Orchester im Kleinformat: Das Akkordeon ist ein Instrument zum UmarmenAls Quetschkommode wird es bezeichnet, als Schifferklavier und Ziehharmonika. Das Akkordeon ist das Instrument des Jahres 2026 – und weit mehr als Rumtata-Begleitung. Eine Liebeserklärung.28.05.2026, 08.25 Uhr6 LeseminutenDas Akkordeon ist ein Instrument, mit dem sich von Volksmusik bis Techno alles spielen lässt.Sean Gallup / GettyDie Ärztin mir gegenüber hatte keine guten Nachrichten für mich. Ich war elf, sie hatte einen weissen Kittel an und einen strengen Blick, so wie sie da hinter ihrem braunen Medizinerinnenschreibtisch sass. Ja, sie untersage den Leistungssport, sagte sie. «Dein Herz macht nicht mit. Zu viel bedeutet den Tod.» Das Training auf dem Eis – vorbei. Mein kindlicher Traum vom Weltmeistertitel – ausgeträumt. Tränen liefen mir übers Gesicht. Ein Meer aus Tränen. Tagelang. Mein Vater sagte: «Wenn du anfängst, Akkordeon zu spielen, kaufe ich dir sofort eins.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Damit übergab er seinen Traum an mich. Seine einstige Primarlehrerin hatte Akkordeon gespielt, als Knirps war er ein wenig verliebt in diese kleine Frau mit dem grossen Holzkasten. Wenn sein Kind – so sein hehrer Gedanke – sich nicht mehr jeden Tag mit Sport beschäftigen dürfe, dann könne es doch ein paar Tage im Monat der Musik widmen. Ich wischte leise die Tränen weg und sagte gleichgültig: «Okay.»Am nächsten Tag stand ein Akkordeon vor mir. Glänzend, rot. Eine Meisterleistung meines Vaters im Mangelland Sowjetunion 1991. Er hätte sich sicher schon damals zu hören gefreut, dass deutsche Landesmusikräte 2026 das Akkordeon zum Musikinstrument des Jahres wählen würden.Chinesische Wurzeln, österreichischer ErfinderIch versuchte derweil, dem roten Ding irgendwelche Töne zu entlocken. Das geht ganz gut beim Akkordeon. Wegen seiner Bauweise klingt das Instrument praktisch beim ersten Versuch recht harmonisch: rechts die Tasten wie beim Klavier, links die Knöpfe, die ganze Akkorde wiedergeben, dazwischen der Blasebalg. Bereits nach wenigen Stunden Unterricht an der Musikschule in der Steppe an der Grenze zu Kasachstan dachte ich: Ich bin ein Profi! Das war natürlich eine völlige Selbstüberschätzung eines verzweifelten Kindes, dem man den Eiskunstlauf untersagt hatte. Falsch auch der mitgegebene Gedanke, das Instrument sei lediglich für Volksmusik geeignet, gegebenenfalls noch für Seemannslieder zum Schunkeln oder höchstens für Tango.Quetschkommode wird das Akkordeon genannt. Schifferklavier. Die Begriffe kannte ich damals nicht, weil ich damals einfach kein Deutsch konnte. Hätte ich sie gekannt, hätte ich schon damals gesagt: Ein bisschen mehr Respekt, bitte!Als das Instrument patentiert wurde, 1829 in Wien, war es eine Revolution in ohnehin revolutionären Zeiten. «Accordion» hatten der Instrumentenbauer Cyrill Demian und seine Söhne ihre Erfindung genannt. Der Prototyp hatte nur fünf Knöpfe. Mittels dünner, schwingender Metallplättchen brachte jeder Knopf einen Akkord zustande, also gleich drei Töne zusammen. Ähnliches hatten zwar bereits Chinesen ein paar tausend Jahre zuvor gebaut, ihre Mundorgel Sheng liess aber nicht durch einen simplen Knopfdruck mehrere Töne erklingen.Überall zu Hause und heimatlos zugleichDas musikalische Novum des 19. Jahrhunderts hatte keine zweite Person nötig, um mehrere Klänge gleichzeitig zu erzeugen. Zudem, so meinten seine österreichischen Erbauer, sei es einfach und praktisch zum Mitnehmen (hier würde ich mit ihnen streiten). Doch wie dem auch sei, das Akkordeon hatte seine Umrundung der Welt begonnen.Ob die «Steirische» in Österreich, die Concertina in Grossbritannien, die Musette in Frankreich, der Bajan in Russland, das Bandoneon in Argentinien, die Trikitixa im Baskenland, die Sanfona in Brasilien, ja, auch das Schwyzerörgeli in der Schweiz, ob mit Tasten oder mit Knöpfen, ob chromatisch (gleichtönig) oder diatonisch (wechseltönig), das Akkordeon hat viele Gesichter. Fast jedes Land beansprucht es, um seine Traditionen und sein Brauchtum zu erklären. Das Instrument dieses Jahres hat überall seine Heimat. Vielleicht ist es auch deshalb ein etwas heimatloses Instrument.Ich also spielte irgendwelche Anfängerlieder über die Steppe, drückte auf die Tasten rechts und die Knöpfe links – und machte immerhin meinen Vater glücklich. Wir hatten einen schweren Start, mein Akkordeon und ich, dafür können wir beide nichts. Doch wir lernten schnell, uns zu fühlen. Ja, zusammen zu atmen. Auch das ist einfach bei diesem Instrument. Wir umarmten uns, das Akkordeon spürte den falschen Takt meines schlecht funktionierenden Herzens, ich hauchte ihm Leben ein, indem ich seine linke und seine rechte Seite auseinanderzog. Seine «Lunge», der Blasebalg, füllte sich mit Luft, sein Ton war mal leise, als würde ein Pinsel über ein Aquarellbild fahren, und dann wieder viel zu laut, als würde jemand gegen eine Regentonne aus Metall treten. Wir weinten zusammen, wir liessen zusammen die Wut heraus, wir waren zu unzertrennlichen Weggefährten geworden.Als mein Vater, meine Mutter, meine Grossmutter, mein Bruder und ich die zusammengebrochene Sowjetunion 1992 schliesslich verliessen, musste der rote Kasten selbstverständlich mit. Unversehrt überstand er, ein Wunder, schlecht verpackt in einem hölzernen Container, die 4000 Kilometer bis nach Nordhessen – und gab mir in der Fremde eine Art Zuhause. Wir erfühlten zusammen den Pulsschlag Deutschlands, dieses für mich anfangs so fremden Landes. Er öffnete mir Türen zu Menschen, die ich ohne Worte verstand, weil wir einfach zusammen Musik machten. Er liess mich das Neue einatmen, ohne das Alte völlig ausgeatmet zu haben.Dann aber liess ich meinen glänzenden Begleiter fallen. In der neuen Wohnung, die meine Eltern für uns fanden, war zu wenig Platz für fünf Menschen. Das Akkordeon musste immer auf meinem Ausklappbett stehen. Ich vergass vorm Zubettgehen, es auf den Boden zu stellen. Es krachte aufs Parkett, ich hörte regelrecht seine Schmerzen, als all die Klappen und Plättchen in seinem Inneren abbrachen. Ein nächstes Drama, auch noch von mir selbst verschuldet.Diesmal kam der deutsche Nachbar zur Hilfe. Seine erwachsene Tochter spielte Akkordeon, er liebte die Musik. Nahezu täglich brachte er ausgeschnittene Zeitungsannoncen. Eine Wohnungsauflösung hier, ein nicht mehr gebrauchtes Instrument da. «Da, da, nur einjährig, kaum gebraucht», sagte ich eines Tages zu meinem Vater, der das Wunschakkordeon bezahlen musste. Viel Geld damals für einen, der wenig hatte in seiner neuen Heimat. Wir fuhren hin zu einem Mann, der das Instrument verkaufte. Ich hatte mich vorbereitet, hatte die deutschen Sätze vor dem Badezimmerspiegel eingeübt. Ich wollte ihn unbedingt herunterhandeln. Er muss den Schmerz in meinen Teenageraugen gesehen haben. Mein Vater jedenfalls zahlte nur die Hälfte des in der Zeitung angegebenen Preises.Ein Hohner-Modell, diesmal schwarz. Wir traten in Altersheimen auf, zusammen mit anderen; die Frauen und Männer dort klatschten beglückt im Takt. Wir spielten Volkslieder und Tango. Wir liessen es sein mit Barock, experimenteller Musik und Techno. Denn ja, ein Akkordeon ist durch seine Tasten und Knöpfe und Register nicht einfach ein Orchester im Kleinformat, es lässt sich jede Art Musik mit ihm machen, das Rumtata des Musikantenstadl genauso wie Oboen-, Bläser- und Geigenstimmen zusammen. Von seinem Tonumfang her ist es wie ein Konzertflügel, manchmal, wenn es sich um ein Knopfakkordeon handelt, gar mehr.Der Litauer Martynas Levickis ist einer der bekanntesten Tastenakkordeonisten der Welt – hier mit der georgisch-britischen Sängerin Katie Melua.In der Schweiz, so belegen es Statistiken, sind bis zu 5000 Akkordeonspieler in Vereinen organisiert. An fünf Hochschulen – von Zürich bis Genf – lässt sich Akkordeon studieren. Es bleibt ein Nischeninstrument. Und was für eines!In Dur und in Moll, als Oboe oder GeigeIch beglückte meinen Vater als Alleinunterhalterin zu seinem 50. Geburtstag und zog weg zum Studium, natürlich nicht ohne mein Akkordeon. Wenn die Zeiten stressig wurden und die Klausuren zu viel, schnauften der Hohner und ich gemeinsam. In Dur und in Moll, bei Mozarts Oboenkonzert und mit «What Shall We Do with a Drunken Sailor». Wenn die Welt einen einmal nicht verstand, tat es der Kasten vor der eigenen Brust immer, selbst wenn er schiefe Töne von sich gab.Das von vielen als ältlich empfundene Instrument, dem die Leute, die wenig davon verstehen, wenig schmeichelhafte Namen geben, war immer mein cooler Begleiter. Manchmal liess ich es zu lange in der Ecke stehen, dann brachte es mich wieder mit wunderbaren Menschen zusammen. Es war Teil von mit Freunden ins Leben gerufenen Lyrik- und Musikabenden in Peking, Teil der «Cello»-Stimme in einem Laienorchester in Berlin und ein Seelenberuhiger in Moskau, als Wladimir Putin der Ukraine den Krieg erklärte. Es brachte meine Tochter noch in meinem Bauch zum Tanzen und später zum Singen, als ich irgendwelche Laternenlieder für ihren Kindergarten klimperte.Mein Herz schlägt immer noch im falschen Takt. Dem schwarzen Hohner auf meinen Knien ist es egal. Und mir mittlerweile auch. Walzer, Polka und Tango tanzen wir perfekt zusammen. Wir würden es wohl selbst auf Schlittschuhen bestens hinbekommen.Passend zum Artikel
Viel mehr als Rumtata: Akkordeon wird «Instrument des Jahres»
Als Quetschkommode wird es bezeichnet, als Schifferklavier und Ziehharmonika. Das Akkordeon ist das Instrument des Jahres 2026 – und weit mehr als Rumtata-Begleitung. Eine Liebeserklärung.









