PfadnavigationHomeRegionalesHamburgFestivalAkkordeon im AkkordStand: 12:29 UhrLesedauer: 5 MinutenKsenija Sidorova mit ihrem InstrumentQuelle: Benne OchsDie Lettin Ksenija Sidorova erweitert erneut das bisher bekannte Spektrum der Ziehharmonika: in 18 Konzerten als Porträtkünstlerin des Schleswig-Holstein Musik-Festivals spielt sie Werke von Astor Piazzolla bis zu Johann Sebastian Bach.Zuschauer erschauern, als Ksenija Sidorova die mitreißenden Tango-Läufe des Konzerts „Aconcagua“ von Astor Piazzolla mit dem Akkordeon wie eine Welle durch den Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie rollen lässt, im Allegro marcato zu Beginn und im Presto zum Abschluss. Mittendrin brandet beim Moderato Melancholie durch die Reihen. Piazzolla schrieb „Aconcagua“ 1979 für Akkordeon, Klavier und Streicher. Sidorova und ihr Instrument erbeben in seinem Meisterwerk. Die lettische Virtuosin holt mit spitzbübischem Blick alles aus dem Werk heraus und wirkt dabei wie die Chefin einer Bande, die musiziert, weil sie gerade keine Äpfel klaut. Anschließend legt sie energiegeladen im Jubel des Publikums noch eine Zugabe drauf. Solistin bei großen und kleinen OrchesternSidorova hat ihr Instrument in den vergangenen 20 Jahren salonfähig gemacht, trat unter anderem gemeinsam mit dem Chicago Symphony Orchestra und den Münchner Philharmonikern auf. Das „Aconcagua“-Konzert mit dem Württembergischen Kammerorchester Heilbronn unter Leitung von Miran Vaupotić war Höhepunkt des Programms „Piazzolla reloaded“ beim Pantonale Festival. Ein besserer Proberaum für ein Elbphilharmonie-Konzert als der Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie aber lässt sich nicht denken. In Hamburg wird Sidorova am Auftaktwochenende des Schleswig-Holstein Musikfestivals (SHMF), am 4. Juli, im großen Saal der Elphi aufspielen. Lesen Sie auchAuf dem gemeinsamen Programm mit der Robert-Schumann-Philharmonie unter Leitung von Benjamin Reiners steht eine Uraufführung: Fazil Say hat für Sidorova ein „Konzert für Akkordeon und Orchester“ komponiert. Es folgen „Die Große“ – die achte Sinfonie von Franz Schubert – und die Konzertouvertüre „Excelsior!“ von Wilhelm Stenhammar. Da deutet sich in einem Programm bereits die ungeheure Bandbreite des Repertoires der 38-jährigen Künstlerin an. Doch für Sidorova bleibt es in diesem Jahr nicht bei einem SHMF-Konzert. Als Porträtkünstlerin bestreitet sie beim Festival 18 Konzerte, in Konstellationen nach ihrem Wunsch. „Das SHMF war da unglaublich großzügig und hat mich gebeten, bei der Gestaltung groß zu denken. Das habe ich getan – und alle meine Wünsche wurden erfüllt“, sagt die Lettin im Gespräch mit WELT AM SONNTAG.Steile Karriere nach dem Studium in LondonGroß zu denken, liegt ihr. Auf die Frage, ob sie mit diesem Star oder jenem Künstler schon mal gespielt hat, lautet ihre Antwort nie „Nein“, sondern „noch nicht“. Denn Sidorova hat ihre Karriere als Ermöglicherin gemacht. Im Alter von acht Jahren hat sie angefangen, an einer Musikschule Akkordeon zu lernen, inspiriert von ihrer Großmutter. Die spielte eine Garmoschka, einen Akkordeon-Vorläufer mit Knöpfen auf beiden Seiten. „Meine Großmutter spielte einfach zum Spaß“, erzählt Sidorova, „das gefiel mir. Das Akkordeon ist unglaublich vielfältig, begleitet einen bei Festen, in traurigen Momenten, eigentlich bei jedem Ereignis.“ Später studierte sie bei Owen Murray an der Royal Academy of Music in London.Anschließend ging es weiter bergauf, so steil wie auch die 41 Akkordeontasten senkrecht nach oben verlaufen. Nach ihrem Debüt in der Londoner Wigmore Hall konzertierte sie beim Lucerne Festival. Weitere Auftritte in Europa folgten, ebenso in den USA. Heute lebt die Meisterin der Ziehharmonika nach Stationen in Madrid und Lettland mit ihrem Mann und ihren drei Kindern auf Sizilien. Ihre Familie wird sie nicht nach Schleswig-Holstein begleiten. „Das wird kein gewöhnlicher Sommer für mich, mit 18 Konzerten und neun Programmen. Ich verbringe zwei Zeitspannen allein und besuche dann die Familie, die mich sehr unterstützt. Im nächsten Jahr kommen wir hoffentlich gemeinsam“, sagt die Künstlerin.Das Akkordeon als „Erweiterung des Körpers“Von Anfang an betrachtete Sidorova ihr Instrument „als Erweiterung des Körpers. Ich umarme es einfach und schon gehört es zu mir“, sagt Sidorova. In der Tat wirkt es, spielt sie Piazzolla, als sei das Instrument mit ihr verwachsen. Ganze 20 Kilo wiegt es – schon dessen ständige Transporte ersetzen den Weg ins Fitnessstudio. „Jedes Instrument hat seine Eigenheiten“, so Sidorova, „wenn man Klavier spielt, weiß man nie, welches man bekommt. Beim Akkordeon ist es das Gewicht, aber dafür habe ich mein Instrument immer bei mir, nehme es auch mit ins Flugzeug.“Gewicht haben auch Sidorovas Programme beim SHMF, wo sie ihr breites Repertoire voll ausspielen kann, darunter Transkriptionen bekannter Werke, die sie zum Beispiel mit dem Mandolinisten Avi Avital aufführt, der den Part der Geige übernimmt. Sidorova ersetzt das Klavier. Auch die Programme „Ksenija Sidorova & Friends“ und „Voller Seele“, die sie gemeinsam mit dem Signum Saxophone Quartet bestreitet, sind bereits ausverkauft. Für den Abend „Akkordeon sinfonisch“ am 20. Juli in der Musik- und Kongresshalle (MUK) in Lübeck, gemeinsam mit dem Estonian Festival Orchestra unter Leitung von Paavo Järvi, gibt es noch Karten. Goldberg-Variationen im Duett mit Pietro RoffiWer ein Akkordeon-Doppelkonzert auf höchstem Niveau erleben möchte, hat dazu im Dom zu Ratzeburg (23. August) Gelegenheit. Dort spielt Sidorova mit dem kongenialen italienischen Akkordeonisten und Komponisten Pietro Roffi ihre Version der Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach. Solo ist sie mit „Von Mozart bis Piazzolla“ auch im Kuhstall in Pronsdorf (27. August) zu Gast.Neben Sidorova treten beim SHMF viele international gefeierte Künstler auf, darunter die Cellistin Anastasia Kobekina, die das Eröffnungskonzert in Lübeck mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester bestreitet. Auch Jan Lisiecki, Yo-Yo Ma, Benjamin Appl, Daniel Hope, Hilary Hahn, Daniil Trifonov, Rolando Villazón, Midori und Grigory Sokolov sind mit von der Landpartie. Das SHMF präsentiert bis zum 30. August insgesamt 205 Konzerte in Schleswig-Holstein, Dänemark, Hamburg und im nördlichen Niedersachsen. Das volle Programm: shmf.de