Es könnte gut sein, dass Münchens Liebe zu Schaumwein jeglicher Art ihren Anfang in der Schickeria nahm. Denkt man an Helmut Dietls „Monaco Franze“ aus den frühen Achtzigern, liegt der Schluss nahe: Alles, was sich damals die sogenannte bessere Gesellschaft nannte, in der Serie durch Monaco Franzes Frau Annette von Soettingen (Ruth Maria Kubitschek) gespiegelt, schlürfte Sekt, während sich Kommissar Franz Münchinger (Helmut Fischer) dann doch lieber an Bier hielt.Dietl blieb der Anspielung auf die Liebe der Münchner zu perlenden Getränken treu: Ein paar Jahre später drehte er eine neue Serie rund um einen Münchner Klatschreporter und nannte sie „Kir Royal“: ein Getränk, das zumindest an der Isar aus Champagner und Crème de Cassis gemischt wurde. Schon damals schien also klar: In München schäumt mehr als nur Bier.Während nun alle Welt München wegen seines Oktoberfests als Hochburg des Bieres feiert, kann die Stadt eines trotzdem nicht verhehlen: Sie ist Deutschlands heimliche Weinhauptstadt, und damit auch auf Rang eins bei allem, was prickelt und bitzelt. Und das gilt sogar auf der Wiesn: Die Stadt München führt seit Jahren eine Statistik darüber, was alles auf dem berühmtesten und größten Volksfest der Welt konsumiert wird – und das waren 2024 mehr als 24 000 Liter Champagner, mehr als 45 000 Liter des preislich günstigeren Sekts und mehr als 137 000 Liter Wein. Im Vergleich zu den 6,9 Millionen Liter Bier mag das wenig erscheinen – doch es zeigt, dass Schaumwein auf der Wiesn seinen festen Platz hat.Vielleicht wären die verkauften Mengen an Wein und Schaumwein auf der Wiesn sogar größer, ließen sich Schampus und Co. in allen Zelten bestellen. Tatsächlich darf er nur in den fünf der 14 großen Bierzelte, die brauereifrei sind, ausgeschenkt werden – in der Fischer-Vroni, im Marstall, in Käfers Wiesn-Schänke, in Kufflers Weinzelt und eben neuerdings auch im Schottenhamel. Dessen Wirt Christian Schottenhamel hatte sich als Sprecher der Wiesnwirte 2023 vorgewagt, um die Erlaubnis zum Ausschank auch anderer alkoholischer Getränke als Bier durchzusetzen.Am Ende bekam nur sein Zelt die Genehmigung – weil sie die anderen vier brauereifreien Zelte längst hatten. 2023 hätten sich seine Gäste noch zurückgehalten, erzählt Schottenhamel: „Das muss sich erst herumsprechen.“ 2024 sei die Nachfrage dann bereits um ein Drittel gestiegen – vor allem bei Weinschorle. Ein Getränk, wie er sagt, das vor allem Frauen bevorzugten.In Kufflers Weinzelt sind Wein und Schaumwein ohnehin Programm. Die Nachfrage verteile sich dort mittlerweile auf drei Viertel Wein und ein Viertel Schaumwein, sagt Wirt Stephan Kuffler. Früher dominierte dort Nymphenburg Sekt. Inzwischen finden sich aber im Weinzelt Geldermann Sekt Grand Brut und Grand Rosé auf der Karte. Und Crémant. „Dessen Verkaufszahlen steigen: Crémant ist der neue Prosecco“, glaubt Kuffler.Prosecco habe spätestens Anfang der Neunziger in München den einst beliebten deutschen Sekt abgelöst, erzählt er – und zwar seiner Einschätzung nach durch Gerd Käfer und seine legendären Partys: „Der Gerd Käfer war immer auf der Suche nach neuen Produkten, und dann gab’s halt plötzlich Prosecco in der Stadt statt deutschen Sekt.“Gerd Käfers Buffets galten als ebenso legendär wie all die Produkte, die er dafür in München einführte. Hier ist er im Jahr 2000 bei einer Chopard-Kollektionsschau in den Münchner Nibelungensälen zusehen. 2015 ist er gestorben. Catherina HessFür München gilt also: Hauptsache, es prickelt. Sascha Speicher, einer der anerkanntesten Champagner-Experten in Deutschland, kann dies nur bestätigen: „Die Menschen in dieser Stadt zeigen gern öffentlich, wenn sie etwas zu feiern haben – und auch, dass sie es sich leisten können.“ Das bedeutet, dass sie sich zu besonderen Anlässen besondere Tropfen gönnen.Das lässt sich durch Zahlen belegen: München ist mit Pro-Kopf-Ausgaben von 140 Euro im Jahr für Wein und Schaumwein bundesweit deutlich an der Spitze. Das hat die jüngste Studie aus dem Jahr 2022 des Nürnberger Marktforschungsinstituts GfK (Gesellschaft für Konsumforschung) ergeben. Der Landkreis Starnberg landete damals mit 135 Euro nur auf Platz zwei. Eindeutige Hinweise also darauf, dass Kaufkraft und Dolce-Vita-Gefühl die Stadt so empfänglich für Wein und Schaumwein machen.Kein Wunder also, dass auch entsprechend viele Messen dieser Art im Veranstaltungskalender der Stadt zu finden sind. Der Meininger-Verlag, dessen Fachmagazin Sommelier Speicher unter anderem verantwortet, veranstaltet beispielsweise alljährlich im Sommer die Messe „100 Prozent Champagne“, das nächste Mal im Juli 2026, und der Gourmet-Verlag Falstaff seit fünf Jahren ein Schaumweinfestival, heuer Ende November erstmals unter dem Namen „Sparkling Icons“. Beide mit großem Erfolg, beide exklusiv in München.Die Stadt sei eben interessanter für Wein- und Schaumweinproduzenten als etwa Hamburg, in dem es ebenfalls kaufkräftige Kundschaft gebe, sagt Speicher: „Aber dort gilt es offenbar nicht als schicklich, hochpreisige Getränke öffentlich zu konsumieren.“ Wozu er auch Crémant zählt, dem auch er bescheinigt, in München zunehmend die einstige Rolle von Prosecco einzunehmen.Rosé liegt in jedem Fall im Trend: Sogar Prosecco gibt es nun in dieser Farbe, von Champagner oder Crémant ganz zu schweigen. Alessandra SchellneggerProsecco habe sich nach all dem Hype der vergangenen Jahre einfach irgendwann selbst „kannibalisiert“, konstatiert auch Tom Engelhardt von der „Munich School of Wine“. Er macht die vielen preislich erschwinglichen Prosecco-Angebote in den Supermärkten dafür verantwortlich und die Unmengen an verschiedenen Spritz-Getränken, in die einfachere Qualitäten Prosecco gekippt würden. Das erkläre, warum das Anbaugebiet, das sich über die Regionen Venetien und Friaul-Julisch-Venetien erstreckt, mittlerweile auch eine Rosé-Variante auflegt: „Um mit etwas Neuem auf dem Markt zu sein – auch wenn das nichts mehr mit ihrem eigentlichen Prosecco zu tun hat, der ja aus einer weißen Rebsorte gemacht wird.“Crémant hingegen werde ähnlich aufwendig wie Champagner hergestellt, aber zu einem moderateren Preis, wie es auch Engelhardts Geschäftspartner, der Weinexperte und Weinhändler Guido Walter sagt. Er bringt seit Jahren eigene Perlweine und Sekte aus Deutschland auf den Markt und neuerdings aus all den genannten Gründen auch Crémant, in Weiß und Rosé. „Den kleinen Bruder des Champagner“, wie er ihn nennt. Der entspreche nun einmal dem Lebensgefühl der Stadt, sagt er. Eben ganz im Sinne des Leitspruchs von Monaco Franze: „A bisserl was geht immer“. Für jeden.