PfadnavigationHomeRegionalesNordrhein-WestfalenArtikeltyp:MeinungMacht am Rhein„Keine Kulturkämpfe“ – und doch führen die rheinischen Christdemokraten ebendiesenVeröffentlicht am 22.11.2025Lesedauer: 7 MinutenAnhänger einer nicht erklärten Kulturkampfstrategie in der CDU? Nathanael Liminski und Armin LaschetQuelle: Federico Gambarini/picture alliance/dpa/fg wstCDU-Kopf Nathanael Liminski empfiehlt die Wüst-CDU als Labor der Kompromisskunst und dezent-konservative Antwort auf beinahe Weimarer Verhältnisse, Verrohungsstrudel und leichtfertige Radikalität. Seine Kritiker könnten viel von ihm lernen – und umgekehrt.Das war wieder ein echter Liminski. Seit Langem beharken sich die Parteien, der Bund und die Kommunen in der Frage, ob man schwer verletzte Kinder aus Gaza hierzulande behandeln solle. Manche beschworen die Pflicht zur Mitmenschlichkeit. Andere hielten dagegen, die Wiederausreise der Kinder und ihrer Begleitpersonen werde zu schwierig. Nach Palästina lasse sich kaum abschieben. Der Graben schien unüberbrückbar. Bis sich Nathanael Liminski einschaltete und das baute, was er so gern mag: Kompromisse, Synthesen, Sowohl-als-auch-Konstrukte. Der NRW-Staatskanzleichef und CDU-Vordenker schlug vor, dringend hilfebedürftige Kinder einreisen zu lassen, sofern ihre Wiederaufnahme von allen Stellen auch in Gaza garantiert werde. Liminski wollte Menschlichkeit mit Sicherheit verbinden – und damit die guten Anliegen beider Seiten fusionieren.In Zeiten von 26 Prozent Rechts- und 11 Prozent Links-ParteiSolche schwarz-rot-grünen Vermählungsversuche unterlaufen Liminski nicht einfach; er sucht sie. Brückenbau über Lagergrenzen hinweg erscheint ihm als Gebot der Stunde – angesichts von 26 Prozent Rechtspartei und elf Prozent Linkspartei in Umfragen. Und in aller Bescheidenheit empfiehlt er diese Herangehensweise auch der Union insgesamt als eine Art goldenen Weg in die Zukunft. Was kann man damit gewinnen, was verlieren?Gewinnen lässt sich damit zunächst einmal Macht. Denn die, so fasste er unlängst sein Credo in der „FAZ“ zusammen, gehöre in die Mitte. „Und der Weg dorthin“ sei „der Kompromiss“. Dahinter steckt jedoch viel mehr als nur ein Tipp für Machttechniker. In Wirklichkeit müsste man sagen, da zeige sich Liminskis persönlicher Kulturkampf – wenn, ja wenn er nicht so vehement beteuern würde, die CDU führe „keine Kulturkämpfe“. Unbestreitbar aber kämpft er mit seinem Kompromisskonzept für eine bestimmte politische Kultur. Mit Pathos gesprochen: für den edlen Kern unserer Staatsform. Auch im Reformbedürftigen steckt BewahrenswertesDemokratie ist nicht feindseliges Lauern auf den Augenblick, in dem man die gegnerischen Schützengräben erstürmt. In ihren besten Momenten fasziniert sie durch die Bereitschaft, mit dem anderen Lager hart, aber konstruktiv zu ringen – weil auch der Andersdenkende meist ein Quäntchen Wahrheit auf seiner Seite hat. Und weil ein Miteinander unter Demokraten oft nicht nur möglich, sondern wertvoll ist – dieser erhebende Gedanken hat es auch Liminski angetan. Deshalb ist er jedem radikalen Entweder-oder abgeneigt – was exemplarisch sein Ringen um den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk belegt. Oft hat er dessen Reform gefordert. Sobald er aber merkte, dass er sich damit in die Schlachtreihe von ÖRR-Vernichtern einordnete, stoppte er unvermittelt. Denn auch das Reformbedürftige hat in der Regel einen bewahrenswerten Kern – davon ist er überzeugt. Im Falle des ÖRR erst recht. Eine Medienlandschaft braucht ihm zufolge Sender, die frei von Profitzwängen arbeiten. Mehr Sparsamkeit jedoch fordert er sehr wohl von den Öffentlich-Rechtlichen. Und siehe da: Nun wurde beschlossen, die Zahl der ÖRR-Radiosender von 70 auf 53 zu senken und TV-Spartensender zusammenzulegen – in einem ersten Schritt. Weitere sollen folgen.Liminski – Laschet – BlümNebenbei: Ganz so neu wie es das Attribut „Vordenker“ vermuten lässt, sind Liminskis Akzente nicht. Schon in Armin Laschet, dem NRW-Ministerpräsidenten bis 2021, steckte viel Liminski (oder umgekehrt?), was nicht verwundert, war er doch schon unter Laschet Staatskanzleichef. Genau genommen kann man das Faible fürs Brückenbauen und Synthesen-Suchen sogar bis zu Norbert Blüm, dem früheren Bundesarbeitsminister und Chef der NRW-CDU, zurückverfolgen – womit wir in den 1990ern angelangt wären. Liminski pflegt also eine rheinisch-christdemokratische Tradition. Aber alt muss ja nicht schlecht bedeuten. Lesen Sie auchFür im Kern bewahrenswert hält Liminski auch das Asylrecht. Weshalb er selbst in Zeiten starker Zuwanderung seiner Null-Toleranz-Linie gegenüber Stumpf-und-Stil-Radikalität treu blieb. Zwar drängten Ministerpräsident Wüst und er darauf, nahezu jeden Weg zu beschreiten, auf dem sich die Zahlen senken ließen. Eins aber forderten sie nicht: die Abschaffung des individuellen Rechts auf Asyl für politisch und religiös Verfolgte. Das Herzstück bewahren, ansonsten robust reformieren, so lautete ihre Devise. Hatten Liminski & Co. damit nicht recht – zumindest vorläufig? Inzwischen hat die Migration massiv an Wucht verloren – ohne dass wir unser Asylrecht hätten schleifen müssen. Dieser pfleglich-bewahrende, man könnte auch sagen: konservative Umgang mit den Kostbarkeiten unserer Verfassung ist verdienstvoll. Wider die groben Erzählungen!Erst recht gilt das für eine Botschaft, die jede Pore dieser Maß-und-Mitte-Politik durchstrahlt: Der politische Raum ist kein Schlachtfeld. Weltanschauungskrieger gehören des Platzes verwiesen, Pöbler erst recht. Vollends tabu ist, ganze Bevölkerungsgruppen wie „die Muslime“ oder „die Reichen“ als unser Unglück darzustellen. Diese vermeintlich großen, de facto groben Erzählungen duldet er nicht. Solch differenziert-betuliche Sachlichkeit mag trist wirken. Sie schützt aber vor dem Abrutschen in die überall gurgelnden Strudel der Beschimpfung und Verrohung. Vor diesem Hintergrund wird auch verständlich, warum Liminski betont, er führe keine Kulturkämpfe: Es ist eine Frage der Definition. Er versteht sie nach MAGA-Vorbild als Kampfaufstellungen, die nichts vom Maß, wenig von Differenzierung, aber alles von Emotionalisierung erhoffen. Liminski selbst beweist allerdings, dass man den Kampf für eine politische Kultur auch anders definieren und praktizieren kann. Von „Nazi-Parteien“, Sternchen und UnterstrichenAn einer Stelle jedoch erlag auch Liminskis Vorgesetzter Wüst der Verführung, den Gegner im MAGA-Sinne kulturkämpferisch niederzumachen: Mit dem Begriff „Nazi-Partei“ für die AfD suggerierte er, die AfD sei ausschließlich ein Sammellager der Weltkriegs-, Diktatur- und Holocaust-Freunde. Das war drüber. Und unnötig. Rechtsextremismus ist auch dann abscheulich, wenn er nicht gleich die allerschlimmsten Exzesse der Nazi-Zeit kopiert. Es gibt auch diesseits von Auschwitz viel Barbarei.Und wo wir grad beim Mahnen sind: Wer von Weltanschauungskämpfern nichts wissen mag, muss aufpassen, dass er den Begriff Weltanschauung nicht zu weit fasst. Sonst nimmt er sich selbst jede Chance zur grundsätzlichen Positionierung. Übrig bleiben dann nur noch Stellungnahmen zum Tagesgeschäft. Politiker ohne grundsätzliche Standpunkte jedoch können von theoretisch gefestigten Überzeugungstätern leichter hin- und hergeschoben werden. Dass sich zum Beispiel die Sprachdekonstruktion gendernder Rechtschreibreformer in Schulen nicht durchsetzte, war nicht das Verdienst von Wüst und Liminski. Die hielten sich zurück und überließen die konfliktträchtige Öffentlichkeitsarbeit gegen Sternchen, Unterstriche und Glottis-Laute den Medien und Parteifreunden. So ersparte sich die CDU in NRW zwar Beulen. Aber mit wie vielen Sternchen und Unterstrichen würden Schüler heute wohl schreiben, wenn es einzig auf Wüst und Liminski angekommen wäre?Prädikat: „mies“Klettert man von den Höhen der Theorie in die Niederung durchkämpfter Praxis, fällt die Bilanz von Wüst und Liminski in NRW etwas durchwachsener aus. Nicht jeder schwarz-grüne Ausgleich ist ein Meisterwerk der Kompromiss-Schmiedekunst. Mancher verdient das Prädikat „mies“. Etwa bei der Ausrüstung der Polizei mit Elektroimpulswaffen („Taser“): Seit fünf Jahren wird in NRW erforscht, ob sie an alle Beamten ausgegeben werden sollen. Doch weil sich die Koalitionäre nicht einig sind, passiert – nichts. In anderen Fällen gelang es der Union zumindest, dem grünen Vorstoß seinen Stachel zu ziehen. Zum Beispiel beim Unterricht zum Thema Trans-Menschen: Unterrichtsmaterial, das einseitig Geschlechtswechsel bewarb, wurde durch ausgewogenere Information ersetzt (trotzdem könnte die CDU deutlicher machen, dass es nicht schulischer Auftrag ist, gefühlte Identitäten zu bewerben, aber immerhin). „Die Wahrheit beginnt zu zweien!“Den Stachel zog die NRW-CDU schließlich auch der grünen Idee, Meldestellen für nicht strafbare Diskriminierung zu schaffen. Anders als in Hessens Hass-und-Hetze-Stelle fahnden die NRW-Einrichtungen nämlich nicht nach potenziell strafbaren Diskriminierungen im Netz, um Tatverdächtige der Staatsanwaltschaft zu melden. In NRW geht es um anonyme Dokumentation und Beratung. Und wer weiß? Vielleicht erwächst daraus ja noch Gewinn? Etwa eine detaillierte Topographie der Diskriminierung im Land? Ausschließen sollte man das nicht. Reflektierte Demokraten wissen ja: „Die Wahrheit beginnt zu zweien“. Das Zitat ist von Karl Jaspers – hätte aber gut von Liminski stammen können.
Macht am Rhein: „Keine Kulturkämpfe“ – der Kulturkampf der rheinischen Christdemokraten - WELT
CDU-Kopf Nathanael Liminski empfiehlt die Wüst-CDU als Labor der Kompromisskunst und dezent-konservative Antwort auf beinahe Weimarer Verhältnisse, Verrohungsstrudel und leichtfertige Radikalität. Seine Kritiker könnten viel von ihm lernen – und umgekehrt.







