Schweizer Wohnungen werden immer kleiner – die Möbel ebenso: Händler wie Ikea und Pfister passen sich anKonsumenten setzen zunehmend auf kompakte Multifunktionsmöbel und optimieren so ihre schrumpfende Wohnfläche. Lernen können sie von den Japanern.01.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenKompakt und praktisch: eine Küchenlösung von Ikea.Martin Ruetschi / KeystoneMan kann ihn drehen und stellen, wie man will: Der Bauernschrank aus Tannenholz im Biedermeierstil ist zwar ein Blickfang, doch für die Neubauwohnung viel zu sperrig. Das Erbstück hat über mehrere Generationen hinweg der Familie treu gedient. Aber vor den neuen Realitäten auf dem Schweizer Wohnungsmarkt muss auch er kapitulieren. Statt gezügelt zu werden, wird er entsorgt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Denn Schweizerinnen und Schweizer leben zunehmend beengter. Wurden am Anfang der nuller Jahre Wohnungen mit im Schnitt 51,4 Quadratmetern Fläche pro Person gebaut, waren es zuletzt 46,5 Quadratmeter. Sie sind deshalb gezwungen, jeden Quadratzentimeter zu optimieren. Und stellen neue Ansprüche an ihre Möbel.Marc-André Effertz, Leiter des Warengruppenmanagements sowie Geschäftsleitungsmitglied bei Möbel Pfister, sagt: «Die angespannte Wohnsituation führt dazu, dass kompakte, platzsparende und funktionale Möbel stärker in den Fokus rücken.»Möbel müssen heute mehr können als früher. Sie sollen nicht nur weniger Platz beanspruchen, sondern zusätzliche Aufgaben übernehmen: So lassen sich zum Beispiel im Polsterhocker mit Stauraum Brettspiele versorgen. An höhenverstellbaren Tischen kann je nach Tageszeit gegessen oder gearbeitet werden. Und auch der Klassiker unter den Multifunktionsmöbeln, das Bettsofa, erlebt eine Renaissance. Allerdings zunehmend nicht mehr als Notlösung für Gäste, sondern für einen selbst.Büro und Stube in einemSo kann man bei Bedarf ein Zimmer mehrfach nutzen. Die Stube ist zugleich Schlafzimmer oder – Home-Office sei Dank – Büro. Manchmal auch alles auf einmal.Massive Möbel, wie man sie von den Grosseltern her kennt, würden da nur im Weg stehen. Das merken auch die Händler. «Weniger gefragt sind grosse, sperrige Möbel sowie kurzlebige Trendprodukte, die primär auf schnelle Effekte ausgerichtet sind», so Marc-André Effertz.Besonders im Trend sind modulare Möbelsysteme. Das sind vorgefertigte Teile, die im Baukastenprinzip an die eigenen Bedürfnisse angepasst und bei Bedarf erweitert werden können. Denn weil es zu wenig freie Wohnungen gibt, verharren die Menschen länger in ihren alten, zügeln seltener – aber gestalten dafür das Interieur um.«Möbel sollen länger genutzt werden und sich flexibel an veränderte Lebenssituationen anpassen», sagt Marc-André Effertz. Möbel Pfister, das zur österreichischen Kette XXXLutz gehört, setzt deshalb auf persönliche Beratung, um den Kunden «durchdachte Einrichtungslösungen» anzubieten.Das Thema treibt auch den Konkurrenten Ikea um. «Small Space Living» sei schon seit mehreren Jahren ein zentraler Fokus, schreibt das Unternehmen. «Gerade in urbanen Regionen wie Zürich, wo Wohnraum knapper und teurer wird, beobachten wir, dass Kundinnen und Kunden zunehmend nach Lösungen suchen, die den vorhandenen Platz optimal nutzen.»Ikea hat dieses Jahr einen neuen Bettsessel lanciert. Aber auch verschiedenste modulare Möbelsysteme hat das schwedische Möbelhaus im Angebot. Etwa eine Schrankreihe namens Platsa, die gezielt für komplizierte Raumsituationen entworfen worden ist – beispielsweise für Dachschrägen. Beraten lassen kann sich die Kundschaft per Video-Call, um ihre oft komplexen Wohnprobleme zu lösen.Es lässt sich darüber streiten, ob nun die Zuwanderung, die zu geringe Bautätigkeit oder zu langsame Bewilligungsbehörden schuld sind: Dass man in der Schweiz mit weniger Platz haushalten muss, ist statistisch belegt.Besonders in urban geprägten Kantonen wie Zürich. So werden vermehrt grosse Wohnungen abgebrochen und durch kleinere ersetzt. Für die Investoren ist das attraktiv. Zumal die Menschen heute öfter allein oder zu zweit leben als früher. Waren durchschnittliche Neubauwohnungen im Kanton Zürich im Jahr 2010 noch 117 Quadratmeter gross, sind es heute noch 85 Quadratmeter.Post-Corona-BaisseEine Vierzimmerwohnung, die heute gebaut wird, ist im Schnitt 10 Quadratmeter kleiner als eine Vierzimmerwohnung, die vor 15 Jahren auf den Markt kam.In Zürich beanspruchte 2024 eine Person im Schnitt 44 Quadratmeter Wohnfläche. In Genf sind es sogar nur 37,5. Etwas entspannter ist es in ländlichen Kantonen. In Appenzell Innerrhoden (52,3 Quadratmeter), dem Thurgau (52,1) oder in Appenzell Ausserrhoden (51,9) leben die Menschen vergleichsweise auf grossem Fuss.Deshalb fallen dort auch die Möbelvorlieben traditioneller aus. «In ländlicheren Regionen steht oft mehr Wohnraum zur Verfügung – hier sind grössere Möbel mit einem stärkeren Fokus auf Komfort und Grosszügigkeit weiterhin gefragt», sagt Marc-André Effertz.Generell dürfte die Entwicklung in Richtung engerer Verhältnisse aber anhalten. Für die Möbelhändler ist das eine gute Nachricht, weil sie seit mehreren Jahren an einer Post-Corona-Baisse leiden. Während der Pandemie haben viele Leute ihr Zuhause neu eingerichtet. Das sorgte zwar für einen kurzfristigen Boom. Doch weil man die Möbel nicht jedes Jahr ersetzt, stagnierte der Markt in den letzten Jahren oder schrumpfte sogar. Ikea etwa machte im letzten Jahr in der Schweiz 2,3 Prozent weniger Umsatz.Der Trend hin zu kompakteren Multifunktionsmöbeln kann der Branche nicht nur neuen Schub verleihen. Er bietet den Anbietern auch die Chance, die Kunden längerfristig an ihre Möbelsysteme zu binden. Denn hat man sich einmal für eines entschieden, kann man es dann nur mit Produkten aus derselben Reihe ergänzen.Vorbild JapanDie Schweiz ist auch nicht allein mit dieser Entwicklung. Weltweit leben Menschen verdichteter und müssen mit weniger Wohnfläche auskommen. In den sozialen Netzwerken gibt es unzählige Videos mit Tricks, wie man aus kleinen Zimmern mehr herausholt.Vorreiter sind asiatische Länder, wo Multifunktionsmöbel Standard sind. Angelehnt an den beliebten skandinavischen «Scandi»-Wohnstil gewann in den letzten Jahren der «Japandi»-Stil an Popularität. Er vereint Minimalismus und Wärme. Ein zentraler Bestandteil der Designsprache ist «function over form». Die Funktion eines Möbelteils ist folglich wichtiger als dessen dekorative Wirkung.Alle Platzprobleme vermag aber auch das nicht zu lösen. Die japanische Philosophie des «danshari», von welchem der Wohntrend stark beeinflusst ist, ermuntert zum respektvollen Loslassen von Dingen, die keinen Zweck mehr erfüllen.So fällt es einem vielleicht auch ein bisschen leichter, sich vom sperrigen, aber liebgewonnenen Familienerbstück zu trennen.Passend zum Artikel