PfadnavigationHomeICONISTFitness & WellnessFitnessinfluencerAuf TikTok gelten Muskeln als Maßstab – nicht das Training selbstVon Pierre-Yves WarnotteVeröffentlicht am 13.03.2026Lesedauer: 5 MinutenNur rund 40 Prozent der Fitnessbeiträge auf TikTok bieten konkrete Programme oder Übungen – häufig geht es vor allem um die Inszenierung des KörpersQuelle: Getty Images/Mike HarringtonTikToks Fitnesswelt folgt klaren Regeln – und klaren Rollenbildern, zeigt eine neue belgische Studie. Der Körper wird zur Bühne, zur Botschaft und zum Beweis. Um Training allein geht es dabei längst nicht mehr.Krafttraining, Fitness, TikTok – und ein Körperideal, das Ästhetik und sogar Ethik berührt: Das ist der Verdienst eines kürzlich vom belgischen CSA (kurz für „Conseil supérieur de l’audiovisuel“; Hoher Rat für audiovisuelle Medien) veröffentlichten Berichts. Autorin Emma Puma hat darin zehn Profile analysiert – von fünf Creatorinnen und fünf Creators, die im Bereich Fitness und Muskeltraining in Belgien (Wallonie-Brüssel) aktiv sind – sowie 400 Beiträge, die sie sowohl hinsichtlich ihrer Inhalte als auch der Kommentare genau untersucht hat.Der Rahmen ist bewusst begrenzt, die Schlussfolgerungen sind vorsichtig – und gerade deshalb ist das Ergebnis besonders solide. Emma Puma betont, es gehe „eher um Qualität als um Quantität“. Entsprechend moderat fallen die Feststellungen aus: Es finden sich weniger schädliche Themen als in vergleichbaren Studien aus anderen Ländern und nur wenige Kommentare, in denen es innerhalb der untersuchten Stichprobe vor allem um Gewichtsverlust geht.Der Körper steht im MittelpunktDer CSA zeigt vor allem einen Mechanismus der Legitimierung auf. In den meisten Inhalten geht es um körperliche Bewegung (74,25 Prozent der Beiträge), doch nur etwa 40 Prozent befassen sich wirklich mit bestimmten Programmen, Übungen oder Ratschlägen. Zwei Beiträge von zehn wollen einfach nur den Körper selbst präsentieren. Emma Puma erzählt, dass sie das „recht schnell“ erkennen konnte: Abgesehen von Übungen ging es in einer großen Anzahl von Videos „nicht direkt um Ratschläge“, sondern nur darum, den Körper zu zeigen, „ziemlich nackt“ und mit ausgeprägter Muskulatur.Der Bericht formuliert es ganz klar: „Der Körper steht im Mittelpunkt der Kommunikationsstrategie. Er ist das eigentliche ‚Thema‘ des Videos, gleichzeitig aber auch seine ‚Botschaft‘, die in der Arbeit, der Disziplin und der Selbstbeherrschung liegt. Sie kann inspirieren, aber auch nur als Schaufenster für die verkauften Produkte dienen.“ Und so wird der Körper zu einer Art Gütesiegel.Lesen Sie auchDer Bericht beschreibt auch eine Form von „konfusen Erkenntnissen“: Manchmal wird eine persönliche und subjektive Erfahrung so präsentiert, als handele es sich um eine fundierte wissenschaftliche Erkenntnis. Emma Puma meint: „Diese Verwirrung kommt vor allem bei den Content Creatorn vor, die ihre Programme verkaufen und sich deshalb legitimieren müssen.“ In einer Branche, in der der Titel des „Coachs“ oder „Trainers“ (wie in Belgien) nicht geschützt ist, „kann jeder Ratschläge und Tipps erteilen und damit seine Programme verkaufen“. Die erfolgreichste Marketingtechnik ist und bleibt jedoch die persönliche Erfahrung, nach dem Motto: „Wenn ich es geschafft habe, dann kann es jeder schaffen!“Die Zahlen im Teil „Werbung“ bestätigen diese Vermutung. In 112 von insgesamt 400 Videos taucht mindestens ein Werbeinhalt auf. Sieben von zehn Profilen vermarkten entweder ihr eigenes Programm oder ein Coaching-Angebot – doch nur vier von ihnen geben eine Ausbildung oder eine Qualifikation aus dem Sportbereich an. Werbeinhalte werden nur selten als solche ausgewiesen: Sechs der zehn Profile geben sie nicht an, zwei nur teilweise, und nur eine einzige Creatorin tut es systematisch.Geschlechtsspezifisches UniversumDie Studie zeigt außerdem, dass es sich um ein ausgesprochen geschlechtsspezifisches Universum handelt. Die Creatorinnen widmen ihre Inhalte vor allem Programmen und Training (45 Prozent), während die männlichen Creators eher das körperliche Erscheinungsbild betonen (30 Prozent, im Vergleich zu nur drei Prozent bei den Creatorinnen). Der Bericht zeigt auch ein gewisses Paradoxon bei einigen Creatorinnen auf: Sie sprechen zwar über Wohlbefinden und Selbstakzeptanz, gleichzeitig bestehen bei ihnen aber auch streng festgelegte Schönheitsideale, die eine Akzeptanz nur dann zulassen, wenn man den eigenen Körper verbessert.Sogar die Kommentare spiegeln diese visuelle Orientierung wider. Die Mehrheit der Profile antwortet auf weniger als einen von zehn Kommentaren, wirkliche Unterhaltungen sind sehr selten, und die Kommentare befassen sich „fast ausschließlich“ mit dem körperlichen Erscheinungsbild, und zwar voller Bewunderung. „Die Person, die die Inhalte erstellt, ist weniger wichtig als auf anderen Plattformen“, beobachtet Emma Puma und erinnert gleichzeitig an die Logik der TikTok-Feeds.Lesen Sie auchMehrere in anderen Ländern durchgeführte Studien beschreiben noch eine sehr viel härtere Seite der „Fitspiration“ auf TikTok (die einen gesunden, sportlichen und auf Muskeltraining basierenden Lebensstil anpreist): mit noch strengeren Körpernormen, Ratschlägen unterschiedlicher Qualität und schnellen Effekten für den Selbstvergleich. Dabei kommen zwar nicht alle Studien zu ein und demselben Ergebnis – einige analysieren Videos, andere testen die Auswirkungen ihrer Nutzung –, sind sich in einem Punkt jedoch einig: All diese Inhalte drehen sich nicht nur um Fitness, sondern vermitteln auch bestimmte Körperideale und Botschaften zur Gesundheit.Eine 2024 veröffentlichte Studie aus Australien, die in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift „Body Image“ (Pryde, Kemps, Prichard) erschien, hat 200 Videos mit besonders populären Hashtags untersucht (Fitness, Fitspo, Gymtok, Fittok). Sie verweist auf die dort angeführten Körperideale – ein fitter und schlanker Körper für Frauen, ein muskulöser für Männer – und auf ein bemerkenswertes Ergebnis: 60 Prozent dieser Videos enthielten Informationen zu körperlicher Bewegung oder Ernährung, die als falsch oder potenziell sogar gesundheitsschädigend angesehen werden.Lesen Sie auchEin weiterer Blickwinkel sind die Folgen der Videos. Eine Studie von „Body Image“ (2022), die mit 120 jungen Australierinnen durchgeführt wurde (im Alter von 18-25 Jahren), hat den Konsum von „Fitspiration“-Videos auf TikTok mit dem anderer, kontrollierter Videos verglichen. Die Forscherinnen stellten dabei fest, dass das Vergleichen der physischen Erscheinung ebenso zugenommen hatte wie eine gewisse negative Stimmung. Die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper steigerte sich kurzfristig zwar nicht unbedingt, doch der Vergleich des Aussehens scheint ein zentraler Mechanismus zu sein: Der Effekt entsteht zunächst durch den Reflex, sich mit den auf dem Bildschirm gezeigten Körpern zu vergleichen, und zwar sogar bevor man sich selbst überhaupt ein Urteil über den eigenen Körper gebildet hat.Schließlich berichtet eine Plos-One-Studie (2022) nach der Untersuchung von 1000 Videos zum Thema Gewicht, Ernährung und Essverhalten von einem größeren Umfeld, in dem „gewichtsnormative“ Botschaften dominieren, in denen Gesundheit oft mit Schlanksein gleichgesetzt wird und Experten in der Minderheit bleiben. Insgesamt zeichnen all diese Berichte das Modell eines Ökosystems, in dem Leistung, Ästhetik und Autorität sich gegenseitig intensivieren.Dieser Artikel erschien zuerst im belgischen „Le Soir“, wie WELT Mitglied der „Leading European Newspaper Alliance“ (LENA). Aus dem Französischen übersetzt von Bettina Schneider.
TikTok: Nicht der Rat, sondern der Körper steht im Fokus – „ziemlich nackt“ und muskulös - WELT
TikToks Fitnesswelt folgt klaren Regeln – und klaren Rollenbildern, zeigt eine neue belgische Studie. Der Körper wird zur Bühne, zur Botschaft und zum Beweis. Um Training allein geht es dabei längst nicht mehr.






