PfadnavigationHomeICONISTGesellschaftHertha von WitzlebenDie kaum bekannte Frau hinter der Ballade von RibbeckVeröffentlicht am 10.10.2025Lesedauer: 6 MinutenDas neobarocke Schloss von Ribbeck beherbergt heute ein mehrfach ausgezeichnetes Restaurant und ein Fontane-MuseumQuelle: Tourismusverband Havelland e.V./Brückner, MarcoTheodor Fontane hat die Birnen von Ribbeck unsterblich gemacht. Doch hinter seiner berühmten Ballade verbirgt sich eine vergessene Stimme. Eine Spurensuche in der brandenburgischen Provinz.Die kleine Hertha von Witzleben konnte sie gar nicht oft genug hören. Die Sage vom Ahnherrn, der immer die Taschen voller Birnen hatte, um sie den Dorfkindern zu schenken. Abends, in stillen Dämmerstunden, erzählte der Großvater ihr von dem freigiebigen Vorfahren, der in der Familiengruft ruhte. Der Birnbaum neben der Dorfkirche, so sagte er dem Kind, wachse über dem Grab: Er sei der Spross einer Birne, die versehentlich mit dem Verstorbenen in den Sarg gelegt wurde. So konnten sich die Kinder von Ribbeck auch nach seinem Tod an den süßen Früchten erfreuen.Ribbeck im Havelland, 30 Kilometer westlich von Berlin. Wildgänse schnattern am blauen Oktoberhimmel, ziehen über die brandenburgische Weite. In einer alten Linde veranstalten Stare ein ohrenbetäubendes Spektakel. Ansonsten ist es still an diesem Tag mitten in der Woche, an dem nur selten ein Schritt über das Kopfsteinpflaster vor dem neobarocken Schloss geht. Und doch erfährt man weit mehr als erwartet. Denn am Eingang der zum Café umgebauten alten Schule steht, wie alles begann, weil Hertha von Witzleben die Geschichte über den großherzigen Vorfahren nicht mehr aus dem Kopf ging. Anlässlich des 500. Familienjubiläums 1875 schrieb die 23-Jährige ein Gedicht über den alten Baum, „der mit den üpp’gen Zweigen der Kirche Dach umweht ...“ und den Gutsherren, der den Kindern so „hold gesinnt“ war. Entzückende Zeilen, hohe Kunst sind sie nicht – und schrieben doch Kulturgeschichte. Denn die 1927 verstorbene Autorin, über die so gut wie nichts bekannt ist, brachte als erste die nur mündlich überlieferte Erzählung zu Papier, die ein paar Jahre später in Karl Eduard Haases Sammelband über Sagen der Gegend erschien – und schließlich Theodor Fontane zu seinen 1889 erschienenen „Herrn von Ribbeck auf Ribbeck“ inspirierte. Das Gedicht, das Marcel Reich-Ranicki in seinen Kanon herausragender Literatur aufnahm, ist bis heute eine der populärsten deutschen Balladen. Sie machte nicht nur das Dorf zur literarischen Bühne, sondern gab auch der Birne einen ganz besonderen Ehrenplatz:„Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland / Ein Birnbaum in seinem Garten stand / Und kam die goldene Herbsteszeit / Und die Birnen leuchteten weit und breit / Da stopfte, wenn’s Mittag vom Turme scholl / Der von Ribbeck sich beide Taschen voll.“Sie leuchten wieder. In diesem Jahr tragen die Birnenbäume besonders üppig. Obstbauern erwarten aufgrund der günstigen Witterungsbedingungen Rekordernten. Doch wer sich in Ribbeck auf historische Spurensuche begibt, begreift, dass die Birne weit mehr ist als ein gesundes Obst, das der Landwirtschaft gute Gewinne verheißt. Wer durch Ribbeck geht, versteht, dass die Birne auch das ist: eine Seelenspeise, die zu Lektionen fürs Leben taugt.Der Birnbaum neben der Kirche wurde 2000 gepflanzt. Das sagenumwobene Gewächs, das Hertha von Witzleben so faszinierte, fiel im Februar 1911 einem Sturm zum Opfer. In der Kirche wird sein Stumpf wie eine Reliquie aufbewahrt und ausgestellt. Tatsächlich braucht seine Botschaft von dem Guten, das nicht vergeht, das auch über den Tod eines Wohltäters hinausreichen kann, wenn seine Ideen auf fruchtbaren Boden fallen, keine Transzendenz. Wohltuend ist sie allemal. Und das ist ganz sicher auch der Grund dafür, dass man sich nur schwerlich dem Zauber der Ballade entziehen kann. Die Birne wird zum Symbol der Zugewandtheit, der Überwindung der Standesgrenzen. Zumal der alte Ribbeck die Kinder in ihrer Sprache, dem märkischen Platt anspricht.„und kam in Pantinen ein Junge daher, so rief er: „Junge, wiste ‚ne Beer?“ Und kam ein Mädchen, so rief er: „Lütt Dirn, kumm man röwer, ick hebb ‚ne Birn.“Lesen Sie auchIn der alten Schule hängen historische Klassenfotos. Mädchen und Jungen in Schwarz-Weiß. Harte Gesichter. Heranwachsende, denen man die schwere Arbeit ansieht, die sie auf den elterlichen Höfen leisten mussten. Pummelig ist keiner. Ein saftiges, in der Sonne gereiftes Obst war bis in die 50er-Jahre des 20. Jahrhunderts Luxus. Zu Lebzeiten des 1759 verstorbenen Hans Georg von Ribbeck, der als reales Vorbild für Fontanes „Herrn von Ribbeck“ gilt, allemal. Bei den Birnen, die er tatsächlich verteilt haben soll, handelte es sich vermutlich um die sehr schmackhafte Melanchthonbirne (oben abgebildet). Als Preußen im 18. Jahrhundert wie andere europäische Staaten immer wieder Hungerperioden durch Missernten erlebte, mag sie für manches hungrige Kind ein Geschenk des Himmels gewesen sein. Doch Gerechtigkeit ist mehr als gnädige Wohltat. In seiner 1991 erschienenen Erzählung „Die Birnen von Ribbeck“ thematisiert Friedrich Christian Delius das Feudalsystem, das die märkische Landbevölkerung jahrhundertelang ausgebeutet hat. Die Birne wird in seinem Werk in Form von Birnenschnaps zum Opium fürs Volk, zum Mittel der Ruhigstellung. Lesen Sie auchFontane hätte sich ganz sicher nicht über diese Entmythologisierung der „Birnen von Ribbeck“ empört. Zumindest in späten Jahren stand er dem Adel überaus kritisch gegenüber. Die sehenswerte Ausstellung, die ihm im Ribbecker Schloss gewidmet ist, dokumentiert seine Haltung anhand von Briefen. So schrieb der 76-Jährige am 14. Mai 1894 an seinen Freund, den Berliner Amtsrichter Georg Friedländer: „Die Adelsfrage! Wir sind in allem einig; es giebt entzückende Einzelexemplare, die sich aus Naturanlage oder unter dem Einfluß besondrer Verhältnisse zu was schön Menschlichem durchgearbeitet haben, aber der ,Junker‘, unser eigentlichster Adelstyp, ist ungenießbar geworden.“Mit dem alten Ribbeck aber würdigte er den wahren Adeligen, den Menschenfreund, der seine Privilegien als Verpflichtung sah. Ein schönes Beispiel für Fontanes Freigeistigkeit, für seine Fähigkeit, jenseits von Ideologe und Prinzipienreiterei die Welt mit neugierigem Wohlwollen zu betrachten. Lesen Sie auchBesonders deutlich zum Ausdruck gebracht hat er das in seinem Vorwort zur zweiten Auflage der „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“, in der er von „Liebe“ schrieb, die der Reisende zu „Land und Leuten“ im Gepäck haben müsse, „mindestens keine Voreingenommenheit. Er muß den guten Willen haben, das Gute gut zu finden, anstatt es durch krittliche Vergleiche totzumachen.“In seiner „Ribbeck“-Ballade jedenfalls machte er aus seiner Skepsis gegenüber dem Junkertum kein Geheimnis. Schließlich war der Gutsherr nicht zufällig mit einer Birne ins Grab gelegt worden, sondern hatte ausdrücklich in weiser Voraussicht darum gebeten.„Aber der alte, vorahnend schon und voll Misstrauen gegen den eigenen Sohn, der wusste genau, was er damals tat, als um eine Birn’ ins Grab er bat, und im dritten Jahr aus dem stillen Haus ein Birnbaumsprössling sprosst heraus.“Lesen Sie auchHertha von Witzleben wusste nichts von einem hartherzigen Erben. In ihren Zeilen wird der Gutsherr nur deshalb mit Birnen bestattet, weil man vergessen hatte, seine Taschen zu leeren. Als ein Plädoyer für mehr soziale Gerechtigkeit lässt sich ihr Loblied auf den alten Ribbeck und sein großes Herz für die Armen und Unterdrückten dennoch durchaus lesen. Gut möglich, dass so mancher Standesgenosse in Anbetracht des sozialdemokratischen Tons ihrer Zeilen die Stirn runzelte. Schließlich war das Jubiläumsjahr der Ribbecks auch das Gründungsjahr der „Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands“.Eines bleibt gewiss: Hertha von Witzleben hat wie so viele namenlose Frauen, die hinter berühmten Männern stehen, mehr Würdigung verdient. Wie schön wäre es, wenn auch das zu einer Lektion der Birnen von Ribbeck werden könnte.