PfadnavigationHomeRegionalesNordrhein-WestfalenArtikeltyp:MeinungMigrationZuerst das Land – dann seine Zuwanderungsgeschichten!Veröffentlicht am 28.07.2025Lesedauer: 5 MinutenEs gibt Wichtigeres als Migrationsgeschichten – so respektabel und spannend sie auch sein mögen, meint Till-Reimer Stoldt (Foto links: Zuwanderer an der Grenze 2015)Quelle: Armin Weigel/dpa/picture alliance; Catrin MoritzKönnen Politiker mit Zuwanderungsgeschichte das Land bereichern? Und wie! Glaubwürdig wie wenige können sie gegen Migranten-Quoten argumentieren, auf problematische kulturelle Eigenarten migrantischer Milieus hinweisen – und an eine Maxime erinnern, ohne die kein Zuwanderungsland funktioniert: Es gibt Wichtigeres als ausländische Ahnenreihen.Buntheit leben“, „Vielfalt stärken“, „ein Signal an die migrantische Community senden“ – leicht abgenutzt klingt es seit Langem, wenn über Politiker mit Zuwanderungsgeschichte gesprochen wird. Seit den grün-rot-dunkelroten Vorstößen für Migranten-Quoten in Politik und Verwaltung klingen die Buntheits-Parolen aber nicht nur etwas öde, sondern auch gefährlich. Denn Migrantenquoten in Parlamenten wären ein Angriff auf das Grundrecht der freien, gleichen Wahl. Im Schatten der Zwangsverbuntung verlor das Thema für Bürgerliche daher an Sex-Appeal. Wer wollte schon verfassungsfeindlicher Quoteritis Vorschub leisten? Zudem wurde immer offenkundiger, dass Zuwanderungsgeschichte allein auch noch kein Garant für solide Finanzen oder kluge Verkehrsplanung ist. Die Wertehierarchie, ohne die nichts funktioniertÜber all dem geriet bei manchem Bürgerlichen jedoch in Vergessenheit, dass deutsche Politiker mit Zuwanderungsgeschichte sehr wohl Wertvolles zu leisten vermögen. Vor allem eins: Sie können vor der Überbetonung des Migrationshintergrundes warnen und abgehobene Erwartungen an diesen einfangen. Dadurch werben sie für eine Wertehierarchie, ohne die kein Zuwanderungsland der Welt funktioniert: zuerst das Land, dann seine Migrationsgeschichten (so spannend oder achtenswert die auch sein mögen). All das verkörpert aktuell zum Beispiel der CDU-Oberbürgermeisterkandidat in Dortmund: Alexander Omar Kalouti – sein Vater Palästinenser aus Jerusalem, seine Mutter Deutsche aus Brandenburg. Er selbst in Beirut geboren, im Badischen aufgewachsen, in London studiert. Jüngst wurde der 56-jährige CDU-Mann von einem Journalisten gefragt, inwiefern Deutsche mit Zuwanderungshintergrund die Politik denn bereicherten. Anstelle des allzu Erwartbaren antwortete Kalouti: „Zuwanderungsgeschichte muss überhaupt nicht bereichern. Ob jemand bereichert, hängt vom individuellen Menschen ab.“ Welcher Deutsche mit ausländischer Ahnenreihe hätte solch eine Antwort, sagen wir, im Willkommensrausch des Jahres 2015 gegeben?Man kann es mit Migrationsgeschichte auch übertreibenAuf WELT-Nachfrage, ob er nicht auch Vorteile eines Zuwanderungshintergrundes sehe, legte Oberbürgermeister-Kandidat Kalouti erst richtig los: „Vielleicht können Politiker mit Migrationsgeschichte besonders glaubwürdig daran erinnern, dass man es mit der Bedeutung von Migrationsgeschichten auch übertreiben kann“, sagte er. Damit wäre der Beweis erbracht: Zuwanderungshintergründe in der Politik können wirklich bereichern.Wer ein Land oder eine Stadt lenken wolle, so Kalouti weiter, dem dürfe „es nicht um einzelne Bevölkerungsgruppen gehen, sondern um uns alle, um die ganze Gemeinschaft. Deshalb schadet eine starke Betonung der Abstammungshistorie oft mehr als sie nutzt. Wenn sich Menschen primär über Minderheitenzugehörigkeit definieren, werden nur identitäre Schützengräben vertieft“. Für Zugewanderte sollte „Deutschland mit seiner Kultur im Zentrum stehen – auch wenn Migranten noch etwas anderes im kulturellen Gepäck“ trügen. Das ist nicht unbedingt ein Plädoyer für Assimilation, wohl aber für ein tiefgreifendes Sich-Einlassen auf die Mehrheitskultur. Damit benennt er Spielregeln, unter denen Zuwanderung noch attraktiv erscheinen kann – jedenfalls denjenigen, die die deutsche Kultur eigentlich ganz erhaltenswert finden.Von wegen interkulturelle Blumenkinder-HarmonieEs gibt Wichtigeres als Zuwanderungsgeschichte – kann ein Politiker mit Zuwanderungsgeschichte derzeit Wichtigeres sagen? Im Jahr 2025, da in Deutschland 30 Prozent und in Dortmund 40 Prozent der Bevölkerung diese Geschichte besitzen? Ganz abgesehen von den Schulen, in denen bundesweit rund 42 Prozent selbst migriert sind oder mindestens einen eingewanderten Elternteil haben.Lesen Sie auchIn der Tat: Wird der Vorrang der aufnehmenden Kultur nicht beherzigt, droht allzu oft kulturelle Zerklüftung – und keineswegs automatisch interkulturelle Blumenkinder-Harmonie. Das haben wir spätestens seit 2015 gelernt. Begreifen sich hierzulande immer weniger Menschen als Deutsche und immer mehr als Vertreter ihrer jeweiligen Minderheit, ist das Gemeinwesen namens Deutschland ein Auslaufmodell. Kalouti hat das im Gegensatz zu den grün-rot-dunkelroten Vielfalts-Verkündern verstanden. Und im Gegensatz zu denjenigen Grün-Rot-Dunkelroten, die das ebenfalls verstanden haben, hat er keine Freude an einem Auslaufmodell. „Weltoffen und modern“ – aber nicht verträumtDie Möglichkeiten von Politikern „mit Hintergrund“ sind damit nicht ausgeschöpft. Das verdeutlicht Kalouti, wenn er die Idee einer Migranten-Quote in Grund und Boden stampft: „Damit quotieren wir uns zu Tode. Etliche Bevölkerungsgruppen könnten zu Recht fragen: Warum werden die privilegiert und wir nicht? Das wäre mit dem Gleichheitsgrundsatz schwer vereinbar. Außerdem: Welche Migranten würden in den Genuss der Quote kommen? Die mit afrikanischem, mit asiatischem oder orientalischem Hintergrund? Oder die Religionen mit ihren verschiedenen Unter-Konfessionen? Das ist alles nicht umsetzbar“, urteilt der studierte Militär- und Theaterwissenschaftler (nebenbei: was für eine Kombination!). Wenn das ein potentieller Quoten-Profiteur wie er sagt, erhöht das die Glaubwürdigkeit solcher Einwände, oder?Zugegeben, ähnlich haben sich auch schon zuvor Politiker mit ausländischen Ahnen geäußert. In der FDP etwa Ex-Generalsekretär Djir-Sarai. Aber schon in der CDU war das noch unter Armin Laschet nicht selbstverständlich. Laschet und die Seinen schnurrten allzu gerne die Formel von der „modernen weltoffenen Großstadt-Partei“ herunter. Da mochten sie nicht so genau hingucken, was sie da eigentlich als weltoffen verkauften – und ob das dem Land nutzte. Christdemokrat Kalouti gehört da schon fast zu einer neuen Generation von Unionsmitgliedern „mit Hintergrund“. Oder anders: Er definiert die moderne Großstadt-Partei weniger verträumt als seine Vorgänger.Über kulturell bedingte Probleme sprechenUnd noch an einer weiteren Stelle kann Kalouti einen Glaubwürdigkeitsbonus nutzen: Spricht der Sohn eines arabischen Palästinensers über Missstände in manch arabischem Milieu, muss er sich nicht unter der sogleich heranfliegenden Rassismuskeule wegducken. So teilte er der „Bild“-Zeitung mit, „viele Menschen aus Ländern des arabischen Raums“ hätten „eine andere Art, wie man Konflikte löst. Die sind viel hierarchischer strukturiert. Wenn die einen Polizeieinsatz sehen, der für sie keine wirklichen Konsequenzen hat, dann sehen die uns als schwach an“. Gegenüber WELT erläuterte er, „ich denke, dass wir gerade bei Migranten, die eine andere Sozialisation erfahren haben, deren Mentalitäten mitdenken sollten“. Viele Experten würden ihm zustimmen – zu viele aber nur hinter vorgehaltener Hand.Fragt und bohrt man ganz lang, kommt Kalouti schließlich auch zum Erwartbaren. Und sagt, ein deutscher Politiker mit ausländischer Ahnenreihe ermutige „hoffentlich auch andere mit ausländischen Vorfahren, sich für dieses Land zu engagieren und es als das eigene Land zu begreifen“ – ohne Quote, ohne Vielfalts-Liturgie. Welch ein „Signal an die migrantische Community“!
Migration: Zuerst das Land – dann seine Zuwanderungsgeschichten! - WELT
Können Politiker mit Zuwanderungsgeschichte das Land bereichern? Und wie! Glaubwürdig wie wenige können sie gegen Migranten-Quoten argumentieren, auf problematische kulturelle Eigenarten migrantischer Milieus hinweisen – und an eine Maxime erinnern, ohne die kein Zuwanderungsland funktioniert: Es gibt Wichtigeres als ausländische Ahnenreihen.







