Wie der perfekte Wurf sich anfühlt, weiß Julian Weber ganz genau. Er hat ihn erlebt, hat gespürt, wie der Speer ideal in der Luft lag, lange segelte, sich wieder senkte, dann bei 91,51 Metern im Rasen einstach. Weltjahresbestweite! Julian Weber war gelöst, überwältigt, alles hatte funktioniert, alle technischen Rädchen ineinander gegriffen. Das Problem: Dieser perfekte Wurf hatte sich vor drei Wochen in Zürich entfaltet – und nicht jetzt, bei den Weltmeisterschaften in Tokio.Ein Versuch blieb Julian Weber noch am Donnerstag im Nationalstadion, um sich an diesen Wurf zu erinnern. Ein Versuch, um diesem bisher verkorksten Abend eine ganz andere Note zu verleihen. Nur Platz fünf stand neben seinem Namen, dabei war er als Favorit auf den Titel angetreten. Julian Weber nahm also noch einmal Anlauf, zog den Wurfarm weit nach hinten, katapultierte den Speer nach vorn. Aber: Es nützte nichts. Wenig später lag er im Nieselregen auf dem Boden, die Augen geschlossen. Fünfter nach dieser überwältigenden Saison, mit gerade einmal 86,11 Metern, das fühlte sich falsch an. „Ich bin einfach nur leer und traurig gerade“, sagte Weber im ZDF und sprach von einer Medaille, die ihm „gefühlt zugestanden“ hätte. „Das wäre die Chance gewesen.“Da fand er noch Kraft, ein Lächeln aufzusetzen, aber körperlich war er längst ausgelaugt. Ein Virus hatte ihn im Trainingslager in Miyazaki im Süden Japans erwischt, eine Schwächung zum schlechtesten Zeitpunkt. „Es war wirklich extrem schwierig heute, da die Power zu finden, das Feeling zu finden“, sagte Weber.Farken und Krause bei der Leichtathletik-WM:„Das ist ein geiles Gefühl“Die deutschen Läufer trotzen den Hindernissen: Robert Farken wird Sechster im 1500-Meter-Finale, das er schon verpasst zu haben schien. Gesa Felicitas Krause schafft es auf Rang sieben – nach einem Sturz am Wassergraben.Mit neun Siegen aus zehn Wettkämpfen war Weber nach Tokio gereist. Im Gepäck das gut begründete Gefühl, dass er bei der Medaillenvergabe dieses Mal nicht nur Zuschauer sein würde, sondern einer von denen, die für die Kameras die Muskeln spielen lassen. Die Speerwurfsparte der deutschen Leichtathletik ist eine schmale geworden in den vergangenen Jahren, und ohne Julian Weber wäre der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) in Tokio in dieser Disziplin gar nicht vertreten gewesen.Dabei war Weber lange Jahre derjenige, der am Rand stand und für die anderen im Team applaudierte. Für Thomas Röhler beim Olympiasieg 2016 in Rio, für Johannes Vetter beim WM-Titel 2017 in London, für Röhler und Andreas Hofmann, die 2018 Gold und Silber bei der EM in Berlin gewannen. Schlimm fand er das damals nicht, sagte Weber im Juni in Dessau, „natürlich ist es jetzt schöner für mich. Aber als Underdog, was ich lange war, war es auch nicht verkehrt. Es war noch weniger Druck, ich konnte immer befreit werfen und hatte kein Problem damit.“ Nur einmal brachte er selbst Körper und Kopf bei einer großen internationalen Meisterschaft in Einklang, wurde 2022 Europameister in München. Abseits davon sammelte er vor allem vierte Plätze, 2021 bei den Spielen in Tokio, 2022 bei der WM in Eugene, 2023 in Budapest, das lag wie ein Fluch auf seiner Karriere. Und den wollte er in Tokio nun endlich ablegen.In der Qualifikation waren ihm noch 87,21 Meter gelungen, das wäre im Finale Bronze wert gewesen. Nur ein Tag blieb ihm allerdings zur Erholung, vielleicht zu wenig für einen virusgeschwächten Athleten. „Ich würde nicht sagen, dass ich bei 100 Prozent bin, aber ich bin fit“, hatte Weber gesagt. Was im Finale noch drin sei? „Viel mehr.“86, 87, 88 Meter – das waren Webers schlechteste Würfe in vielen WettkämpfenMit dem größten Selbstvertrauen zog Weber dann allerdings nicht in den Wettkampf, das sah man ihm schon bei den ersten beiden Würfen an: Sobald der Speer seine Hand verlassen hatte, blickte Weber zu Boden, schüttelte den Kopf. Athleten seines Niveaus spüren früh, ob sich ein Langstreckenflug anbahnt oder eher ein Kurztrip. 83,63 Meter im ersten Versuch, 86,11 Meter im zweiten: Platz fünf in der Zwischenbilanz. Das ZDF fragte auf der Tribüne bei seinem Trainer Burkard Looks nach. „Er wirft nicht weit genug“, antwortete Looks, der sich auf das Wesentliche konzentrierte. Nur mit dem Arm zu werfen, so wie es Weber gerade zeige, funktioniere eher selten, ergänzte der Trainer. Angesagt war nun: dass auch die Beine den Weg in dieses Finale finden.Auf den Medaillenrängen fielen keine Fabelweiten, alles schien noch möglich zu sein für Weber. Nervös drehte er seine Runden abseits der anderen Werfer. Der Tipp des Trainers: „Er soll sich entspannt hinsetzen und nicht mehr wie ein Wiesel hin und her sausen, sondern sich auf sich fokussieren.“ Doch Weber wieselte weiter, einfangen konnte der 31-Jährige seine Unruhe nicht mehr, wurde zunehmend ratlos. Der dritte Versuch war ungültig, Nummer vier und fünf gerieten noch kürzer als die beiden ersten. Der Stemmschritt sei zu kurz, analysierte Burkard Looks, dadurch konnte Weber die Spannung im Arm nicht richtig aufbauen, „da fehlt dann die Abwurfgeschwindigkeit“. Und ein langsamer Speer fliegt nicht weit.Dass an diesem Abend auch andere arrivierte Athleten zu kämpfen hatten, war kein Trost für den Deutschen. Pakistans Arshad Nadeem, Olympiasieger von Paris, wurde nur Zehnter, Neeraj Chopra aus Indien, Weltmeister von 2023 und Olympiasieger 2021, nur Achter. Gold sicherte sich Keshorn Walcott aus Trinidad und Tobago mit 88,16 Metern vor Anderson Peters (87,38) aus Grenada, über Bronze jubelte überraschend der Amerikaner Curtis Thompson (86,67). „86 Meter, 87 Meter, 88 Meter – das sind teilweise meine schlechtesten Würfe von Wettkämpfen. Es wäre eigentlich so einfach möglich gewesen“, ärgerte sich Weber später. Vergraben wolle er sich aber jetzt nicht, versicherte er, „ich weiß, dass ich noch viele Medaillen gewinnen und immer besser werden kann. Ich weiß, dass es noch längst nicht das Ende ist.“ Aber der Schmerz über die verpasste Chance von Tokio, der dürfte ihn noch eine Weile begleiten.
Speerwerfer Julian Weber verpasst im WM-Finale eine große Chance - wieder einmal
Deutschlands bester Speerwerfer Julian Weber reiste als Goldfavorit zur WM nach Japan. Im Finale wird er, geschwächt durch eine Krankheit, nur Fünfter – der Schmerz sitzt tief.










