wenig später an der Strahlenkrankheit, er selbst wollte erst kurz vor seinem Tod darüber sprechen. Für die Belgier aber, so ironisch und grausam funktioniert kulturelle Ansteckung, bot die Vorarbeit ihrer Kollegen im Osten eine kreative Freiheit, in der alles möglich schien.Sie waren im Punk sozialisiert und setzten dem Powerdressing der 80er eine Independent-Version von Mode entgegen, die mit dem Zeitgeist in Musik und Jugendkultur korrespondierte – und aus der Sicht der von Megakonzernen dominierten Modewelt unserer Tage exotisch und erfrischend wirkt. „Wir wollen diskutieren, was Talent heute bedeutet. Die Industrie hat sich geändert, wie ernähren wir heute Kreativität?“, erklärt Kaat Debo, Direktorin des MoMu, bei der Begrüßung der internationalen Presse. „Die Aufmerksamkeit, die wir im Vorwege erfuhren, zeigt, dass wir Themen berühren, die aktueller denn je sind: künstlerische Autonomie, Autorenschaft, die Dynamik zwischen Zentrum und Peripherie.“ Die Karrieren der sechs verliefen höchst unterschiedlich: Bikkembergs, van Noten und Demeulemeester gründeten erfolgreiche Labels, deren Ästhetik unterschiedlicher nicht hätte sein können. Van Beirendonck zeigt unverdrossen seine knallbunte, zugleich futuristische und dystopische Mode während der Pariser Fashion Week und war 15 Jahre lang Leiter der Modeabteilung an seiner Akademie. Van Saenes Arbeit oszillierte lange zwischen Kunst und Mode, inzwischen arbeitet er nur noch als Künstler. Und Yee kämpfte Jahrzehnte mit Zweifeln und Ängsten, erst vor wenigen Jahren wurde ihre Marke behutsam wiederbelebt.Die Ausstellung will allen sechs gerecht werden. Die ersten Räume sind, ganz klassisch, Collagen, die das kulturelle Umfeld, die ersten verwegenen Schritte, das schöne, kreative Chaos des Aufbruchs abbilden. Plattencover von Prince oder The Smiths, frühe Versace-Kampagnen, die Modefotografie des Wegbegleiters Patrick Robijn, die an die poetischen Bilder von Paolo Roversi erinnern. Polaroids vom gemeinsamen Trip zur Modemesse Pitti in Florenz, für den die Antwerp Six zwei Wohnmobile mieteten und sich auf den Weg machten: Selbst der stets von seinen Mitstreitern als bürgerlich belächelte Dries van Noten sitzt in Jeans und weißem T-Shirt beim Picknick.Es folgen sechs Räume, die jeweils einem Designer gewidmet sind. Die ultrapolierte Welt des Dirk Bikkembergs, der seinen Laden in Mailand einrichten ließ wie das Apartment eines Fußballprofis: mit Fitnessstudio, Pokalraum und Aktfoto über dem Fernseher. Sein nostalgischer und brutaler Blick auf den muskulösen Männerkörper (Riefenstahl, Anabolika etc.) mag auch persönlich motiviert gewesen sein, er war aber vor allem visionär: Bikkembergs war verantwortlich für den Siegeszug des Designer-Sneakers, und er verkaufte sein Unternehmen zum perfekten Zeitpunkt. Walter von Beirendonck unterhält sich mit einer Roboter-Kunstfigur, die er vor Jahrzehnten erfunden hat. Sein eigenes Gesicht, ein weißbärtiger Herr zwischen Güte und Zorn, ist auf einem verzerrten Bildschirm zu sehen. Um ihn herum eine bunte Mutantenarmee. Sein langjähriger Partner Dirk van Saene hat eine Modenschau inszeniert, bei der Puppenmannequins wie auf einer Modelleisenbahn an einem Puppenpublikum vorbeituckern: Das Publikum trägt Masken, deren Art-brut-Simplizität die Rituale der Modewelt karikiert. Im nächsten Raum hat sich Dries van Noten, der bis zu seinem Rückzug 2024 die gradlinigste Karriere in der Modewelt absolvierte, einen betont bescheidenen Auftritt entwerfen lassen. Ein paar exquisite, referenzreiche Looks, einer aus seiner Zusammenarbeit mit Christian Lacroix, dahinter Videos seines Showfinales, was doch wieder ein Powermove ist: Auf diese Weise sieht man praktisch alles, was der Mann geschaffen hat. Der nächste Raum ist ein Schock: der Nachbau des winzigen, chaotischen, vollgestopften Ateliers, in dem Marina Yee arbeitete. An der Wand hängt eine gerahmte Collage, auf der „One Day At A Time“ steht – das Mantra der Süchtigen und Depressiven.Wenn das Leben unerträglich zu werden droht, schau nur auf den nächsten Schritt und ob der zu bewältigen ist. Die schwarzen Kleider von Ann Demeulemeester zeigen den ungeheuren Einfallsreichtum und die Konsistenz in ihrem Werk. Und warum es eine Zeit gab, in der ihre Entwürfe die inoffizielle Uniform der wohlhabenden Kreativen waren. Gleichzeitig fühlt sich diese Parade an wie die Trauerfeier für die verstorbene Kollegin. Mode im Museum fehlt oft das Entscheidende: die Unsicherheit, der Stolz, die Eitelkeit, der Wagemut derjenigen, die sie tragen. Die Ausstellung „Antwerp Six“ aber ist eine hochemotionale Angelegenheit.Die Sechs werden nicht als Freunde verklärt, sondern in ihrer Unterschiedlichkeit und in ihrem Eigensinn gefeiert. Als Saene 1983 von Jury-Mitglied Jean Paul Gaultier gebeten wurde, nach Paris zu kommen und bei ihm zu arbeiten, sagte dieser: „Ich habe hier Walter, ich habe hier meinen Hund, ich gehe nicht nach Paris.“ Von seiner Lakonie hat dieser Mann, der kein erkennbares Bedauern über verpasste Chancen zeigt, nichts verloren. „Vielleicht haben wir härter gearbeitet“, sagt er auf die Frage, was den Erfolg dieser Gruppe Hochbegabter ausgemacht habe. Und das ist keine bequeme, aber eine positive Botschaft.Die Ausstellung „The Antwerp Six“ ist bis zum 7. Januar 2027 im Antwerpener Modemuseum MoMu zu sehen.
Belgien: Novizen aus der Provinz – wie die „Antwerp Six“ die Modewelt revolutionierten - WELT
Vor 40 Jahren machte eine lose Gruppe von Kreativen das Modeniemandsland Belgien zum Zentrum der Coolness. Ihre Heimatstadt feiert nun den enormen Einfluss der „Antwerp Six“.






