PfadnavigationHomeICONISTModeHerrenmodeWer Rosa als feminin abstempelt, verrät seine UnkenntnisVeröffentlicht am 10.12.2025Lesedauer: 6 MinutenPastellrosa trägt sich am besten mit Selbstverständlichkeit – hier bei DiorQuelle: Peter White/Getty ImagesHollywood-Stars tragen sie auf dem roten Teppich, Designer zeigen sie in ihren Herrenkollektionen, selbst Donald Trump war darin schon oft zu sehen – und dennoch empören sich MAGA-Fans über Rosa an Männern. Dabei gehören Rosa und Pink seit jeher zur Herrenmode.Alexander Skarsgård ist ein vielseitiger Mann: Der 49-Jährige war schon als Schlägertyp („Straw Dogs“), traumatisierter Soldat („Wolfsnächte“) und kindisch-genialer CEO („Succession“) zu sehen. Fünfmal wurde der 1,94 Meter große Schwede zum „Sexiest Man Alive“ seines Heimatlandes gewählt, auch als Model feierte er Erfolge. Skarsgård ist ein Frauenschwarm, einer, den viele als „echten Kerl“ sehen – und der Anfang Dezember bei den Gotham Awards in New York in einem hellrosa schimmernden Sakko von Valentino zu schwarzem Hemd und schwarzer Hose auf dem roten Teppich erschien.Sein Kollege Jason Momoa, mit 1,93 Metern ebenfalls ein Hüne, bekannt als „Aquaman“ und als brachial auftretender Khal Drogo in „Game of Thrones“, ging vor zwei Monaten noch weiter: Bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig trat er im Komplettlook in Puderrosa auf, mit farblich abgestimmten Birkenstock-Sandalen und pinkfarbenem Nagellack auf den Zehennägeln. Es war nicht das erste Mal, dass der 46-Jährige die Zuckergussfarbe trug; 2019 kam er im rosafarbenen Samtanzug von Fendi zur Oscar-Verleihung. Neben diesen Looks wirkt ein Pullover aus der aktuellen Herren-Winterkollektion der US-Marke J.Crew fast rustikal: ein Rundhalspullover aus Wolle in Hubba-Bubba-Rosa mit schottisch inspiriertem Fair-Isle-Muster. Ein harmloses Kleidungsstück für den Winter könnte man meinen. Juanita Broaddrick sah das Ende November anders. Die ehemalige Verwalterin eines Pflegeheims wurde der breiten Öffentlichkeit Ende der 90er-Jahre mit der Anschuldigung bekannt, 1978 von Bill Clinton vergewaltigt worden zu sein. Heute hat sie fast zwei Millionen Follower auf der Plattform X und gilt als Trump-Anhängerin. Auf X schimpfte sie schon über den puerto-ricanischen Musiker Bad Bunny, den Moderator Jimmy Kimmel – und jüngst über besagten Pullover von J.Crew. Einen Screenshot des Fotos aus dem Onlineshop der Marke versah sie am 17. November mit den Worten: „Ist das euer Ernst? Männer, würdet ihr diesen 168-Dollar-Pulli tragen?“ 1793 „Gefällt mir“-Angaben, 506 Retweets und über 3400 Antworten sammelten sich unter dem Post an. Einige trug „The Guardian“ zusammen: „Mein Mann würde nicht einmal ein pinkes Badetuch benutzen“, hieß es dort etwa, und: „Kein Mann in meiner Familie würde das tragen!“ Er sei ein Mann, nicht schwul, und werde sich nicht als „Golden Girl“ verkleiden, kommentierte ein Nutzer.Lesen Sie auchDiese Reaktionen dürften nicht nur Modehistoriker und Farbexperten überrascht haben, sondern auch Laien, die in der vergangenen Dekade in Mode- und Einrichtungsgeschäften das fast ins Beige rutschende, phasenweise omni- und überpräsente „Millennial Pink“ kaum übersehen konnten. Der hell-sanfte Ton war geschlechterübergreifend angesagt – und ist es wieder, zumindest aus Sicht vieler Modemarken. Pastellrosa spielt eine tragende Rolle in vielen aktuellen Herren-Winterkollektionen. Dior tauchte Mäntel, Blousons und Sakkos in die zarte Farbe, bei 032C erstrahlen knöchellange Mäntel und Kapuzenpullover in dem Ton, Louis Vuitton setzt auf Cardigans, Anzüge und Arbeitsjacken in hellem Rosa. Knalliger geht es in den Winterkollektionen von Kenzo und Doublet zu.Geht es nach den Rosakritikern auf X, ist das alles nichts für „echte Männer“. Womöglich haben sie die Begeisterung des von vielen von ihnen gefeierten Donald Trump für rosa- und pinkfarbene Krawatten vergessen. Zahlreiche, keineswegs nur jahrzehntealte Fotos zeigen ihn mit Krawatten in den vermeintlichen „Frauenfarben“. Auch mit pinkfarbenem Cap zeigte er sich, bevor die rote MAGA-Kappe sein (mitunter als unpassend empfundener) Begleiter wurde. 1989 wurde er gar in einem pinkfarbenen Pullover gesichtet. Seine Haltung zu dem farblich sogar noch zurückhaltender daherkommenden J.Crew-Pulli ist bisher nicht bekannt.Wer Farben wie diese als ausschließlich feminin abstempeln möchte, kann das tun – und damit preisgeben, dass er oder sie geschichtlich nicht besonders versiert ist. In ihrem Buch „Pink. The History of a Punk, Pretty, Powerful Colour“ verweist Valerie Steele, Modehistorikerin und Direktorin des Museums am New Yorker Fashion Institute of Technology, auf Gemälde und Kleidung aus dem 18. Jahrhundert, die belegen, dass damals Frauen und Männer Rosatöne trugen. Richard Wagners Begeisterung für Satin in Hellrosa wurde im 19. Jahrhundert bekannt; die Spieler von Juventus Turin liefen in den ersten Jahren nach der Gründung des Vereins 1897 in pinkfarbenen Trikots auf.Lesen Sie auchDas „Blau für Jungs, Rosa für Mädchen“-Schema entstand erst im 20. Jahrhundert – auch dank Mamie Eisenhower, die das Weiße Haus in den 50er-Jahren in Puderrosa einrichtete. Bald hieß die Farbe in den USA „Mamie Pink“. Danach prägte unter anderem Barbie das Image von Pink als Mädchenfarbe. Sie tauchte aber immer wieder auch in Männertextilien auf: Spieler des HSV trugen 1977 erstmals pinkfarbene Trikots, jene von Werder Bremen 2005, und Lionel Messi spielt heute für Inter Miami in Rosa. Auch jenseits des Platzes war „das kleine Rot“ an Männern zu sehen: Elvis Presley trug Pink, Don Johnson als Sonny Crockett in „Miami Vice“ pastellrosa Hemden und Sakkos, Robert De Niro in „Casino“ rosa Hemd und Krawatte.Gerade für Charaktere wie diese mit aufregendem Leben scheint Rosa eine gute Wahl zu sein – zumindest, wenn man den Ergebnissen der 1979 veröffentlichten Studien von Alexander Schauss glaubt. Laut diesen wirkt Rosa beruhigend und besänftigend. Spätere Untersuchungen kamen allerdings zu anderen Ergebnissen. Das wiederum passt zu der auf X losgetretenen, tatsächlich alles andere als ruhig und sanft wirkenden Entrüstung über die Farbe an Männerkörpern.Diese Entrüstung amüsiert die einen und veranlasst die anderen – in diesem Fall eine Autorin des „Guardian“ – zu Überlegungen über fragile Männlichkeit. Vielleicht führt die für viele so weiblich und sanft geltende Farbe manchem auch die eigenen vermeintlichen Makel zu deutlich vor Augen – ein Gefühl, das von Optimierungswahn ständig umgebene Frauen nur zu gut kennen. Der Attraktivität hünenhafter und charismatischer „Kerle“ wie Jason Momoa und Alexander Skarsgård kann kein Rosa dieser Welt etwas anhaben; im Gegenteil, ihr souveräner Auftritt in der Farbe macht sie noch attraktiver. Wer eine zierlichere Statur (und weniger große Auftritte) hat, könnte meinen, mehr Mut für Rosa aufbringen zu müssen. Ein weiterer möglicher Grund für den Unmut auf X ist der Bruch mit Sehgewohnheiten. Denn so präsent „Millennial Pink“ lange auch war: Die Hochzeit der Farbe liegt eben doch schon ein paar Jahre zurück.Lesen Sie auchEinig sind sich alle Beobachter darin, dass die Marke J.Crew von der großen Aufmerksamkeit profitiert – und das auch noch unverhofft. Während das Aufsehen, für das die Jeansmarke American Eagle mit ihrer Wortspielkampagne mit Sydney Sweeney sorgte, durchaus kalkuliert wirkte, hat J.Crew seinen rosafarbenen Wollpullover gar nicht groß beworben. Das hat Juanita Broaddrick erledigt. Mit Erfolg: Im Onlineshop sind nur noch wenige Exemplare übrig.
Debatte um Rosa in der Herrenmode – und was die Farbe wirklich über Männlichkeit verrät - WELT
Hollywood-Stars tragen sie auf dem roten Teppich, Designer zeigen sie in ihren Herrenkollektionen, selbst Donald Trump war darin schon oft zu sehen – und dennoch empören sich MAGA-Fans über Rosa an Männern. Dabei gehören Rosa und Pink seit jeher zur Herrenmode.






