PfadnavigationHomeICONISTFitness & WellnessArtikeltyp:MeinungSelbstoptimierungIch bin zu schwach für die „Great Lock In“-ChallengeVeröffentlicht am 17.11.2025Lesedauer: 3 Minuten„Ich bin ein Mensch, der Sport macht“ – und das diszipliniertQuelle: Getty Images/Westend61Der 1. September ist der neue 1. Januar, denn seitdem läuft die „Great Lock In“-Challenge auf TikTok und Instagram. Die Teilnehmer haben vier Monate Zeit, sich zu einem besseren und fitteren Menschen zu machen. Was soll das?Der Countdown läuft und ich hinke schon hinterher. Ich hätte bereits am 1. September damit anfangen sollen, die beste Version meiner selbst zu werden. Dann hätte ich 121 Tage Zeit gehabt, um alle meine guten Vorsätze zu erfüllen, noch bevor das neue Jahr überhaupt begonnen hat. Denn es reicht nicht mehr, sein Leben am 1. Januar verändern zu wollen. Der 1. September ist der neue 1. Januar. Aber ich erfuhr davon erst am 26. Oktober, als ich von einer Social-Media-Challenge namens „The Great Lock In“ las. Bei dieser geht es darum, dass man in den letzten vier Monaten des Jahres noch mal alles gibt, um seine Ziele zu erreichen, ob es um Fitness-Fortschritte, Zuckerverzicht, eine bessere Schlafroutine oder die erste Million auf dem Konto geht (manche, siehe unten, verkürzten die Challenge auf zwei Monate). „To lock in“, was auf Deutsch so viel bedeutet wie „etwas einschließen“ oder „etwas festzurren“, heißt in dem Zusammenhang: Schluss mit Rumeiern. An die Arbeit. Selbstoptimierung, jetzt. Dabei wird man ermuntert, seine Ziele aufzuschreiben und den Weg dorthin in kleinen Schritten zu unterteilen, um sich strategisch vorzuarbeiten. Die TikToker, die die Challenge als lebensverändernd anpreisen, geben dann Tipps wie: „Hol Deine Sportkleidung schon am Abend vorher aus dem Schrank, damit Du in der Früh nicht danach suchen musst. Sag Dir nicht: ‚Ich muss Sport machen‘, sondern sag: ‚Ich bin ein Mensch, der Sport macht‘.“Ich bin ein Mensch, der nicht auf Tik Tok-Ratschläge hört. Aber vielleicht sollte ich das. Denn ohne je von der „Great Lock In“-Challenge gehört zu haben, hatte ich mir zum Beginn des Herbstes tatsächlich ein paar Ziele formuliert. Ich wollte nach einem vollen Sommer wieder regelmäßiger Sport machen, neue Supplements ausprobieren, achtsamer essen, weniger Alkohol trinken. Nach 56 Tagen voller Veranstaltungen und Dienstreisen muss ich leider sagen: Ich bin ein Mensch, der die Yoga-Stunde für einen Abendtermin ausfallen lässt. Ich bin ein Mensch, der zu einem Drink, der einem einfach in die Hand gedrückt wird, schwer nein sagen kann, auch wenn ich eigentlich kein Bedürfnis danach habe. Lesen Sie auchIch verstehe den Reiz des Lock-In-Prinzips. Es empfiehlt kompromisslose Entschlossenheit, Anpacken, anstatt abwarten, Fokus, statt Ausflüchte. Man zieht etwas durch. Das klingt verlockend in einer Zeit, in der man ständig abgelenkt wird und sich kaum auf einen längeren Text konzentrieren kann, geschweige denn auf ein größeres Ziel. Dabei hat Disziplin schon immer funktioniert, auch ohne catchy Hashtags und Slogans. Sie muss nur irgendwoher kommen. Der Schauspieler Anthony Hopkins sagte neulich in einem Interview mit der „New York Times“, er habe am 29. Dezember 1975 um 23 Uhr festgestellt, dass er Alkoholiker sei. Eine innere Stimme habe ihm gesagt, mit dem Trinken sei es jetzt vorbei. Und es war dann auch vorbei. Ich glaube auch an innere Stimmen. Das Problem ist, dass man sie bei dem Tik Tok-Lärm manchmal so schlecht hört. Realisieren, was einem, unabhängig von Trends, selbst guttut und danach handeln – das erscheint mir wie die ultimative Challenge. Bis zum 1. Januar sind es noch 62 Tage.