PfadnavigationHomePanoramaSozialbetrug in GöttingenBewohner sollen doppelt vom Amt kassiert haben – „Es stehen 854.551,53 Euro unbezahlte Mieten aus“Veröffentlicht am 21.10.2025Lesedauer: 3 MinutenVermieter Sebastian Fesser berichtet über katastrophale Zustände in einem Plattenbau, massive Probleme mit Müll, Sozialbetrug und fehlende Unterstützung durch das Jobcenter. „Das System ist falsch aufgestellt“, sagt Fesser bei WELT TV.Kaputte Fenster, defekte Toiletten und überall liegt Müll: Der Plattenbau in der Groner Landstraße 9 in Göttingen macht nun auch wegen Sozialbetrug Schlagzeilen. Bewohner sollen Miete behalten und sich für die aufkommenden Schulden erneut ans Amt gewendet haben.Er gilt als einer der schlimmsten Wohnblöcke Deutschlands: der Plattenbau in der Groner Landstraße 9 in Göttingen (Niedersachsen). Müllberge im Hof und in den Fluren, kaputte Fahrstühle und Ratten.„Es ist klassischer Hausmüll, der hier rumfliegt, es gibt Tiere, die Fenster sind raus, die Toilette ist defekt. Insgesamt ist es eine Katastrophe wie die Wohnungen hier zurückgelassen werden“, sagt Vermieter Sebastian Fesser (47) im Interview mit dem Nachrichtensender WELT. „Wir haben über 50 Wohnungen, die so aussehen.“Nun gibt es einen weiteren Skandal: Bewohner sollen Sozialbetrug im großen Stil begangen haben. In den meisten Fällen zahle das Jobcenter die Miete, doch in vielen Fällen wurde das Geld offenbar nicht an den Vermieter weitergeleitet, sondern blieb in der eigenen Tasche. So seien nach Angaben des Vermieters Schulden entstanden, für die der Staat mit einem Darlehen erneut einspringen müsse. Einige Bewohner kassierten so wohl am Ende doppelt.Lesen Sie auch„Damit ich die Miete vom Jobcenter direkt bekomme, lasse ich mir vom Mieter üblicherweise eine Abtretungserklärung unterschreiben“, sagte Fesser „Bild“. Doch diese könne jeder Mieter einseitig widerrufen, was wohl auch zahlreiche Mieter getan hätten. „Dann ist das Amt verpflichtet, den Mietbetrag aufs Konto des Mieters zu überweisen.“ Es sei eine Einladung zum Sozialbetrug. „Nicht selten verprassen die Empfänger dieses Geld, ohne es an den Vermieter weiterzuleiten.“Das Problem lässt sich nur mit einer Gesetzesänderung lösenNach Einschätzung des Geschäftsführers der Hausverwaltung „Coeles Group“, Dominik Fricke, hätten ein Viertel der Mieter diesen Trick angewandt. Von den 316 Wohnungen in dem Haus stehe etwa die Hälfte leer. Und „von den 161 Mietern haben 145 Mietschulden“, sagte Fricke der „Bild“ weiter. „Schätzungsweise 40 davon kassieren Mietgeld vom Jobcenter, leiten es aber nicht weiter. Allein aus den letzten beiden Jahren stehen 854.551,53 Euro unbezahlte Mieten aus.“Sascha Böttner, Fachanwalt für Strafrecht mit Fokus auf Sozialleistungsbetrug, sieht „erhebliche Beweisschwierigkeiten“. Im Interview mit dem Nachrichtensender WELT sagte er, dass Betroffene immer wieder Gründe vorschieben würden, warum das Geld nicht an den Vermieter gelangt sei. Diesen Missbrauch zu stoppen, sei für das Jobcenter schwierig. „Das Problem lässt sich nur mit einer Gesetzesänderung lösen“, sagte Böttner. Die Miete müsse vom Amt direkt an den Vermieter gehen und eine Abtrittserklärung sollte nicht ohne Weiteres möglich sein.Lesen Sie auchAuch für Polizei, Feuerwehr und Anwohner umliegender Häuser ist der Plattenbau ein Problem. „Keine schöne Ecke, es sah früher mal besser aus“, sagt eine Frau dem Nachrichtensender WELT. Ein Mann beschreibt das Problem auf Nachfrage so: „Da haben sich halt die sozial schwachen gefunden und die dealen, klauen Fahrräder und E-Bikes.“jm