PfadnavigationHomeRegionalesHamburgKanalisationSanierung der „Alten Riesen“ – Hamburg macht seine Unterwelt zukunftsfestVeröffentlicht am 15.10.2025Lesedauer: 5 MinutenUmweltsenatorin Katharina Fegebank (Grüne) und Hamburg Wasser Geschäftsführer Michael Beckereit besichtigten das Abwassersiel am Baumwall, bevor es saniert wirdQuelle: Markus Scholz/dpaJahrhundertbaustelle unter der U-Bahnlinie 3: Das Kuhmühlenstammsiel, eines der größten Abwasserbauwerke Hamburgs, wird saniert. Die Arbeiten sollen die Kanalisation fit für den Klimawandel machen – und historische Spuren bewahren.Unter dem Hochbahnviadukt am Baumwall beginnt eine andere Welt. Zwischen Hafenpromenade und U3-Gleisen steht ein Sandsteinhäuschen mit rotem Ziegeldach. „Erbaut 1904“ prangt über der kunstvoll verzierten Tür. Darauf steht in geschwungenen Lettern „Sielwesen“ – ein Hinweis auf die verborgene Infrastruktur, die Hamburg vor mehr als einem Jahrhundert zur Stadt mit dem modernsten Abwassersystem machte. Wer durch die Tür das Sielwesen betritt, steigt nicht über eine Metallleiter in die Tiefen der Hamburger Kanalisation hinab, wie sonst üblich, sondern geht bequem über eine sanft wendelnde Steintreppe nach unten. Bevor sich der Blick auf das Kuhmühlenstammsiel, einen der größten Abwasserkanäle der Hansestadt eröffnet, liegt ein Raum, der einst für den Kaiser gedacht war. Weiße Fliesen und eine Bank mit gusseisernen Elementen sollten Wilhelm II. das Ankleiden der im Siel notwendigen Schutzkleidung so angenehm wie möglich machen. Der Kaiser wollte eine Bootstour durch das Stammsiel machen, heißt es. Ob es dazu jemals kam, ist nicht mehr überliefert. Der Eingang zum „Kaiserzimmer“ wurde zugemauert. Erst 2012 wurde es bei Bauarbeiten wieder entdeckt.Lesen Sie auchHinter dem Ankleidezimmer und der schweren Metalltür, die den Gestank des Abwassers abhält, ragt eine Bootsanlegestelle in den großen Abwasserkanal hinein. Verziert ist diese Aufenthaltsfläche mit schmuckvollen Fliesen. Von ihr aus fällt der Blick in große gemauerte Tunnel. Ein Anblick, den es gerade zum letzten Mal zu sehen gibt.Denn: Das Kuhmühlenstammsiel wird saniert. Nach 121 Jahren im Dienst hat nicht nur der Zahn der Zeit am Backstein genagt, sondern auch das Abwasser seine Spuren hinterlassen. Abwasser ist höchst aggressiv, Beton etwa kann es nach wenigen Jahren zu Quark ähnlichen Masse werden lassen. Dass das Kuhmühlenstammsiel, wie die sechs anderen „Alten Riesen“, also große gemauerte Abwasserkanäle so lange gehalten haben, faszinierte Umweltsenatorin Katharina Fegebank (Grüne) am Mittwoch merklich. „Bemerkenswert wie nachhaltig hier vor mehr als 120 Jahren gebaut worden ist“, sagte sie bei einem Besuch unter Tage, bevor das Siel durch eine moderne Sanierungstechnik seine heutige Anmutung verliert.Das Kuhmühlenstammsiel zählt zu den größten und ältesten Abwasserbauwerken Hamburgs. Mit einer Breite von 4,30 Metern und einer Höhe von 3,70 Metern wurde es 1904 fertiggestellt und transportiert häusliches Abwasser sowie Regenwasser aus Stadtteilen wie Uhlenhorst, Hohenfelde, St. Georg, Hafencity und Neustadt in Richtung Klärwerk am südlichen Ufer der Elbe im Hafen. Zwischen den Landungsbrücken und der Niederbaumbrücke verläuft es unter dem Viadukt der U3. Nun beginnt die Sanierung des 530 Meter langen Abschnitts – der Auftakt für das Programm „Alte Riesen“. Die Arbeiten sollen bis April 2027 dauern.Lesen Sie auch„Der Bau der Kanalisation war vor über 100 Jahren ein entscheidender Faktor für Hygiene, Sicherheit und Lebensqualität in Hamburg – und ist es bis heute“, sagte Fegebank beim Ortstermin. „Jetzt gilt es, die historische Infrastruktur für kommende Generationen zu sichern und klug zu erweitern“, sagte Fegebank und spielte damit darauf an, was Hamburg Wasser-Geschäftsführer Michael Beckereit noch oberirdisch erklärt hatte: Um die Sanierung der großen Siele, die zum Hafen hin das Abwasser aus der gesamten nördlichen Stadt sammeln, überhaupt erst möglich zu machen, mussten Ausweichkanäle geschaffen werden. Mehr Kapazität für RegenwasserDie neuen großen Kanäle liegen jetzt teils unter den bestehenden Rohren, teils versetzt. Mit Abschluss der Sanierung der „Alten Riesen“ helfen diese neuen Riesen die innere Stadt bei Starkregenereignissen vor schlimmeren Folgen zu bewahren. Fegebank nennt das „die Kanalisation zukunftsfest zu machen und die Stadt wirksam an die Folgen des Klimawandels anzupassen.“ Insgesamt entsteht zusätzliche Speicherkapazität von mehr als 20.000 Kubikmetern – ein wichtiger Schritt, auch wenn Extremereignisse nie vollständig aufgefangen werden könnten, wie Beckereit deutlich machte.Die Sanierung ist eine „Operation am offenen Herzen“. Das Abwasser muss während der Bauzeit weiterfließen. „Trockenwetterwasser“, so nennt Fachmann Beckereit alles Abwasser, was in Haushalten und Betrieben anfällt, wird durch die Baustelle geleitet. Regenwasser, das in Hamburg größtenteils auch über die Kanalisation geleitet wird, wird über andere Wege ins Klärwerk befördert.Lesen Sie auchUm die Belastung für Verkehr und U-Bahn zu minimieren, kommt das Rohrlining-Verfahren zum Einsatz: Drei Meter lange Rohrsegmente werden in das bestehende Bauwerk eingeschoben und zu einem neuen Kanal zusammengesetzt, der Zwischenraum zwischen neuem Rohr und altem Kanal, der je nach Stelle 70 bis 150 Zentimeter beträgt, wird mit Beton verfüllt. Große offene Baustellen, wie noch zum Bau 1904 üblich, wird es nicht geben – auch, damit die U3 nicht unterbrochen werden muss.„Unsere Vorfahren haben an diesem Ort Ingenieurskunst mit Weitblick umgesetzt“, sagte Beckereit und lobte unter anderem, dass die „Alten Riesen“ noch eine so gute Substanz haben, dass die neuen Rohre keine Lasten tragen müssen und dadurch besonders dünn sein können und das Rohrlining-Verfahren möglich machten. Damit wenigstens etwas der alten Ingenieurskunst sichtbar bleibt, sollen das Sielhäuschen, das Ankleidezimmer und der Bootsanleger in ihrer historischen Form erhalten bleiben. Hamburg verfügt über rund 6.000 Kilometer Siele, davon etwa 250 Kilometer gemauerte Großprofile – die „Alten Riesen“. Sie sind das Rückgrat der Kanalisation und müssen schrittweise saniert werden. Nach dem Kuhmühlenstammsiel folgt das Geeststammsiel, bis 2032 sollen die Hauptbauwerke ertüchtigt sein. Kosten für den ersten Bauabschnitt: rund 6,5 Millionen Euro.
Kanalisation: Sanierung der „Alten Riesen“ – Hamburg macht seine Unterwelt zukunftsfest - WELT
Jahrhundertbaustelle unter der U-Bahnlinie 3: Das Kuhmühlenstammsiel, eines der größten Abwasserbauwerke Hamburgs, wird saniert. Die Arbeiten sollen die Kanalisation fit für den Klimawandel machen – und historische Spuren bewahren.






