PfadnavigationHomeICONISTGesellschaftInstrument des Jahres 2026Kann das Akkordeon auch sexy sein? Eine AnnäherungVeröffentlicht am 29.11.2025Lesedauer: 5 MinutenGrace Jones gab dem Akkordeon einen festen Platz in der Geschichte der PopmusikQuelle: Sonia Moskowitz/Getty ImagesVon der U-Bahn-Quetschkommode zum „Instrument des Jahres“: Das Akkordeon nervt, verzaubert, kündigt im „Paten“ Unheil an und trägt Tango, Musette und Pop gleichermaßen. Warum ausgerechnet dieses Handklavier mit Luftpumpe 2026 geehrt wird.Es kann nerven. Wenn sich die U-Bahntüren öffnen, eine lächelnde Männer-Kombo eintritt und anfängt, ihre Version von „Bella Ciao“ zu dudeln – natürlich mit einem Akkordeon. Türen zu, keiner kann raus. Nach fünf Takten, die im Geratter der Bahn, Kindergebrüll und dem laustarken Telefonat des Sitznachbarn untergehen, hören die Musiker in der Regel wieder auf und laufen mit der Mütze durch den Gang, um den Lohn der unbestellten Aufführung rechtzeitig vor der nächsten Station einzukassieren. Dann geht’s in den nächsten Wagen.Wer das Instrument eher als nervtötende Quetschkommode aus dem Nahverkehr abkanzelt, dürfte sich angesichts dieser Meldung wundern: Das Akkordeon ist das Instrument des Jahres 2026, das teilten die Landesmusikräte in dieser Woche mit. Die Wahl des „Schwerpunktinstruments“ ist eine alljährliche Aktion der 16 Räte, der Dachverbände also, unter denen das Musikleben der jeweiligen Bundesländer organisiert ist.Aber wie kommen sie dazu? Fahren die nie U-Bahn? Hat nicht der Musiker Tom Waits einmal gesagt: „Ein Gentleman ist ein Mann, der Akkordeon spielen kann, es aber nicht tut“? Womit hat das Instrument es verdient, dass viele so ein schiefes Bild von ihm haben?Lesen Sie auchZuerst einmal die Gegenthese: Das Akkordeon kann verzaubern. Wer sich auf den Film „Die fabelhafte Welt der Amélie“ aus dem Jahr 2001 einlässt, den entführen die Klänge des Handklaviers in die Cafés und Straßen von Paris – und in das Universum der verträumten Protagonistin. Kaum ein Musikstück übersetzt den Charme der Stadt so poetisch wie der Soundtrack des Komponisten Yann Tiersen. Das Instrument kann aber auch Unheil ankündigen, so wie im Mafia-Epos „Der Pate“ von 1971. Schon die Melodie in der ersten Szene klingt nach Verrat, Loyalität und Tod. Wie macht das unförmige Tasteninstrument das bloß?Die Antwort führt zurück in die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts – in eine Zeit technischer Neugier, musikalischer Experimente und wachsender bürgerlicher Musikkultur. Am 23. Mai 1829 ließ der Wiener Orgel- und Klaviermacher Cyrill Demian gemeinsam mit seinen Söhnen Karl und Guido das „Accordion“ patentieren. Demians Idee war einfach und revolutionär zugleich: Er entwarf ein handliches Instrument, dessen Töne mittels eines Balgs entstehen, der Luft über durchschlagende Metall-Zungen führt.Eine Art Handklavier mit LuftpumpeDie besten Zungen stammen bis heute aus spezialisierten Werkstätten in Italien oder Russland und werden millimetergenau gefeilt. Das physikalische Prinzip existierte bereits in asiatischen Mundorgeln wie der chinesischen Sheng. Demian kombinierte es erstmals mit einem Tastensystem, das Akkorde und Melodien möglich machte: Eine Art Handklavier mit Luftpumpe. Beim Akkordeon wird Klang buchstäblich durch Bewegung erzeugt. Die Konstruktion gibt dem Akkordeon seine einzigartige Emotionalität. Es kann hauchen, stöhnen, jubeln, schreien. Kein Wunder, dass Filmkomponisten so gerne darauf zurückgreifen. Kaum ein Instrument lässt sich so „menschlich“ phrasiert spielen.Kaum patentiert, verbreitete sich das Akkordeon rasant. Bereits in den frühen 1830er-Jahren bauten Pariser Werkstätten veränderte Modelle. Sie waren leichter, differenzierter und verfügten über erweiterte Tonumfänge. Paris wurde bald ein europäisches Zentrum der Akkordeonkultur – besonders für das spätere Musette-Akkordeon, das die typischen Walzer der Pariser Vorstadtcafés begleitete. In Deutschland entwickelten sich währenddessen regionale Spielarten. Der Krefelder Instrumentenbauer Heinrich Band gilt als einer der bedeutendsten Innovatoren. Sein zwischen 1840 und 1860 entwickeltes Bandoneon war als Kircheninstrument gedacht, doch sein melancholischer Ton machte es zum Herz des argentinischen Tangos: Deutsche Auswanderer nahmen es mit nach Buenos Aires, wo das Instrument ab den 1880er-Jahren ikonischen Status erlangte – und bis heute hat.Lesen Sie auchDer Musik-Journalist Christoph Wagner hat den weltweiten Aufstieg der Quetschkommode („Das Akkordeon. Eine wilde Karriere“) untersucht. Das Akkordeon wurde im 19. Jahrhundert zum „Preisbrecher der Tanzkapellen-Tarife“, so Wagner. Große Kapellen schrumpften auf Ein-Mann-Stärke, weil das Akkordeon andere Instrumente überflüssig machte, was die Kosten für „Tanzmusik“ rapide fallen ließ. Dazu verfügte die Handharmonika über eine Lautstärke, die ihr gegenüber anderen Instrumenten in einer lärmerfüllten Wirtsstube oder am Rande eines lauten Tanzbodens einen beträchtlichen Vorteil verschaffte, auch beim Musizieren im Freien, so Wagner.Quetschkommode, Teufelsbüchse, Schweineorgel...Natürlich rieb sich die Gesellschaft an diesem kreativen Zerstörer der Musikbranche, der die Industrialisierung begleitete: „Für die einen war das Akkordeon der Bannerträger des Fortschritts und der Modernität, für die anderen das Symbol kulturellen Verfalls: der immer wieder beschworene Untergang des Abendlandes“, analysiert Wagner. Den Untergang der Musikkultur mag mancher Harmonika-Allergiker immer noch heraufdämmern sehen, nicht zuletzt beim Anblick von Kinoproduktionen aus den 1950er- und 1960er-Jahren: Da quetschen Stars wie Hans Albers „Auf der Reeperbahn nachts um halb Eins“ oder „La Paloma“ aus dem Schifferklavier. Da mimt Freddy Quinn den Hafenjungen, der „Nimm mich mit, Kapitän, auf die Reise“ auf dem Akkordeon spielt. Viel später erst gab der vermeintliche Seebär Quinn zu, mit den Weltmeeren nie etwas zu tun gehabt zu haben. Ein Akkordeon kann eben auch identitätsstiftend sein.Knöpfl. Quetschn. Zerr-Wanst. Tretschrank. Quetschkommode. Armen-Klavier. Schifferklavier. Steirische. Teufelsbüchse. Schweineorgel. Tausend Begriffe gibt es für das Akkordeon und ebenso viele Varianten dieses Instruments. Kaum ein anderes Instrument hat so viele Musikstile beeinflusst wie das Akkordeon. Denn man kann bei weitem nicht nur alpenländische Volksmusik darauf spielen, sondern eben auch Tango, französische Chansons, brasilianischen Forró oder Zydeco aus Louisiana. Sängerin und Performancekünstlerin Grace Jones gab ihm mit den mysteriösen Klängen in „I’ve Seen That Face Before (Libertango)“ einen festen Platz in der Geschichte der Popmusik. Das Musikvideo, das sie dazu inszenierte, zeigte, wie sexy die Quetschkommode sein kann.Die Landesmusikräte würdigen mit der Wahl des Akkordeons zum Instrument des Jahres nicht nur seine historische Bedeutung, sondern auch seine ständige Neuerfindung. Vielleicht macht genau das seinen Zauber aus: dass es immer auch eine Geschichte erzählt. Ob im Kaffeehaus, im Film oder in der U-Bahn.