PfadnavigationHomeICONISTTrendsMoormann MöbelVon Aschau in die Welt – „Wir stehen für das Reduzierte. Eine gewisse Rohheit, Einfachheit“Veröffentlicht am 23.01.2026Lesedauer: 7 MinutenDer Moormann-Hocker „Strammer Max“ (von Haus Otto) bekommt durch ein stramm gedrehtes Seil seine StabilitätQuelle: Moormann/Lorraine HellwigVom Siebenschläfer-Bett bis zum Regalsystem FNP: Moormann steht für raffinierte Reduktion, Humor und radikale Regionalität. Entstanden im Chiemgau, geschätzt in Villen, Buchläden – und überraschenderweise besonders in Südkorea.Legt man den Kopf in den Nacken, erblickt man hoch oben das Schloss Hohenaschau. Schweift der Blick nach links, zeigt sich die Kampenwand. Wer zum ersten Mal auf dem Parkplatz vor dem Headquarter der Möbelfirma Nils Holger Moormann in Aschau steht, ist von dieser Kulisse ebenso beeindruckt wie von ihrer Ruhe.Umso erstaunlicher ist die Tatsache, dass in dieser 5500-Einwohner-Gemeinde im bayerischen Chiemgau, die vielen vor allem als Altersruhesitz des 2005 verstorbenen Schauspielers Hans Clarin – der Stimme von Pumuckl – bekannt ist, seit 40 Jahren deutsche Designgeschichte geschrieben wird. Von hier aus strahlt sie in die Welt, bis nach Südkorea, wo sich eine eingeschworene Moormann-Fangemeinde gebildet hat und auch der größte Einzelhändler sitzt.Lesen Sie auchMoormann steht für Möbel aus Holz oder Metall, die auf jedes Dekor verzichten, radikal in der Reduktion aufs Wesentliche sind und doch oft mit einem Augenzwinkern daherkommen. Nicht nur, aber auch, was ihre Namensgebung betrifft. Da gibt es ein Bett namens „Siebenschläfer“, ein Daybed heißt „Tagedieb“, ein Hocker „Strammer Max“, ein Stehpult „Der kleine Lehner“. Oft weisen die Namen auf die besondere Idee oder Konstruktionsweise hin, die hinter oder vielmehr in dem Objekt steckt: „Der kleine Lehner“ lehnt tatsächlich an der Wand, der „Stramme Max“ bekommt seine Stabilität durch ein stramm gedrehtes Seil.Das populärste Möbel in der Kollektion ist zugleich eines der ältesten – und der zurückhaltendsten: das Regalsystem FNP (die Abkürzung für Flächennutzungsplan – wieder so ein Augenzwinkern), das der deutsche Designer Axel Kufus 1989 entworfen hat. Man findet es in Villen in Berlin-Zehlendorf und in Buchläden in Freiburg. FNP besteht aus beschichtetem Birkensperrholz oder MDF sowie Aluminiumschienen. Die raffiniert-reduzierte Konstruktion macht Werkzeug beim Aufbau überflüssig, außerdem ist das Regal beliebig erweiterbar, man kann mit ihm Türen überbauen und es über Eck fortführen. „Wir können fast alles machen, es an jeden Raum anpassen. Und wir sind schnell“, sagt Teresa Straßer, die die Kundenbetreuung leitet. FNP ist – neben dem Siebenschläfer-Bett – der Bestseller im Portfolio.Und klar, es ist natürlich auch in den Büros in Aschau installiert, die sich im ersten Stock über dem Showroom in einer alten Reithalle befinden – mit Betonboden und schulterhoher, dunkelbrauner Holzvertäfelung. Ein Gebäude weiter, im ehemaligen Stall, werden in den früheren Pferdeboxen ebenfalls Möbel gezeigt, im Dachgeschoss befindet sich das firmeneigene Fotostudio.Reithalle und Stall hatte der letzte Schlossbesitzer Freiherr zu Cramer-Klett Anfang des 20. Jahrhunderts zusammen mit einer Festhalle errichten lassen. Die Bauten wurden nie richtig fertiggestellt und standen von 1910 bis 1997 leer, bis Nils Holger Moormann in den heruntergerockten Gemäuern sein Headquarter einrichtete. Im Eingang hängen die Wände voller Verbrecherkarteifotos von Designern, Geschäftspartnern und anderen Freunden des Hauses. Der Flur im ersten Stock – vor allem die Decke – ist mit gerahmten Urkunden der zahlreichen Auszeichnungen und Designpreise gepflastert, die die Moormann-Stücke in den vergangenen Jahrzehnten abgeräumt haben.Wie alle Moormann-Möbel wird auch das FNP-Regal in kleinen Handwerksbetrieben im Chiemgau hergestellt. Alle Werkstätten, mit denen der Möbelverlag zusammenarbeitet, befinden sich in einem Umkreis von 40 Kilometern um Aschau. „Radldistanz“ nennt Christian Knorst dieses Regional-Prinzip, das fest in der Moormann-DNA verankert ist – lange bevor Regionalität schick wurde.Knorst hat vor gut fünf Jahren das Unternehmen von Namensgeber Nils Holger Moormann übernommen, der die Firma 1982 gegründet hatte und sich aus Altersgründen zurückziehen wollte. Dass der Gründer sein Lebenswerk nicht einfach an eine andere Möbelfirma verkaufte – Interessenten gab es wohl einige –, sondern an einen Branchenfremden übergab (Knorst ist wie Moormann Jurist), lässt sich als typisch Moormann’sche Geste lesen.Knorst, der das 30-Mitarbeiter-Unternehmen inzwischen gemeinsam mit Co-Geschäftsführer Robert Christof (Marketing und Vertrieb) führt, wollte von Anfang an den besonderen Moormann-Spirit erhalten – und das ist ihm gelungen. Dazu gehört nicht nur, dass der Firmensitz samt Produktentwicklung und Logistikzentrum in Aschau bleibt – inzwischen gibt es zusätzlich ein Büro mit Showroom im 80 Kilometer entfernten München. Auch am Namen „Nils Holger Moormann“ hält Christian Knorst fest und verzichtet bewusst auf eine Verkürzung zu „Moormann“, selbst wenn das immer wieder für Nachfragen sorgt.Für ihn gehört der volle Name des eigenwilligen Firmengründers untrennbar zur Markenidentität. Außerdem liebt er das Logo: ein kleines schwarzes Quadrat, in dessen rechter unterer Ecke treppenförmig die Worte Nils Holger Moormann angeordnet sind – ein Entwurf von Moormanns Frau Silke.Lesen Sie auchEin ebenso wichtiger Teil der Markenidentität ist der Prozess, wie neue Möbel in die Kollektion aufgenommen werden: Bei Moormann kann grundsätzlich jeder seine Idee einreichen – egal ob renommierter Gestalter, Student oder Fachfremder. Digital oder per Post, als Rendering, Modell oder Serviettenskizze. Rund 350 Produktvorschläge gehen jedes Jahr ein. Alle paar Wochen trifft sich das Team zur Sichtung der – ganz wichtig: anonymisierten – Entwürfe. Dann wird diskutiert, debattiert, gerungen. „Am schönsten ist es, wenn es Streit gibt“, sagt Produktentwickler Moritz Schmidt. „Die Idee muss innovativ sein, muss uns flashen, sie braucht ein Augenzwinkern. Und sie muss auch produzierbar sein.“In einer nächsten Phase wird an ausgewählten Ideen weitergearbeitet – allerdings nur unter klaren praktischen Voraussetzungen. Polstermöbel etwa könnten sie nicht umsetzen, weil es in ihrem Netzwerk keinen Polsterer gibt. Manchmal scheitert eine Produktentwicklung auch erst spät an den Kosten und dem daraus resultierenden Preis. „Das sind dann die schlimmsten Absagen“, so Schmidt. Auf diese Weise schafft es jedes Jahr meist nur ein einziges neues Möbel in die Kollektion.Reduktion, Rohheit, EinfachheitMarie Luise Stein war noch Designstudentin an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe, als sie ihren Entwurf bei Moormann einreichte: ein modulares Wandregal mit schwarzen Sperrholzböden, die durch schmale Stangen miteinander verbunden sind. Dreieinhalb Jahre später kam das „Liesl“ genannte Regal schließlich im Frühjahr 2025 auf den Markt.Heute besteht das System aus Böden aus unbehandeltem Aluminium und Stangen aus Edelstahl, jeweils in vier unterschiedlichen Längen, um ein Maximum an Flexibilität zu ermöglichen. Befestigt werden lediglich die oberen Stäbe mit Montageköpfen an der Wand – der Rest bleibt frei stehend und variabel.„Ich kannte Moormann-Möbel aus meinem familiären Umfeld. Sie haben mich durch ihre Reduktion fasziniert“, sagt Stein. „Kein Element ist Dekoration, jedes trägt etwas zum Produkt bei. Gleichzeitig fand ich diese gewisse Lockerheit immer sehr charmant.“„Wir stehen für das Reduzierte. Eine gewisse Rohheit, Einfachheit“, sagt Christian Knorst. Entsprechend werden auch bestehende Kollektionsteile immer wieder hinterfragt. So werden Tischplatten nicht mehr mit Laminat beschichtet, sondern mit Linoleum, das im Laufe der Zeit eine Patina entwickelt. Auch das unbehandelte Holz der Kampenwand-Bank darf vergrauen, wenn es der Witterung ausgesetzt ist – Gebrauchsspuren sind hier ausdrücklich erwünscht. Für Knorst hat das mit „Charakter“ zu tun. Den soll auch das leicht asymmetrische Siebenschläfer-Bett entwickeln dürfen, dessen vier Seitenteile lediglich ineinandergesteckt werden. Inzwischen wird es ebenfalls aus unbehandeltem MDF angeboten – ein Material, das Alterung nicht kaschiert, sondern sichtbar macht.Auf der Website „Salone di Aschau“ verkauft Moormann inzwischen auch B-Ware mit kleinen Schönheitsfehlern und „pre-loved“, also Secondhand-Möbel. Unter dem Namen „Salone di Aschau“ – eine Anspielung auf die weltweit wichtigste Möbelmesse, den Salone del Mobile in Mailand – fand im Sommer 2024 zudem ein zweitägiges Event am Firmensitz statt. Bei dem unter anderem gleich gesinnte Unternehmen wie Tecta, Loehr oder Mono und Designstudenten in den Pferdeboxen ihre Objekte zeigten. Abgerundet wurde das Ganze mit einer Bergwanderung.Von konventionellen Messen hält sich das Aschauer Unternehmen seit 2012 fern. Da hatte sich Nils Holger Moormann, der stets mit dem Camper zum Salone in Mailand anreiste, so sehr über die Standvergabepolitik der Messegesellschaft geärgert, dass er auf künftige Auftritte verzichtete. Noch so ein Punkt, in dem die beiden neuen Chefs den Ideen des Firmengründers treu bleiben. Der nächste Salone di Aschau wird sehnsüchtig erwartet.Annemarie Ballschmiter ist Stil-Redakteurin in Berlin. Sie berichtet über Design, Möbel und Trends.
Moormann Möbel: Von Aschau in die Welt – „Wir stehen für das Reduzierte. Eine gewisse Rohheit, Einfachheit“ - WELT
Vom Siebenschläfer-Bett bis zum Regalsystem FNP: Moormann steht für raffinierte Reduktion, Humor und radikale Regionalität. Entstanden im Chiemgau, geschätzt in Villen, Buchläden – und überraschenderweise besonders in Südkorea.






