PfadnavigationHomeRegionalesHamburg„Amrum“ von Fatih Akin„Man kann sich die Eltern nicht aussuchen. Und Eltern können sich ihre Kinder nicht aussuchen“Von Britta SchmeisVeröffentlicht am 30.09.2025Lesedauer: 6 MinutenSchicksale am Strand: Nanning (Jasper Billerbeck), Onkel Theo (Matthias Schweighöfer)Quelle: Gordon Timpen/Warner BrothersFatih Akin bringt mit „Amrum“ die Kindheitserinnerungen von Hark Bohm, dem großen deutschen Regisseur, ins Kino. Beim Hamburger Filmfest wird die Deutschlandpremiere gefeiert.Es ist wohl eine der sanftesten, anrührendsten Gesten der Dankbarkeit, des höchsten Respekts und der aufrichtigen Freundschaft: Noch bevor der Titel des Films in großen Lettern auf tiefem Schwarz zu lesen ist, steht dort sehr viel kleiner: „Ein Hark Bohm Film von Fatih Akin“. Am Ende steht jener Hark Bohm im abendlichen Licht am Kniepsand von Amrum. Ganz nah ist die Kamera an seinem schmalen, ernsten Gesicht, etwas wehmütig blickt er auf die Weite der Nordsee, etwas Schelmisches blitzt auf. Dann entfernt sich die Kamera von hinten und gibt den Blick frei auf das Meer, den Strand, die untergehende Sonne und die Figur, die immer kleiner wird. Dazwischen liegen gut 90 Minuten, die mit viel Eleganz und doch nüchtern von der Kindheit des kleinen Nanning auf Amrum erzählen, Bohms Alter Ego. Der Hamburger Fatih Akin hat sie mit „Amrum“ verfilmt, ein Projekt, das eine zärtliche Hommage an seinen Lehrmeister ist.Akin selbst war es, der seinen „Filmlehrer und Lehrer fürs Leben“, wie er Hark Bohm bezeichnet, zu dem Film animierte. Immer wieder hatte Bohm von seiner nicht ganz einfachen Kindheit auf Amrum zum Ende des Zweiten Weltkriegs erzählt. Und Akin sagte: Daraus musst du einen Film machen. Gemeinsam arbeiteten sie an dem Drehbuch, wie schon zuvor zu „Tschick“ nach dem Roman von Wolfgang Herrndorf oder auch dem mit einem Golden Globe ausgezeichneten Politdrama „Aus dem Nichts“. Doch dann ließ die Gesundheit des inzwischen 86-jährigen Bohms Filmarbeiten nicht mehr zu und er fragte Akin, der einst bei ihm studiert hatte und der längst zu einem geschätzten Kollegen geworden war. „Ich hatte erst meine Zweifel, aber weil es Hark ist und weil er mein Freund ist und weil er um die Ecke wohnt, habe ich es doch gemacht“, erzählt Fatih Akin WELT AM SONNTAG. Fremd war ihm zunächst auch das Setting auf dem beschaulichen, dünn besiedelten Amrum. Es sei eben Hark Bohms Geschichte und Film gewesen, mit Nazi-Eltern im Deutschland des Jahres Null. Er sei mehr der „Großstadttyp“ und zeitgenössisch. Und doch gelang ihm ein einfühlsamer, niemals verkitscher Zugang zu dem Stoff. Herausgekommen ist ein eindrückliches Porträt einer Zeit, in der die Menschen tief gespalten waren, von einem Jungen, der Kind seiner Zeit und seiner Nazieltern ist und doch beginnt, Fragen zu stellen. Und es ist eben eine große Hommage an Hark Bohm.„Amrum“ erzählt von dem 12-jährigen Nanning (Jasper Billerbeck), der mit seiner hochschwangeren Mutter Hille (Laura Tonke), seiner Tante Ena (Lisa Hagmeister) und seinen beiden jüngeren Geschwistern die letzten Tage des Nazi-Regimes erlebt. Mit seinem Freund Hermann (Kian Köppke) streift er durch die Dünen- und Heidelandschaft, hilft der bekennenden Hitler-Hasserin Tessa (Diane Kruger) bei der Kartoffelernte, auch um die Familie zu versorgen. Als die Nachricht von Hitlers Tod die Insel erreicht, setzen bei Nannings Mutter die Wehen ein und sie verfällt in eine tiefe Depression, verweigert das Essen. Nur Weißbrot mit Butter und Honig, das wünscht sie sich. Und Nanning setzt alles daran, genau das in der Zeit voller Entbehrungen, Hunger und Mangel zu besorgen – aus Liebe zu seiner Mutter, aus einem Verantwortungsbewusstsein. Das erhoffe Glück und auch die erwartete Dankbarkeit und Freude erfährt Nanning schließlich nicht von der Mutter.Lesen Sie auchIn ruhigen, anmutigen Bildern der kargen Landschaft Amrums (Kamera: Karl Walter Lindenlaub) erzählt Akin von diesem Jungen. Dabei kann er sich voll und ganz auf sein eingespieltes Team mit langjährigen Kolleginnen und Kollegen verlassen, darunter Filmeditor Andrew Bird, aber auch Regiekollegen, die er, wie er sagt, absichtlich auch als Schauspieler eingesetzt hat - und natürlich schätzt. „Ich dachte, es ist ganz gut, wenn noch andere Regisseure am Set sind, die für mich einspringen, wenn ich da an der Nordsee eine Erkältung oder so bekomme“, erzählt er und meint damit Detlev Buck, Jan Georg Schütte und Lars Jessen. Einen illustren Cast hat er mit Diane Kruger, Lisa Hagmeister, Laura Tonke und Matthias Schweighöfer in einer Gastrolle allemal zusammengestellt.Nicht jedes Detail deckt sich mit der Biografie Hark Bohms und schon gar nicht mit dem gleichnamigen Roman, der zeitgleich entstanden ist. „Eine erste Drehbuchfassung hatte Hark einem befreundeten Verleger zum Lesen gegeben und der hatte gesagt, dass daraus ein Roman entstehen muss“, erzählt Fatih Akin. Der erschien, als die Dreharbeiten schon liefen.Lesen Sie auchEs ist Akins eigene Interpretation der Geschichte, die so viele Aspekte beinhaltet, und bei der ihm Bohm völlig freie Hand gelassen hat. „Man kann sich die Eltern nicht aussuchen. Und Eltern können sich ihre Kinder nicht aussuchen. Was bedeutet das, wenn du politisch irgendwo stehst und deine Eltern ganz woanders?“, sagt Akin und zieht aktuelle Bezüge. In seinem Film zeichnet er ein liebevolles Bild von diesem Nanning, der Produkt seiner Zeit, seiner Eltern aber auch seines Umfelds ist. Denn nicht nur Bäuerin Tessa, auch seine Tante Ena und Hermanns Opa Arjan (Lars Jessen) sind scharfe Kritiker des Regimes. Nanning saugt beides auf und versucht, aus den widersprüchlichen Aussagen und Reaktionen sein eigenes Bild zu schaffen. Auch ist „Amrum“ für Akin ein Film über Hunger und was er aus Menschen macht, es geht um Vertreibung, Zugehörigkeit und Ausgrenzung.Themen, die sich in Bohms Biografie wiederfinden. 1939 in Hamburg geboren verbringt er seine Kindheit auf Amrum, der Heimat seiner Mutter, um in Hamburg den Bomben des Krieges zu entkommen. Sein Vater war SS-Obersturmführer, nach dem Krieg wurde er Richter am Hamburgischen Landesverwaltungsgericht. Später wird Bohm immer wieder in Interviews erzählen, dass er sich als Hamburger nie als Amrumer anerkannt gefühlt habe. Es ist eines der zentralen Details auch in dem Film.Kult mit „Nordsee ist Mordsee“Zunächst tritt Bohm in die Fußstapfen seines Vaters und studiert in München Jura. Dort rückt er politisch immer weiter nach links und bekommt durch seinen Bruder, den Schauspieler Marquard Bohm, Kontakt zur Filmszene. Er spielt in Rainer Werner Fassbinders „Effi Briest“ und „Die Ehe der Maria Braun“, bevor er 1979 nach Hamburg zurückkehrt. Hier gründet er das Hamburger Filmbüro, den Vorläufer der Hamburger Filmförderung, und initiiert mit anderen das Filmfest Hamburg. 1992 gründet er einen Filmstudiengang an der Universität Hamburg, wo er lange als Professor lehrt. Er versteht das Filmemachen nicht als künstlerische Gattung, sondern vor allem als Handwerk. Bohm hat den Anspruch, die Menschen zu erreichen, nicht nur ein Festivalpublikum.Der Film, der ihn als Regisseur bekannt macht, ist „Nordsee ist Mordsee“ (1976), ein Film über zwei Ausreißer. Einen davon spielt sein Adoptivsohn Uwe, der 2022 mit nur 60 Jahren überraschend starb, den anderen Dschingis Bowakow, der Bruder seiner Frau Natalia. Der Film ist fest im Kanon des Neuen Deutschen Films verankert. Er setzt sich von Heimatfilmen und Komödien jener Zeit ab und versucht, die Wirklichkeit abzubilden – und das Lebensgefühl der 1970er-Jahre mit Bonanza-Rädern, malochenden Eltern, die nicht über die Vergangenheit sprechen, jungen Menschen, die ausbrechen wollen.Britta Schmeis
„Amrum“ von Fatih Akin: „Man kann sich die Eltern nicht aussuchen. Und Eltern können sich ihre Kinder nicht aussuchen“ - WELT
Fatih Akin bringt mit „Amrum“ die Kindheitserinnerungen von Hark Bohm, dem großen deutschen Regisseur, ins Kino. Beim Hamburger Filmfest wird die Deutschlandpremiere gefeiert.






