PfadnavigationHomeRegionalesNordrhein-WestfalenMöbelbrancheZwischen Bangen und HoffenVeröffentlicht am 27.09.2025Lesedauer: 8 MinutenBesucher auf der IMM Cologne 2024 – 2025 fiel die Messe dann ausQuelle: Harald Fleissner/Koelnmesse GmbHDie Möbelindustrie und der Handel leiden unter schwacher Nachfrage und Billigkonkurrenz aus Fernost. Hinzu kommen in NRW Nachwuchsprobleme. Helfen soll eine neue Lehrfabrik in Ostwestfalen für 25 Millionen Euro.In Löhne arbeitet die NRW-Möbelindustrie an ihrer Zukunft: An modernsten Maschinen werden in einer Lehrfabrik die Azubis umliegender Betriebe auf eine zunehmend digitalisierte Arbeitswelt vorbereitet. Bei einem Rundgang zeigt sich Leo Lübke, Vorsitzender der Verbände der Deutschen Möbelindustrie, davon beeindruckt – mit der neuen Lehrfabrik wolle die Branche die Attraktivität der Ausbildung steigern „und den Nachwuchs für uns gewinnen“. 25 Millionen Euro hat eine Genossenschaft aus 16 Unternehmen, Verbänden und der Kreis Herford in Bau und Maschinenpark investiert, mehr als 200 jungen Menschen wurden hier bereits im ersten Jahr aus- und weitergebildet. Dabei ist die exportorientierte Branche derzeit an mehreren Fronten unter Druck. Laut Möbelverband musste die deutsche Industrie von Januar bis Juli 2025 bei einem Umsatz von 9,1 Milliarden Euro ein Minus von 4,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr verkraften. Ein Grund ist das anhaltend schwache Konsumklima in Deutschland, hinzu kommen Faktoren wie die neue US-Zollpolitik. Einige Betriebe, von denen viele in NRW und hier vor allem in Ostwestfalen zu finden sind, fahren deshalb derzeit Kurzarbeit. Die rund 400 deutschen Hersteller, von denen viele in NRW sitzen, sind Lübke zufolge vor allem wegen der US-Zollpolitik in Sorge. Diese hemme zum einen „unsere zuletzt kontinuierlich gewachsenen Ausfuhren auf dem amerikanischen Mark“. Zugleich gelangten verstärkt Möbel aus China und Vietnam auf den deutschen Markt, weil sie in den USA nicht mehr abgesetzt werden könnten. Und diese Produkte bedienten „in der Regel das Preiseinstiegssegment“, so der Unternehmer in Löhne, wo der Auftakt der bundesweiten Werbeaktion „Holz rettet Klima“ stattfand. Unter dem Motto „Deine Zukunft: Wald. Holz. Klima.“ machen noch bis in den Oktober hinein zahlreiche Unternehmen und Institutionen erlebbar, welchen Beitrag die Forst- und Holzwirtschaft für den Klimaschutz leiste und welche Berufsperspektiven die Branche biete. Der offizielle Startschuss fiel in der Lehrfabrik Möbelindustrie mit Grußworten von NRW-Staatssekretär Martin Berges, Erwin Taglieber, Präsident des Deutschen Holzwirtschaftsrates und eben Leo Lübke. Hinzu kamen Impulsvorträge und eine Talkrunde, in der auch die Wissenschaft und junge Praktiker aus der Region zu Wort kamen.Von der eher verhaltenen Lage der Möbelindustrie sind auch die 46 Hersteller von Küchen betroffen, die am Montag in Löhne ihre Halbjahresbilanz vorlegten. Verbandsgeschäftsführer Jan Kurth zufolge musste die Industrie in den USA einen Rückgang ihrer Ausfuhren um 17,4 Prozent auf 26 Millionen Euro hinnehmen. Hier habe sich bereits im ersten Halbjahr die Unsicherheiten infolge der dortigen Zollpolitik gezeigt – denn die Zölle auf EU-Einfuhren in Höhe von 15 Prozent sind erst am 7. August in Kraft.Am Mittwoch dann präsentierte Leo Lübke, Chef des Edel-Polsterers „COR“, in Herford die neusten Zahlen der deutschen Polstermöbelhersteller. Demnach waren in den ersten sieben Monaten des Jahres Umsatzrückgänge von rund sieben Prozent zu verkraften. Der Gesamtumsatz lag bei rund 540 Millionen Euro – 2024 waren es rund 580 Millionen Euro gewesen. Dennoch gab sich Lübke optimistisch: „Wir sehen die Talsohle erreicht und setzen jetzt auf die Herbst- und Wintermonate mit erhöhter Nachfrage für die Hersteller.“ Die Branche stecke „voller Ideen für ein schönes und gemütliches Zuhause“, viele davon würden auf den Herbstmessen präsentiert.Kölner Leitmesse fiel dieses Jahr aus Wie schwer es Industrie und Handel derzeit haben, zeigt sich auch beim Messegeschehen. So wurde die Internationale Möbelmesse IMM in Köln vor einem Jahr abgesagt. Wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage hatten die Messemacher gemeinsam mit den Industrieverbänden beschlossen, die Januar-Ausgabe der IMM Cologne 2025 zu streichen. Nun wird die Traditionsmesse in zwei Veranstaltungen aufgeteilt: Die neue Publikumsmesse nennt sich Interior Design Days (IDD), vom 26. bis 29. Oktober dieses Jahres wird sie in der Kölner Innenstadt an drei Standorten Premiere feiern. Damit gehe man einen ähnlichen Weg wie auch zuletzt in London, Eindhoven und Kopenhagen, heißt es beim Möbelverband. „Im Grunde ist das aber auch das Eingeständnis, dass man die Messehallen nicht mehr voll bekommt“, sagt ein Brancheninsider. Leo Lübke hingegen gibt sich auch hier zuversichtlich. „Wir sind schon sehr auf das neue Format gespannt und freuen uns darauf, auch die Endkunden an diesen Tagen auf unserer Fläche zu begrüßen“, sagte der Fabrikant aus Rheda-Wiedenbrück WELT AM SONNTAG. Ehrlicherweise müsse man aber sagen, dass die IDD Cologne „überschaubarer als die frühere IMM sein wird – aber gleichzeitig birgt sie auch die Chance, vor allem wieder mit den Endkunden in Kontakt zu kommen“. Denn die hatte man auf der IMM 2024 aus den Hallen verbannt, weil die Messe aus Kostengründen verkürzt worden war. Die Interior Design Days sollen nun alle zwei Jahre in Köln stattfinden, und zwar im Wechsel mit der Büromöbel-Messe Orgatec. Zielgruppe sind „einrichtungsbegeisterte Endkunden, die Wert auf Design und Ästhetik legen“.Die neu gestaltete IMM wiederum soll ab Januar 2026 wieder jährlich stattfinden, als reine Fachmesse. Im Fokus stünden dann „konsumorientierte Produkte und marktreife Trends für breite Zielgruppen“. Damit sei die Messe eine ideale Plattform für Möbelhandelsketten, Einkaufsverbände und den Onlinehandel, um im Januar ihre Produktneuheiten „strategisch zu platzieren“. Dort werden dann auch „Billighersteller“ aus China und Vietnam erwartet, die den deutschen und auch italienischen „Möblern“, wie man sich in der Branche selbst nennt, das Leben schwer machen. Unterdessen veranstalteten viele Hersteller in der vergangenen Woche in Ostwestfalen mit den „Interior Days“ OWL eigene Hausmessen. Auf den etwa 30 Veranstaltungen wurden dem Handel in Löhne und der Region neue Produkte präsentiert, auch von vielen Küchenherstellern, etwa Rotpunkt. Der familiengeführte Hersteller aus Bünde ist einer der wenigen, der derzeit keine Kurzarbeit fahren muss. „Wir erzielen 80 Prozent unseres Umsatzes im Exportgeschäft, maßgeblich in Zentraleuropa“, sagte Marketing-Chefin Lena Steffen. Bei Rotpunkt rechne man bis Ende des Jahres mit einem Umsatzplus von fünf bis sechs Prozent. Auch im Handel hofft man auf bessere Zeiten. Der Handelsverband Wohnen und Büro (HWB) setzt im Bereich „Home and Living“ auf einen Konsumanstieg in der zweiten Jahreshälfte. Die Kaufzurückhaltung der vergangenen Monate sei von Unsicherheiten rund um Energiepreise, Baukosten und die allgemeine Preisentwicklung getrieben gewesen. Doch der Rückgang im Konsumverhalten scheine sich abzuflachen. Viele Haushalte, die Anschaffungen im Frühjahr und Sommer verschoben haben, könnten ab dem dritten Quartal wieder aktiver werden. Nach der Reisesaison im Sommer dürfte der Fokus vieler Menschen wieder verstärkt auf das eigene Zuhause rücken, heißt es beim in Köln ansässigen Verband. „Wir erwarten, dass die Menschen sich nach einem intensiven Reisesommer wieder stärker auf ihr Zuhause konzentrieren – sei es durch Investitionen in Möbel, Beleuchtung, Heimtextilien oder Arbeitsumgebungen im Homeoffice“, sagt Christian Haeser, Geschäftsführer des Verbands, der für rund 15.000 Unternehmen mit einem Gesamtumsatz von rund 53 Milliarden Euro spricht. Der Wunsch nach Rückzug und Geborgenheit sei „weiterhin ein starker Treiber“, für den Fachhandel böten sich damit im Herbst echte Chancen. Doch der Markt wird in Deutschland durch einige große Ketten dominiert, kleine und mittelständische Möbelhändler geraten so zunehmend unter Druck. Nach Ikea ist die aus Österreich stammende XXLLutz-Gruppe in Deutschland der größte Händler, weitere große Player sind Porta aus Ostwestfalen und die Berliner Krieger-Gruppe mit ihren zahlreichen Höffner-Filialen. Und diese großen Ketten werben derzeit in Anzeigen mit „Mega-Mobiläums-Krachern“ (Porta) und „Prime-Time“-Angeboten (Höffener) zum „1/2 Preis“ auf viele ihrer Artikel. Zuletzt hatte zudem XXXLutz mit 370 Häusern die Übernahme der Porta-Gruppe mit rund 140 Standorten in Deutschland, Tschechien und der Slowakei angekündigt, was die Verbände der deutschen Möbelindustrie äußerst kritisch sehen. Verband kritisiert Konzentration im MöbelhandelGeschäftsführer Jan Kurth sprach von „einer dramatischen Nachricht für die deutsche Möbelindustrie“. Sollte der Kauf zustande kommen, „würde sich die ohnehin schon hohe Konzentration im deutschen Möbelhandel weiter verschärfen und eine bedrohliche Größenordnung erreichen“. Die mittelständischen Hersteller sähen sich schon „seit Jahren einer wachsenden Marktmacht des Handels gegenüber und sind zu immer größeren Zugeständnissen gezwungen“. Kurth forderte eine eingehende kartellrechtliche Prüfung dieses Vorhabens nicht nur auf europäischer, sondern auch auf deutscher Ebene, um die Marktstellung in einzelnen Regionen und in einzelnen Preissegmenten zu bewerten. „Neben der Wettbewerbsverzerrung sind auch negative Auswirkungen auf die Verbraucher zu befürchten, etwa in Form abnehmender Angebotsvielfalt“, so der Geschäftsführer.Mehr Wohnungsbau könnte helfenAlle Hersteller und auch der Handel hoffen auf Impulse für den schwächelnden Wohnungsbau durch die neue Bundesregierung. Denn jede neue Einheit und die damit verbundenen Umzüge stehen statistisch für 2,5 neue Küchen, aber auch für neue Sitzgruppen, Schränke und Betten. Bei den Herstellern sorgt man sich aber auch um den Nachwuchs. Die Region Ostwestfalen sei nicht gerade ein „Zuwanderungs-Spot“, sagt Markus Kamann, Leiter der Lehrfabrik der Möbelindustrie in Löhne. Um die Attraktivität der gewerblichen Möbelberufe zu erhöhen, entsteht gleich nebenan ein schickes „Boarding House“ mit studentischem Flair, in dem ab 2026 die Azubis untergebracht werden sollen. Auch Rotpunkt-Küchen gehört zu den Genossen der Möbelfabrik und lässt hier seinen Nachwuchs schulen, derzeit auch acht Holzmechaniker, die industrielle Variante des Tischlers. Bei seinem Besuch der Lehrfabrik zeigte sich Branchenpräsident Lübke überzeugt, dass es auch in 100 Jahren noch Möbelbau in der Region geben wird. „Holz ist der Schlüsselwerkstoff für Möbel“, sagte der 62-jährige Industrie-Designer, der mittlerweile in seiner Fabrik in Rheda-Wiedenbrück auch ältere Möbelstücke wieder herrichten lässt. „Der Beruf wird auch nicht aussterben oder durch KI ersetzt.“