Erstmals äußert sich nach der Krise um den als Nachfolger von John Neumeier gescheiterten Demis Volpi die vom Aufsichtsrat der Hamburgischen Staatsoper für ein Jahr eingesetzte Interimsleitung des Hamburg Ballett zum Neustart. Der künstlerische Ballettdirektor Lloyd Riggins und Ballettbetriebsdirektor Nicolas Hartmann stellen die Compagnie gemeinsam mit Gigi Hyatt als Leiterin der Ballettschule neu auf. WELT: Wie ist die Stimmung in der Compagnie?Lloyd Riggins: Den Tänzern geht es sehr gut, sie arbeiten schnell und konzentriert, lachen bei der Arbeit. Das ist wirklich schön zu sehen nach der letzten Spielzeit. WELT: Wie gehen sie mit den Lücken um, die sich aus der frühzeitigen Trennung des Balletts von Demis Volpi im Spielplan und der Planung für die folgenden Jahre ergeben?Riggins: Unkonventionelle Probleme erfordern unkonventionelle Lösungen. Und wir werden liefern, denn solche kurzfristigen Planungsvorgänge sind fest in der DNA des Hamburg Ballett verankert. Im Zentrum der Arbeit sollen dabei weiterhin die Tänzerinnen und Tänzer stehen. Das Ensemble hat eine unglaubliche Qualität und geht auch in dieser Saison mit großer Hingabe an seine Arbeit. WELT: Sind die fünf Ersten Solisten, die in der vergangenen Saison gekündigt haben, alle tatsächlich gegangen? Nicolas Hartmann: Ja, alle fünf hatten ja auch um die Auflösung ihrer Verträge gebeten. Schon in einer früheren Phase haben wir dementsprechend neue Verträge abgeschlossen, teilweise mit Aspiranten aus der letzten Spielzeit, so dass wir aktuell eine volle Compagnie haben. Allerdings sind wir mit Alexandr Trusch, Christopher Evans und Alessandro Frola in Gesprächen über Gast-Verträge.WELT: Wie ist Ihre Aufgabenverteilung in der Interims-Intendanz? Hartmann: Gigi Hyatt leitet die Ballettschule, trifft die pädagogisch-künstlerischen Entscheidungen in Absprache mit mir. Als geschäftsführender Ballettbetriebsdirektor bin ich für das Unternehmen verantwortlich. Lloyd als künstlerischer Ballettdirektor trifft die künstlerischen Entscheidungen. Auch da sprechen wir uns vertrauensvoll ab. Ich würde mir niemals anmaßen, Besetzungen zu machen, das ist gar nicht mein Beritt. Meine Aufgabe ist es, das Hamburg Ballett in der Geschäftsführung der Hamburgischen Staatsoper zu vertreten und Stabilität in der Administration zu gewährleisten. Damit die Kunst sich stets frei entfalten kann. Riggins: Für die Compagnie geht es um die Bewahrung der Qualität bei gleichzeitiger künstlerischer, organischer Evolution. Natürlich brauchen wir eine Vision, wohin wir uns entwickeln. Gleichzeitig haben wir ja ein solides Fundament, ein bedeutendes Erbe, das wir pflegen. Auf dieser Basis wollen wir auch neue Werke erarbeiten.WELT: Also verfolgen Sie weiter den ursprünglichen Plan, das Erbe John Neumeiers lebendig zu halten und um weitere Tanzsprachen zu erweitern.Riggins: Ich denke, das war eine sehr gute Initiative der vergangenen Saison. Und selbstverständlich wollen wir auf der Bühne kein Museum eröffnen. Ich habe gestern Abend mit Wendy Whelan telefoniert, der künstlerischen Co-Direktorin des New York City Ballet. Dort hat George Balanchine als Gründer und Choreograf die Geschichte bis zu seinem Tode 1983 geprägt, es ist das Ballett mit dem größten Repertoire der USA.. Auch neben Balanchine gibt es andere Beispiele für Compagnien mit Gründern, die als Choreografen, die Identität und DNA ihrer Institution und den Tanzstil entscheidend geprägt haben; zum Beispiel John Cranko oder Maurice Béjart. Alle diese Compagnien haben eine erfolgreiche Evolution gemeistert. WELT: John Neumeier trägt ja durchaus noch dazu bei, sein Erbe lebendig zu halten. Gerade hat er die Proben zur Wiederaufnahme seines Balletts „Die Möwe“ besucht.Riggins: Wenn wir das Werk eines lebenden Choreografen einstudieren, wollen wir, dass er so viel wie möglich hier vor Ort ist. Das ist wichtig für Informationen zu künstlerischen Beweggründen, dem Stil, der Atmosphäre. Das ist der Kern des Stückes. Ob das nun John Neumeier ist, der uns besucht oder eine andere Choreografin, ein anderer Choreograf wie zum Beispiel Angelin Preljocaj, mit dem wir im Februar 2026 die Choreografie „Annonciation“ machen. Oder Alexei Ratmansky, der nach Lewis Caroll die Uraufführung „Wunderland“ zum Juni 2026 für das Hamburg Ballett kreiert. Ein Bestandteil der Identität unserer Kompanie ist Kreativität. Wir werden den Fokus auf die Kreation neuer Stücke legen. WELT: Mit wem werden Sie in der Saison 2026/27 arbeiten?Riggins: Das steht noch nicht fest, aber ich verfüge über ein großes Netzwerk von Tänzern, Choreografen und Compagnien. In den letzten Monaten habe ich mit vielen etablierten Ballettdirektoren gesprochen, die ihre Unterstützung angeboten haben. So kam es unter anderem zum Beitrag von Mats Ek bei der jüngsten Nijinsky-Gala. WELT: Aktuell ist Ihre Intendanz als Interimsintendanz deklariert. Ist das zwingend? Muss ein Intendant selbst choreografieren oder kann er auch wie im Theater als nicht selbst inszenierender Intendant planen?Riggins: Intendant ist ein anderer Job als Choreograf. Wenn ich nicht choreografiere, muss ich Werke auswählen, aber nicht wie im Supermarkt, sonst hätten am Ende alle Compagnien der Welt nahezu dasselbe Repertoire. Wir wollen nicht austauschbar sein und haben das Kernrepertoire von John Neumeier, unsere Hamburger Identität, ein großes Geschenk. Nun müssen wir gucken, was passt, um die Kreativität der Compagnie am Leben zu erhalten, die ebenfalls groß ist. Mir ist es wichtig, dass das Hamburg Ballett ein Alleinstellungsmerkmal hat. WELT: Welches Modell schwebt Ihnen vor?Riggins: Man könnte es ein Drei-Säulen-Modell nennen. Erstens geht es um das Repertoire von John Neumeier. Zweitens müssen wir gucken, welche großen Choreografen dazu passen. Und drittens: Was lässt sich aus dem eigenen Ensemble heraus entwickeln. Jedes Jahr stellen bei uns um die 20 Tänzerinnen und Tänzer in dem Format „Junge Choreograf:innen“ eigene Stücke vor. Und es gibt viele ehemalige Tänzer des Hamburg Ballett, die mittlerweile als Choreografen erfolgreich sind.WELT: An wen denken Sie da konkret? Wer passt zum Hamburg Ballett? Zu seinem Stil?Riggins: Stil ist nicht so sehr der Tanzstil. Das wäre ein Missverständnis. Es geht hier mehr um die Mentalität, die Perspektive des Künstlers, den menschlichen Anlass, aus dem heraus er das Stück entwickelt. Ich möchte im Idealfall nicht, dass ein Gaststar kommt und in fünf Wochen ein Stück einübt, sondern dass er sich Zeit nimmt, mit uns lebt und ein Stück entwickelt. Im Dezember vertrauen wir darauf, dass Aleix Martínez einen Ballettabend kreiert, der in diesem Sinne funktioniert. WELT: Was ist geplant?Riggins: Der Ballettabend „Romantic Evolution/s“, der am 7. Dezember Premiere hat, vereint eines der ältesten Ballette, „La Sylphide“ von August Bournonville, das als Inbegriff des Romantischen gilt, mit einer Uraufführung des Choreografen Aleix Martínez. Bournonville ist sehr wichtig für das Königliche Ballett in Kopenhagen, wo ich acht Jahre getanzt habe.WELT: Welche Namen fallen Ihnen sonst ein, die passen könnten?Riggins: Es gibt ein großes Spektrum ehemaliger Tänzerinnen und Tänzer des Hamburg Ballett, die mittlerweile erfolgreich choreografieren: Kristina Paulin zum Beispiel, Yuka Oishi, Jiří Bubeníček, Natalia Horecna und dann auf der anderen Seite des Spektrums Künstler wie Christopher Wheeldon zum Beispiel. WELT: Wie stabil ist der finanzielle Rahmen, in dem Sie agieren?Hartmann: Wir haben einen stabilen Kostenplan und ein stabiles Budget. Aber es gibt viele Zukunftsthemen und es ist wichtig, in der Geschäftsführung gemeinsam mit den Kollegen Tobias Kratzer und Jürgen Brasch die Hamburgische Staatsoper zukunftsfähig zu machen und zu halten. Da gibt es eine Menge Aufgaben, auch mit Blick auf die geplante neue Oper. WELT: Da noch niemand weiß, was mit der Staatsoper passieren soll, sollte die neue Oper an der Elbe tatsächlich gebaut werden: Könnten Sie sich ein Haus des Balletts vorstellen? Hartmann: Das wäre natürlich ein ganz verlockender Traum. Aber ich sehe auf der anderen Seite – mit der dunklen Ahnung, dass die Budgets in den kommenden Jahren nicht selbstverständlich weiterwachsen – dass das einen doppelten Haushalt für die Hamburgische Staatsoper bedeuten würde. Ob so etwas je möglich sein wird, ist nicht absehbar. Riggins: Mir gefällt der gemeinsame Betrieb mit der Oper ganz gut, in einem großen Haus der Kultur. Ein Haus fürs Ballett ist ziemlich groß gedacht, auch jetzt haben wir ja schon die Freiheit, auf Tournee zu gehen. Natürlich ist es andererseits immer ein bisschen chaotisch und es gibt immer Schwierigkeiten, wenn man sich mit anderen arrangieren muss. Aber ich finde gerade sehr spannend, was mit Tobias Kratzer und Omer Meir Wellber beginnt. Es ist mir sehr wichtig sich gegenseitig mit Respekt zu begegnen und sich zu unterstützen. WELT: Wie ernsthaft kann man mit einem Jahresvertrag planen, wo doch die Vorbereitungszyklen an Opernhäusern deutlich weiter reichen?Hartmann: Wir haben schon den Auftrag, über die kommende Saison hinaus zu planen. In der Spielzeit 2027/28 steht beispielsweise mit dem 350. Geburtstag ein großes Jubiläum der Bürgeroper an. Das sind Dinge, die wir in der Intendanz gemeinsam mit Tobias Kratzer und Omer Meir Wellber jetzt angehen müssen. Und dann gibt es weitere Themen, die uns als Hamburg Ballett auch wichtig sind, um die Tanzstadt Hamburg nach vorne zu bringen. Ganz konkret ist das erst einmal die Tanztriennale, im kommenden Jahr zum ersten Mal stattfinden wird. Das ist ein sehr spannendes Projekt, das den Fokus auf den Tanz in Hamburg legt.WELT: Was bereiten Sie für die Tanztriennale vor?Riggins: Konkrete Pläne haben wir noch nicht. Da ist erstmal schön, dass wir als Community zusammenkommen. Das ergibt gegenseitige Inspiration, wir werfen einen Blick auf neue Arbeiten, Austauschformate und mögliche Kooperationen.
Ballett: „Intendant ist ein anderer Job als Choreograf“ - WELT
Der neue künstlerische Ballettdirektor Llyod Riggins und der Ballettbetriebsdirektor Nicolas Hartmann stellen ihre Pläne für die neue Saison beim Hamburg Ballett vor, die am 21. September mit der Wiederaufnahme-Premiere des Werks „Die Möwe“ beginnt. Auch für die Jahre danach werden bereits die Weichen gestellt.








