Die Nerven in Politik und Parteien haben selten so geflattert. In der CDU macht sich Enttäuschung über Friedrich Merz breit, in der CSU rumort es gegen Markus Söder. In der SPD liegen die Nerven ohnehin seit Jahren blank, und vor den Landtagswahlen im September ist von einem drohenden „Staatsstreich“ der AfD die Rede.Es melden sich die alten Schlachtrösser, die es nicht noch einmal wissen wollen, aber zu wissen meinen, wie man es besser machen kann. Es liegt nahe, dass sie dabei auf ihre alten Rezepte setzen. Symptomatisch aber ist, dass sie dabei frank und frei feststellen, der Tanker Deutschland fahre „immer noch“ in die falsche Richtung. Ja, warum nur?Das Loblied auf den Kompromiss und den KonsensDie Stichworte für die bessere Regierungskunst sind die immer gleichen: Kompromiss, Konsens, Pragmatismus. Wer „CDU pur“ wolle, bemerkte kürzlich Volker Bouffier, der sei reif für die Opposition, aber nicht für die Regierung. Angela Merkel, auch sie meldet sich wieder gerne zu Wort, hätte es nicht besser sagen können. Auch sie lobte kürzlich den Wert von Kompromissen, Zugeständnissen und empfahl ein „weites Herz“ der CDU für die SPD, mit der sie zwölf von 16 Jahren regierte.Je länger diese Zeit wurde, desto weniger ließ sich erkennen, was eigentlich noch „pur“ an der CDU war, desto größer wurde aber das Bedürfnis danach. Denn in dieser Zeit wurden eine Reihe von Entscheidungen nur halbherzig oder falsch oder gar nicht getroffen – oder nach Maßgabe eines Zeitgeistes, der oft wenig mit CDU zu tun hatte, dem die pragmatische und deshalb manchmal auch opportunistische Partei aber gerne hinterherlief. Alle Defizite und Fehlentwicklungen, mit denen Friedrich Merz jetzt zu kämpfen hat und weshalb er zum CDU-Vorsitzenden und dann zum Kanzler gewählt wurde, haben damit zu tun.Man kann es gar nicht alles aufzählen: Die falschen Entscheidungen zur Migration werden Deutschland (und Europa) noch Generationen beschäftigen; der Ausstieg aus der Kernkraft war ein großer Fehler, der die Energiepolitik ebenfalls auf Generationen überschatten wird; das Versäumnis, die Bundeswehr wenigstens ansatzweise für den Ernstfall auszurüsten, muss als Staatsversagen bezeichnet werden; die Sozialpolitik ist in den vergangenen 20 Jahren aus dem Ruder gelaufen und lähmt so gut wie alle anderen Politikfelder.Markenzeichen großer KoalitionenNichts davon ist Ergebnis einer Kultur, die den Konsens zu gering geschätzt hätte. Im Gegenteil, solche Versäumnisse sind gerade ein Ergebnis übertriebener Konsenskultur – ein Markenzeichen großer Koalitionen. Sie hatten einen zweiten Nebeneffekt, der sich wie ein roter Faden vom Wohnungsbau bis zur Migrationspolitik zieht: ein Maß an Verrechtlichung und Normierung, das dazu führt, den Konsens schon dann für gefährdet zu halten, wenn jemand wagt, das zu tun, was Politik tun soll: regieren.Dennoch wird diese „Konsensdemokratie“ so sehr gelobt wie selten zuvor. Der Grund ist klar. Sie ist längst zerbrochen, und manchmal könnte man meinen, dass diejenigen, die sie beschwören, das noch gar nicht gemerkt haben. Denn wo gibt es diesen Konsens noch? Die AfD hat damit aufgeräumt, und soweit sie nicht Ursache, sondern Wirkung ist, muss man sich die Frage stellen, ob es diesen so verehrten Konsens in der Gesellschaft in den vergangenen Jahrzehnten überhaupt je gegeben hat. Gab es jemals Konsens über die Einwanderungsgesellschaft? Über die Europapolitik? Über die Aussetzung (Abschaffung) der Wehrpflicht? Über die Sozialpolitik? Über die Energiepolitik? Über die Bildungspolitik?Die AfD hat alles aufgesogenWer wider besseres Wissen dennoch daran glaubt, den muss der Aufstieg der AfD vor ein Rätsel stellen. Sie hat alles aufgesogen, was unter der Oberfläche der Konsenskultur weiterlebte und mit ihrer Hilfe wieder aufgebrochen ist. Was sich dort tummelte, war sicher auch Gedankengut, das besser nicht wieder an die Oberfläche gekommen wäre. Aber es war eben auch CDU-pur.Dass dieser AfD nun vorgeworfen wird, sie bereite einen „Staatsstreich“ vor, beruht auf begründeten Ängsten, beruht aber auch darauf, dass Deutschland schon sehr lange keinen „Machtwechsel“ mehr erlebt hat. Der letzte dieser Art liegt fast 30 Jahre zurück, der von Schwarz-Gelb zu Rot-Grün. Die Friedhofsruhe der darauffolgenden schwarz-roten Konsensära störte nur die kurze Zeit, in der Merkel mit der FDP regieren musste.Mit Merz, so die Hoffnung vieler in der CDU, sollte damit Schluss sein. Er wollte, was einen Machtwechsel ausmacht, den längst fälligen Wechsel der Politik. Doch es kam anders. Von überallher tönt es nun „Konsens“ und „Kompromiss“. Wie sollte es auch anders sein, wenn die Sehnsucht nach „CDU pur“ und „SPD pur“ immer größer wird, je schwächer die Parteien werden und immer wieder in dasselbe Prokrustesbett einer Koalition gezwungen werden? Irgendwann ist der Zauber dann vorbei, den der Konsens versprühte.