PfadnavigationHomePanoramaBerliner KatastrophenschutzVier Wochen vor dem Stromausfall warnte der Rechnungshof die Landesregierung vor einem DesasterVon Sergen KayaVolontär an der Axel Springer AcademyVeröffentlicht am 05.01.2026Lesedauer: 4 MinutenDer Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) und die Innensenatorin Iris Spranger (SPD) sitzen im aktuellen Krisenstab zum Stromausfall im Berliner SüdwestenQuelle: Senatsverwaltung für Inneres und SportEin Bericht des Berliner Rechnungshofs beschreibt gravierende Schwächen im Katastrophenschutz der Hauptstadt. Behörden kennen ihre Zuständigkeiten nicht, Pläne fehlen, Mittel bleiben ungeplant. Die Befunde werfen Fragen zur Krisenfähigkeit Berlins auf.Nach dem Angriff auf das Stromnetz im Berliner Südwesten sitzen weiter Zehntausende Menschen im Kalten. Während der Netzbetreiber an der Reparatur arbeitet, ist in der Hauptstadt eine politische Debatte über Zuständigkeiten und Krisenmanagement entbrannt. In der Kritik: Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU).Erst vor vier Wochen hatte der Berliner Rechnungshof in seinem Jahresbericht massive Defizite von Landesregierung und den Bezirken beim Katastrophenschutz festgestellt. Fünf von 37 zuständigen Behörden wüssten nicht einmal, dass sie Teil des Katastrophenschutzes in der Hauptstadt sind. Vier weitere hätten dem Rechnungshof erklärt, sie hätten „keine Zeit“, um Fragen zu beantworten. Der Rechnungshof spricht dabei nicht von einzelnen Schwierigkeiten. Vielmehr würden zentrale Vorgaben nicht umgesetzt. Zuständigkeiten seien zwar formal geregelt, würden aber praktisch ignoriert. Für eine Millionenstadt, die regelmäßig Großlagen bewältigen muss, ein Armutszeugnis.Lesen Sie auchDabei gibt es in Berlin wie auch in anderen Bundesländern und Gemeinden klare Regeln, wie im Katastrophenfall der Schutz der Bevölkerung sichergestellt wird. Seit 2021 gilt in Berlin ein eigenes Katastrophenschutzgesetz. Es verpflichtet Senatskanzlei, Senatsverwaltungen und Bezirksämter, Krisenstäbe vorzuhalten, Pläne zu erstellen und Risiken zu bewerten. Der Rechnungshof hat geprüft, wie diese Vorgaben umgesetzt wurden. Das Ergebnis fällt ernüchternd aus. Nicht einmal ein Drittel der zuständigen Behörden verfügt über einen vorgeschriebenen Katastrophenschutzplan. Nur jede sechste Organisation hat eine Gefährdungsabschätzung vorgenommen. Knapp die Hälfte stelle über Jahre hinweg keine Haushaltsmittel für den Katastrophenschutz zur Verfügung.Lesen Sie auchBesonders scharf fällt die Kritik an der Senatsverwaltung für Inneres aus. Sie ist gesetzlich für die Koordination zuständig, soll Standards setzen und im Ernstfall den bereichsübergreifenden Krisenstab führen. Der Rechnungshof urteilt: Das gelinge ihr nicht. Es fehle an Steuerung, an Kontrolle und an der Durchsetzung von Mindeststandards. Die Innenverwaltung werde der „Bedeutung und Dringlichkeit des Themas nicht gerecht“. Die Senatsverwaltung für Inneres weist einen Teil der Kritik des Rechnungshofs zurück und verweist auf den Prüfzeitraum. Der Jahresbericht beziehe sich auf die Jahre 2023 und 2024 und bilde damit aus Sicht der Verwaltung eine „überholte Ausgangslage“ ab. Zugleich räumt die Innenverwaltung ein, dass sich Vorgaben bislang nur eingeschränkt umsetzen ließen – unter anderem wegen der Bezirksautonomie und fehlender Weisungsrechte gegenüber den Bezirken. Berichte des Rechnungshofs würden jedoch hausintern ausgewertet, notwendige Ableitungen gezogen.Gleichzeitig betont die Innenverwaltung, der Katastrophen- und Bevölkerungsschutz sei „völlig zurecht“ stärker in den Fokus gerückt. Man hole nun in kurzer Zeit das nach, „was in den vergangenen 30 Jahren vernachlässigt wurde“. Zum 1. Januar 2025 sei ein eigenständiges Kompetenzzentrum für Bevölkerungsschutz und Krisenmanagement eingerichtet worden, das als zentrale Koordinierungsstelle fungieren solle. Auf weitergehende Fragen, welche konkreten Lehren die Innenverwaltung aus dem aktuellen Stromausfall zieht und welche kurzfristigen Maßnahmen zur Verbesserung der Einsatzfähigkeit geplant sind, ging die Senatsverwaltung nicht ein.Nach Informationen von WELT ist man hinter den Kulissen des Senats durchaus selbstkritisch. Die für den Katastrophenschutz Verantwortlichen wurden durch eine Neustrukturierung faktisch entmachtet. Doch das ändert nichts an den uneinheitlichen Strukturen in Berlin. Ein Projekt zum Aufbau einer zentralen behördlichen Struktur verursachte allein im Jahr 2023 Personalkosten von 1,4 Millionen Euro. Beendet wurde es, ohne dass zuvor eine belastbare Analyse oder Wirtschaftlichkeitsprüfung vorlag. Für die Prüfer ist auch das ein Beispiel dafür, wie Planung und Umsetzung auseinanderfallen.Lesen Sie auchDas zeigt sich besonders bei den sogenannten Katastrophenschutz-Leuchttürmen. Diese Anlaufstellen sollen der Bevölkerung im Krisenfall Informationen und Hilfe bieten, etwa bei einem länger andauernden Stromausfall. Geplant sind 34 solcher Leuchttürme. Zum Zeitpunkt der Prüfung waren lediglich acht in zwei Bezirken einsatzbereit. Für Wartung und Betrieb fehlt bis heute eine gesicherte Finanzierung.Eine Berliner Besonderheit verschärft die Lage zusätzlich. Zwölf Bezirke, zahlreiche Sonderzuständigkeiten und unklare Weisungsketten erschweren eine einheitliche Führung. Der Rechnungshof deutet an: Der Katastrophenschutz wird zum Opfer der Bezirksstruktur, die Verantwortung zersplittert und klare Entscheidungen werden erschwert. Was im Alltag schon problematisch ist, kann im Krisenfall gefährlich werden. Die Senatskanzlei Berlin äußert sich auf Nachfrage dieser Redaktion zum aktuellen Zeitpunkt nicht.Wie WELT erfuhr, soll der Stromausfall jedoch im nächsten Innenausschuss aufgearbeitet werden.Wir sind das WELT-Investigativteam: Sie haben Hinweise für uns? Dann melden Sie sich gerne, auch vertraulich – per E-Mail oder über den verschlüsselten Messenger Threema (8SNK792J).
Vier Wochen vor dem Stromausfall warnte der Rechnungshof den Landesregierung vor einem Desaster - WELT
Ein Bericht des Berliner Rechnungshofs beschreibt gravierende Schwächen im Katastrophenschutz der Hauptstadt. Behörden kennen ihre Zuständigkeiten nicht, Pläne fehlen, Mittel bleiben ungeplant. Die Befunde werfen Fragen zur Krisenfähigkeit Berlins auf.












