PfadnavigationHomeDebatteArtikeltyp:MeinungAsylpolitikMigrationskritik ist moralischVon Sebastian OstritschVeröffentlicht am 29.12.2025Lesedauer: 6 MinutenMigranten am Strand von Gravelines in FrankreichQuelle: Gareth Fuller/PA Wire/dpa/picture alliance/pilSteht die Moral automatisch aufseiten derer, die „Wir schaffen das“ postulieren? Und sind diejenigen, die auf die Leistungsfähigkeit des Aufnahmelandes verweisen, deshalb amoralisch? Unser Gastautor, ein katholischer Philosoph, widerspricht.Viele Konservative und Rechte scheinen mit der Moral auf Kriegsfuß zu stehen. Zumindest sind aus dieser politischen Richtung in den letzten Jahren immer wieder Warnungen vor einem „neuen Tugendterror“, einer überbordenden „Hypermoral“ oder einer unlauteren Vermischung von Moral und Politik zu hören gewesen. Die Linken hingegen setzen ganz bewusst auf moralische Argumente – oder zumindest auf das, was sie dafür halten.Ganz besonders deutlich lässt sich diese unterschiedliche Einstellung zum moralischen Diskurs in der Migrationsfrage beobachten. Eine Öffnung der Grenzen stellen Linke als moralisch geboten dar, eine stärkere Einschränkung und Kontrolle der Grenzen als mitleidlos, unbarmherzig oder gar menschenrechtswidrig – kurz: als moralisch unzulässig. Von rechts dagegen gibt es meist nur Empörung über die Moralisierung der Politik oder den Hinweis, Politik sei eine Frage des rationalen Eigeninteresses und nicht der Moral.Lesen Sie auchVon nicht-linker Seite aus betrachtet ist diese Situation doppelt schlecht: Erstens nämlich entspricht es schlicht nicht der Wahrheit, dass man Moral und Politik voneinander trennen könnte, oder dass es sinnvoll sei, sich dem Problem der Migration gänzlich ohne moralische Maßstäbe zu stellen. Zweitens ist die konservative Moralphobie auch strategisch falsch. Denn wenn man genauer hinseht, entdeckt man, dass die moralische Wirklichkeit in der Migrationsfrage gerade nicht die „Open borders“-Position unterstützt, sondern gebietet, an erster Stelle das Wohl des eigenen Gemeinwesens zu berücksichtigen. Mit anderen Worten: Wenn sie sich denn auf den moralischen Diskurs einlassen, können Kritiker einer unkontrollierten Massenmigration entdecken, dass sie die besseren moralischen Argumente auf ihrer Seite haben.Dazu ist es allerdings nötig, eine für die moderne Ethik typische Trennung zu hinterfragen. Spätestens seit Immanuel Kant wird die Frage, wie der Mensch ein gutes, erfülltes Leben führen kann, aus der Moralphilosophie ausgegliedert. Letztere beschäftigt sich dann nur noch mit den moralischen Pflichten des Menschen, die von seinem individuellen Lebensglück völlig entkoppelt sind. In der Tendenz wird Moral so zu einem altruistischen Normengebäude, das das je eigene Wohl nur noch als moralfremden Egoismus kennt. Gegen dieses Entweder-Oder von gutem Leben einerseits und moralischer Pflicht andererseits gilt es, die Weisheit der Alten in Stellung zu bringen, insbesondere jene Tradition, die von Aristoteles bis Thomas von Aquin das abendländische Denken bestimmt hat: eine in der Natur des Menschen und seinem Streben nach Erfüllung verankerte Ethik.Der zentrale Gedanke dahinter lässt sich wie folgt erklären: Jeder Mensch strebt nach Erfüllung, nach Glück, nach dem bestmöglichen Leben. Ein solches Leben aber besteht darin, die menschliche Natur auf möglichst vollkommene Weise zur Verwirklichung zu bringen. Unter der „Natur des Menschen“ ist seine besondere leiblich-geistige Verfasstheit zu verstehen, zu der neben seinen Trieben und Neigungen auch sein Intellekt und sein freier Wille gehören. Die Gesamtheit dieser Eigenheiten ist das, was den Menschen zum Menschen macht: eben seine Natur oder sein Wesen.Eine moralische Aufgabe des MenschenDer zentrale Grundsatz einer Ethik, die von der Natur des Menschen ausgeht, besagt nun nichts anderes, als dass er entsprechend dieser Natur leben soll. Warum? Weil nun einmal jeder nach einem guten, erfüllten Leben strebt und sich dieses Ziel nicht anders erreichen lässt, als in einer der Menschennatur angemessenen Lebensweise. Zu dieser Lebensweise gehört auch das soziale Miteinander. Der Mensch ist nämlich kein Einzelgänger, sondern von Grund auf Gemeinschaftswesen. Das steht nicht im Gegensatz zu seiner Individualität, im Gegenteil: Durch die Erziehung in der Familie und später durch die Übernahme sozialer Rollen entfaltet und erhält der Mensch erst seine individuelle Identität. In letzter Instanz kommt das gemeinschaftliche Leben des Menschen im Staat zum Ausdruck. Teil eines gerechten, wohlgeordneten und stabilen Gemeinwesens zu sein, ist also auch eine moralische Aufgabe des Menschen. Oder auf andere Art formuliert: Die Politik ist letztlich Bestandteil einer auf der Natur des Menschen gegründeten Ethik im umfassendsten Sinne des Wortes.Aus diesem Zusammenhang von Ethik und Politik folgt: Die Sorge um das je eigene Gemeinwesen und das Gemeinwohl der Bürger des eigenen Staates ist keine Sache des außermoralischen kollektiven Eigeninteresses, sondern eine Frage der moralischen Pflicht. Das gilt an erster Stelle für jene, denen die Verantwortung für das Gemeinwesen übertragen worden ist. Wenn es um die Massenmigration geht, wie sie seit 2015 in Deutschland und Europa stattfindet, dann ist diese moralisch vor allem auch dahin gehend zu bewerten, welche Wirkungen sie auf die öffentliche Sicherheit und Ordnung sowie auf das Vertrauen der Bürger in ihre Institutionen gehabt hat. Hier wird man, nüchtern betrachtet und etwa mit Blick auf die polizeilichen Kriminalitätsstatistiken, zu einem kritischen Urteil kommen müssen. Freilich müsste man für ein fundiertes Urteil weiter in die empirischen Details einsteigen; zu berücksichtigen wären etwa nicht nur kulturelle, wirtschaftliche und sicherheitspolitische Aspekte, sondern auch Faktoren wie die Leistungsfähigkeit des Aufnahmelandes und die Lage und Motivation der Migrationswilligen.Lesen Sie auchIn der Bereitschaft, sich auf die Realität einzulassen, zeigt sich dann auch der Unterschied zwischen dem hier verteidigten Moralbegriff und einem plumpen Moralismus. Der Moralismus blendet die sozialen, psychologischen, wirtschaftlichen und sonstigen Eigengesetzlichkeiten der Wirklichkeit aus und postuliert stattdessen moralische Forderungen, die sich nicht um die menschliche Natur oder die Beschaffenheit der Welt scheren. Der Moralismus berauscht sich an den Parolen von „Refugees welcome“ und „Wir schaffen das“, ohne zwischen Migrant, temporär Schutzsuchendem und politisch Verfolgten zu unterscheiden, und auch ohne geprüft zu haben, ob das, was da „geschafft“ werden soll, überhaupt realistisch, sinnvoll und für das Gemeinwohl förderlich ist. Konservative und Rechte wären daher gut beraten, ihre Aversion gegen die Moral zu überwinden, sich das richtige Ethikverständnis anzueignen und den wirklichkeitsfremden Moralismus ihrer Gegner als solchen zu entlarven.Eine moralische Kritik an der Migrationspolitik der letzten Jahre bedeutet allerdings nicht, grundsätzlich zu verneinen, dass es Hilfspflichten gegenüber Fremden gibt. Im Gegenteil: Fremden zu helfen und sie unter Umständen sogar bei sich aufzunehmen, kann Ausdruck von Hilfsbereitschaft und Großzügigkeit sein – Tugenden, die zu einem guten menschlichen Leben dazugehören. Nur gilt es eben, dabei stets Maß und Mitte zu wahren und nicht von einer Utopie, sondern von der menschlichen Natur, einschließlich ihrer Limitationen, her zu denken.Sebastian Ostritsch ist habilitierter Philosoph, Autor und Redakteur der katholischen Wochenzeitung „Die Tagespost“. Am 27.11. erschien sein neues Buch „Serpentinen. Die Gottesbeweise des Thomas von Aquin nach dem Zeitalter der Aufklärung“ bei Matthes & Seitz Berlin.