PfadnavigationHomeICONISTTrendsLiterarische VierbeinerHunde, wollt ihr ewig lesen?Veröffentlicht am 05.04.2026Lesedauer: 3 MinutenSymbiose: Vorleser und HundQuelle: Adriano SackHunde hören zu, wenn man ihnen vorliest – nicht, weil sie die Worte verstehen, sondern weil sie die Aufmerksamkeit spüren. Was ein elfjähriger Junge in Sizilien, Harry Potter und ein literarischer Cockerspaniel von Virginia Woolf gemeinsam haben.Es gibt Anfänge, die man nie vergisst. „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde“, „Nennt mich Ismael“ oder „Mr. und Mrs. Dursley im Ligusterweg Nummer 4 waren stolz darauf, ganz und gar normal zu sein, sehr stolz sogar.“ Und es gibt Szenen, die man nie vergisst. Als kürzlich die Familie R. bei uns in Sizilien zu Besuch war – Mutter, Vater, Tochter, Sohn und ein rüstiger VW-Bus –, gab es aufgeschürfte Knie, eine Brandblase beim Marshmallow-Rösten und Pistazien-Eis bei der Palmsonntagsprozession. Vor allem aber gab es einen denkwürdigen Abschied. Während sich der Clan zur Weiterfahrt rüstete, lag neben dem Wohnmobil auf einer kleinen Decke unser Hund und lauschte, während ihm der elfjährige Junge aus „Harry Potter“ vorlas. Ich platzte vor Neid, denn so aufmerksam und zufrieden hatte ich Jack lange nicht gesehen.Denn das Epos um den jungen Zauberer müsste Pflichtlektüre für neugierige Hunde sein. Schließlich wimmelt es bei Harry Potter von Tieren. Briefeulen, Hippogreife, Einhörner, der Phönix, nicht zu vergessen der Höllenhund Fluffy. Vermutlich beneidet Jack ihn nicht um seine Aufgabe, den Stein der Weisen zu bewachen, denn er arbeitet nicht gern unter Zwang. Außerdem ist er so freundlich, dass er jeden Eindringling schwanzwedelnd begrüßen würde. Aber die drei Köpfe, die könnte er beim Streit auf dem Hundespielplatz zuweilen schon gebrauchen, denn zwei zusätzliche Gebisse zum Fletschen – wer hätte die nicht gern?Lesen Sie auchDas Buch „Flush“ von Virginia Woolf wurde 1933 ein Bestseller. Sehr zu ihrem Ärger, denn sie hielt es für literarisch zweitrangig. Das Buch ist die Biografie des Cockerspaniels, der der Schriftstellerin Elizabeth Barrett Browning (1806-1861) gehört hatte und mit ihr nach Florenz zog, wo er die erfülltesten und erotisch abwechslungsreichsten Jahre seines Lebens verbringen durfte. Woolf erzählte den Roman aus der Perspektive des Hundes, der regelmäßig verwirrt ist, wenn seine Herrin Bücher oder Briefe liest, die ihr das Leben – und ihm rein gar nichts bedeuten. Wer wäre ich, mich mit Virginia Woolf anzulegen? Und doch frage ich mich, welche Bücher wohl welchem Hund gefallen könnten.Lesen Sie auchDem Chihuahua Pilaf (sic!) würde ich das Kochbuch „Salz. Fett. Säure. Hitze“ von Samin Nosrat empfehlen, damit er seinem „Frauchen“ Demi Moore mal was Ordentliches kochen kann. Die Bulldoggen von Bill Kaulitz könnten mit ihm in „L.A. Confidential“ von James Ellroy neue Seiten ihrer Heimatstadt entdecken. Was aber ist mit dem Hamburger Wolf, der in Ottensen eine Frau ins Gesicht biss? Um hier keine Missverständnisse aufkommen zu lassen. Ich wünsche der Frau von Herzen gute Besserung, und diese Raubtiere haben in der Großstadt nichts verloren. Trotzdem habe ich nichts gegen Wölfe. Viele meiner besten Freunde sind Wölfe. Wenn ich ihn, dem man noch nicht mal einen Namen gegeben hat, im Tierpark besuchen würde, dann würde ich ihm, durch Gitterstäbe getrennt und gesichert, Jack Londons „Ruf der Wildnis“ vorlesen. Denn dieser wunderbare Roman ist auch ein Plädoyer, sich von der menschlichen Zivilisation fernzuhalten.