PfadnavigationHomeRegionalesHamburgStadtentwicklung„Wir müssen dynamische Prozesse berücksichtigen“Veröffentlicht am 21.10.2025Lesedauer: 4 MinutenDas Luftbild zeigt die Elbphilharmonie im Hamburger Hafen, die Speicherstadt, die Hafencity, das Rathaus und im Hintergrund die Alster sowie den Norden der StadtQuelle: Daniel Reinhardt/dpaDer neue Stadt-Umland-Atlas zeigt, wie eng Hamburg mit seinem Umland verflochten ist. Das Datenwerk soll helfen, die Stadt- und Regionalentwicklung bis 2050 strategisch zu steuern – mit Blick auf Wohnen, Klima, Mobilität und regionale Zusammenarbeit.Hamburg hört nicht an der Landesgrenze auf – und Stadtentwicklung schon gar nicht, davon ist die Stadtentwicklungssenatorin der Hansestadt, Karen Pein (SPD), überzeugt. Mit dem jetzt vorgestellten Stadt‑Umland‑Atlas bündelt ihre Behörde erstmals in großem Stil Zahlen und Karten, die die funktionalen Verflechtungen zwischen der Hansestadt und ihrem Umland sichtbar machen. Das dicke, blaue Buch ist kein hübsches Beiwerk: Es bildet die „Phase 0“ für ein neues räumliches Leitbild, das bis Anfang 2027 erarbeitet werden und Perspektiven der Regionalentwicklung bis 2050 aufzeigen soll. „Der Stadt-Umland-Atlas ist das Absprungbrett für das räumliche Leitbild bis 2050“, so Pein.Der Atlas ist gewaltig – und bewusst nüchtern. 272 geprüfte Quellen, am Ende 200 verwendete Datensätze, 250 Karten und 50 Diagramme: Aus Zensusdaten, Verwaltungsstatistiken, Zulieferungen aus drei Bundesländern sowie eigener Recherche entstand eine unbewertete Datengrundlage. „Wir sind immer noch der Meinung: Zahlen, Daten, Fakten helfen am besten, um Boden unter die Füße zu kriegen“, sagte Oberbaudirektor Franz-Josef Höing. Mehr als 100 Fachleute wirkten über zweieinhalb Jahre mit. Das klingt trocken, ist aber politisch brisant – denn es beantwortet die Frage, wo knapper Raum künftig welche Priorität erhalten soll.Lesen Sie auch„Wir wollen nicht das Rad neu erfinden, aber wir müssen dynamische Prozesse berücksichtigen“, so Pein. Der Atlas zeigt die Flächenkonkurrenzen in einer wachsenden Metropole: Wohnen, Arbeiten, Mobilität, Freizeit – und dazu Energiegewinnung sowie Klimaanpassung. Er macht sichtbar, wo Stadtteile dichter werden, wo Haushaltsgrößen sinken, wo Hitzeinseln liegen oder Böden Wasser aufnehmen können. Er kartiert die Erreichbarkeit mit U- und S-Bahn bis ins Umland, Bike-and-Ride-Knoten, Ladesäulen – und sogar die nächtliche Dichte von Gastronomieangeboten. Als Blickfänger taugen Karten zu Hotspots der Kreativwirtschaft oder zur Fan-Verteilung von HSV und St. Pauli; planerisch entscheidend sind die Schichten zu Pendlerströmen, Freiraumqualität und Oberflächentemperaturen.Bemerkenswert ist auch der Vergleich mit anderen Städten: Hamburgs Dichte liegt deutlich unter der von Wien oder Madrid – Wien kommt mit der halben Fläche auf ähnliche Einwohnerzahlen, Madrid erreicht in Teilen das Dreifache der Hamburger Dichte. „Das kalibriert die Debatte um Nachverdichtung“, sagte Höing. Hamburg wirkt innenstädtisch eng – europäisch verglichen ist noch Luft nach oben.Lesen Sie auchDas oft bemühte „Sollen doch die Nachbarn bauen“ kontert der Atlas mit Zahlen: „Die Karten zeigen: In Norderstedt wird mitunter mehr gebaut – gemessen an der Einwohnerzahl – als in Hamburg“, so Höing. Das schwächt das alte Verlagerungsargument und stärkt die Sicht auf die Metropolregion als gemeinsamen Wohn- und Arbeitsmarkt. Methodisch differenziert das Werk drei Zonen: die innere Kernstadt, eine äußere Kernstadt als Übergangsraum und einen Nachbarschaftsraum von Elmshorn über Bad Oldesloe und Geesthacht bis Winsen/Luhe und Buchholz. „Wir wollten sehen, wo die größten Interdependenzen zwischen Stadt und Umland liegen“, erklärte Pein.Politisch folgt daraus ein mehrjähriger Fahrplan: Auf die Datensammlung („Phase 0“) sollen 2026 Workshop-Verfahren mit konkurrierenden Planungsteams folgen. Das daraus entstehende Leitbild knüpft an die früheren Vorgaben von 2007 („Wachsende Stadt – Grüne Metropole“) und 2014 („Grüne, gerechte, wachsende Stadt am Wasser“) an, aktualisiert sie aber mit Blick auf Klimaschutz, Mobilitätswende, demografische Dynamik und bezahlbaren Wohnraum. Großprojekte – U-/S-Bahn-Ausbau, Modernisierung des Hauptbahnhofs, die Science City Bahrenfeld, Grasbrook und Oberbillwerder – liefern dabei Hebelpunkte, um Nutzungsmischung, Erreichbarkeit und Freiraum neu zu ordnen.Lesen Sie auch„Wir machen nicht das Themenfeld auf, wo soll Hamburg insgesamt hin, sondern wir wollen wissen: Welche Fläche soll welchen Zweck dienen und was hat hier Priorität“, fasste Pein zusammen. Entscheidungen über knappe Flächen sollen weniger ideologisch, stärker evidenzbasiert fallen. Dass die Datengrundlage online zugänglich gemacht wird und als E-Book vorliegt, erhöht die Nachvollziehbarkeit. Die gedruckte Ausgabe umfasst 256 Seiten, kostet 44 Euro.Vom 11. bis 30. November zeigt die Ausstellung „Schau Hamburg in die Karten“ in der BallinStadt eine Auswahl des Materials, flankiert von Stadtfotografien des Zürcher Fotografen Philip Heckhausen und einem Rahmenprogramm. „Das Werk kann einen erschlagen, aber jeder hat ja seine Themen – und dann ploppen Fragen auf: Warum ist es eigentlich so und nicht anders?“, sagte Höing. Genau das ist gewollt: Wenn Bürgerinnen, Verwaltungen und Politik künftig über Prioritäten streiten – ob Windräder im Außenbereich, neue Quartiere am Rand oder Kühlung in der Mitte –, dann liegen die Karten buchstäblich auf dem Tisch.
Stadtentwicklung: „Wir müssen dynamische Prozesse berücksichtigen“ - WELT
Der neue Stadt-Umland-Atlas zeigt, wie eng Hamburg mit seinem Umland verflochten ist. Das Datenwerk soll helfen, die Stadt- und Regionalentwicklung bis 2050 strategisch zu steuern – mit Blick auf Wohnen, Klima, Mobilität und regionale Zusammenarbeit.






