PfadnavigationHomeICONISTMode30 Jahre Acne Studios„Jeans ist die perfekte Leinwand“Veröffentlicht am 19.09.2025Lesedauer: 6 MinutenFrüher Labor und Hotel Particulier: neuer Acne-Showroom in ParisQuelle: Acne StudiosMehr als nur Jeans: Die schwedische Modemarke Acne Studios macht vieles anders. Jetzt hat sie, ganz klassisch, einen schicken, neuen Showroom in Paris eröffnet. Gespräch mit Kreativdirektor Jonny Johansson über Flugangst, den Preis des Erfolges und das universellste Kleidungsstück.Eine Zeichnung des Charlottenburger Schlosses in Berlin mit seiner Goldenen Galerie, das Model Jiahui Zhang in der vierbeinigen Pose einer goldenen Pantherin, ein Foto-Essay über den 2022 verstorbenen Fotografen Eric Boman, der im begleitenden Text als „goldener Freund“ bezeichnet wird – vermutlich nicht nur wegen seines perfekten Teints und dem blond leuchtenden Haar, mit dem er in den 70ern die Welt verzauberte. Und, natürlich, die goldene Toilette von Maurizio Cattelan, die der Künstler im Guggenheim Museum installieren ließ und die wie ein Vorgriff wirkt auf die Umdekoration des Weißen Hauses, die derzeit in vollem Gange ist. Was haben diese Fundstücke und Bilder gemeinsam? Wenig. Und das ist der Punkt. Aber sie sind in der neuen Ausgabe vom „Acne Paper“ zu finden, einem der ehrgeizigsten und langlebigsten Firmenmagazine der Modewelt. Irgendwann hat jede Marke mal ihr eigenes Heft herausgebracht, von Armani bis Comme des Garçons, aber das „Acne Paper“ feiert dieses Jahr seinen 20. Geburtstag, und die goldene Jubiläumsausgabe zeigt keine Spuren von Altersmüdigkeit.Acne, das mag in so manchem Kopf noch immer die schwedische Marke mit den skinny Jeans sein, die vor 30 Jahren gegründet wurde und damals einen in Anachronismen erstarrten Markt aufmischte, prägte – und dann ihren ganz eigenen Weg ging.„Das Fundament unserer Arbeit ist das universellste Kleidungsstück: die Five-Pocket-Jeans. Immer noch“, sagt Jonny Johansson, 56, Gründer und Kreativdirektor von Acne Studios in einem Videointerview: „Denim ist die perfekte Leinwand. Aber was auch immer man damit kombiniert, erzeugt die Reibung. Der grundsätzliche Acne-Studios-Look ist eine Jeans mit einem eleganten Blazer.“Johansson befindet sich in Paris, wo sein Unternehmen, dessen Hauptsitz nach wie vor in Stockholm ist, seit vielen Jahren Kollektionen unter dem Namen Acne Studios zeigt und vor einigen Monaten spektakuläre neue Räume bezogen hat. Es ist ein Gebäude aus den 1930ern, in dem einst die Industriellenfamilie Prevet lebte und in ihrem Labor Kräutertinkturen produzierte, die sie unter dem Markennamen Gomenol verkaufte. Insofern handelt es sich um ein architektonisches Hybrid: prächtige Räume mit goldverzierten Holzvertäfelungen einerseits, rohe Betonstrukturen andererseits. Was wiederum klingt wie die Reibung, die Johansson in seiner Arbeit sucht. „Ich mag die Vorstellung einer Modeschule lieber als die eines Modehauses. Und ich suchte einen Ort mit Geschichte, weil ich uns immer noch als junge Marke sehe.“Seit 2011 zeigt Acne Studios seine Männerkollektionen während der Paris Fashion Week, seit 2013 auch die Damenkollektionen. Es ist Mode, die sich lässig zwischen Streetwear und Avantgarde bewegt und unbekümmert mal in die eine, mal in die andere Richtung ausschlägt. In der aktuellen Saison etwa gibt es eine knallrote Lederkombination mit übertrieben großen Stiefeln, oder eine Oversized-Strickjacke, die aussieht, als habe man sich einen Flokati-Teppich übergeworfen. Die nach wie vor unverzichtbaren Jeans wurden so komplex bedruckt, das sie einer Trompe-l’œil-Skulptur ähneln.Ursprünglich wollte Johansson Musiker werden, dann gründete er 1996 mit Freunden ein Kreativkollektiv mit dem Namen Acne. Das Akronym stand zuerst für „Associated Computer Nerd Enterprises“ und wurde dann in „Ambition to Create Novel Expressions“ uminterpretiert. Die Assoziation mit Hautunreinheiten, die vor allem in Teenagerjahren quälend sein können, scheint auf den ersten Blick nicht ideal für eine Modemarke, die ja qua definitionem Produkte für ein erfüllteres Leben bereitzustellen behauptet. Aber das Beharren auf diesen juvenilen Witz zeigt eine Freude daran, die Dinge eben nicht richtigzumachen und gerade deswegen seinen eigenen Weg zu finden.Diese Freude ist auch im Gespräch mit Johansson zu spüren. Er gibt selten Interviews, bemüht sich nicht um eine geschmeidige Gesprächsführung, in der er vorher mit seinem Kommunikationsteam definierte Kernbotschaften vermittelt. Er denkt vor seinen Antworten nach, lässt manchen Satz im Nichts enden, und manchmal sagt er, in seinem Metier nicht eben üblich, die Wahrheit – selbst wenn sie etwas schroff klingt. „Ich war immer jung, jung, jung. Und dann plötzlich der Älteste. Dazwischen gab es nichts. Wo ist die Mittelzeit geblieben?“, sagt er eher verwundert als larmoyant. Ob er manchmal noch davon träumt, mit seiner Band in Stadien zu spielen? „Welche Antwort möchten Sie? Wenn ich in einem Flugzeug in 10.000 Meter Höhe bin, fühle ich mich Menschen ganz nahe, die ich verloren habe. Dabei trinke ich ein bisschen, weil ich nicht gern fliege. Dann stelle ich mir das vor. Aber normalerweise bin ich so froh, dass ich kein Musiker geworden bin und mich stattdessen in der Mode ausleben kann. Selbst wenn ich auf diesem Weg ein Arschloch geworden bin. Ich war früher netter, aber ohne Unternehmensstruktur kann ich irgendwie nicht arbeiten.“Die Beharrlichkeit dieses Mannes hat sein Unternehmen auf rund 320 Millionen Euro Jahresumsatz gebracht. Und die derzeitige Krise im Luxusmarkt hat bei Acne keine Spuren hinterlassen. Stattdessen wird in Projekte investiert, die nicht darauf angelegt zu sein scheinen, den Absatz von Schuhen, Taschen oder Jeans zu fördern. Im Juni eröffnete die eigene Galerie, ein lang gehegter Traum von Johansson, im superschicken Palais Royal, mit einer Ausstellung des niederländischen Fotografen Paul Kooiker, der für seine verstörenden Bildwelten bekannt ist. Hier soll künftig Künstlern und Kollaborationen eine Bühne geboten werden. Mit Kostenmanagement hat das nichts zu tun, dafür mit dem romantischen Glauben an kreativen Austausch. „Es ist eine Fantasie. Und der perfekte Moment dafür, weil wir in einer traurigen Zeit leben“, sagt Johansson. In einem Prachtraum des neuen Showrooms steht neben einer eklektischen Auswahl an anderen Arbeiten ein Objekt des Wiener Künstlers Lukas Gschwandtner: ein langer Metalltisch mit Holzplatte, deren eines Ende nach oben geschwungen ist. Darauf liegt ein Polster, das mit einem altem, klassizistisch gemusterten Stoff bezogen wurde. „Er hat ein altes Möbelstück gehäutet und den Stoff auf seine Metallkonstruktion gezogen“, schwärmt Johansson von Gschwandtners Arbeit: „Er fertigt auch eine Art Skelett von sich selbst an, das er anzieht. Ich muss an Wien denken, an Thonet, es öffnet neue Türen.“Lesen Sie auchDas Türenöffnen scheint sein Lebenselixier. Als er an der Kollektion arbeitete, die dann erstmals in Paris gezeigt werden sollte, sah er im Pariser Modemuseum Palais Galliera ein Kleid von Marie-Antoinette und eine Jacke, die einst Napoleon gehört hatte. Eine Freundin, die Künstlerin Katerina Jebb, scannte die Teile und er nutzte sie als Vorlage für eigene Entwürfe. „Wie ein Vampir“, sagt Johansson. In einer anderen Saison speiste er sämtliche seiner bis dahin produzierten Fotos in ein KI-Programm ein, um daraus neue Kleider und Menschen zu errechnen: „Irgendwann ging die Maschine zu weit und produzierte einen braunen Klecks.“In gewisser Weise steht Johansson für eine Herangehensweise, die in der krisengeschüttelten Branche ein Türöffner für den Erfolg sein könnte: Freiheitsdrang in Kombination mit Pragmatismus. Das Haus in Paris brauche die Marke, so sagt er, „um Talente anzuziehen. Nicht jeder will nach Stockholm ziehen. Vor allem nicht, wenn die Schneestürme kommen.“Lesen Sie auch„Vor 20 Jahren traf ich eine goldene Gelegenheit. Ich traf Jonny Johansson [...]“, schreibt Thomas Persson, der Herausgeber von „Acne Paper“ in der Jubiläumsausgabe: „Wenn ich zurückdenke, ist das eine Erinnerung daran, dass ein einziger, großartiger Moment alles ändern kann.“Wenn man das Geburtstagspathos mal wegdenkt, dann bleibt der Eindruck, dass es auch heute noch in der Mode ohne Persönlichkeitskult um den Chefdesigner gehen kann (Johansson: „Ich wollte nie berühmt sein. Ruhm ist eine zweischneidige Sache“). Manchmal reicht das, was laut diesem leisen Mann aus Stockholm das Geheimnis ewiger Jugend ist. Neugier.
Acne Studios wird 30: „Jeans ist die perfekte Leinwand“ - WELT
Mehr als nur Jeans: Die schwedische Modemarke Acne Studios macht vieles anders. Jetzt hat sie, ganz klassisch, einen schicken, neuen Showroom in Paris eröffnet. Gespräch mit Kreativdirektor Jonny Johansson über Flugangst, den Preis des Erfolges und das universellste Kleidungsstück.








