Ein neues Kapitel Geschichte wollen Jüdische Gemeinde und die Stadt Hamburg aufschlagen und eine neue Synagoge bauen. Kommende Woche entscheidet sich, wie sie aussehen wird. Doch was kann ein Gebäude leisten bei dem Versuch einer Annäherung – und was nicht?Rabbiner Shlomo Bistritzy, ein Mann in schwarzem Anzug und mit schwarzem Hut, schaltet sein Smartphone stumm, legt es mit dem Display auf dem Tisch vor ihm ab, und erinnert sich dann, wie es war, in die Zukunft zu reisen. An einem Tag im Mai habe es sich zumindest so angefühlt, erzählt das geistliche Oberhaupt der Jüdischen Gemeinde Hamburg während er sich im Nebenraum des großen Betsaals der Synagoge Hohe Weide auf einem Stuhl niederlässt. Die Stadt hatte den orthodoxen Landesrabbiner eingeladen, um die ersten 25 Entwürfe im Rahmen des Architekturwettbewerbs zum Wiederaufbau der Bornplatzsynagoge in Augenschein zu nehmen.Ein wiederkehrender Moment hat sich ihm besonders eingeprägt. In der Mitte des großen Saals stand ein Modell des Grindelhofes mit dem Joseph-Carlebach-Platz, der einem Loch gleich in dem sonst so dicht bebauten Viertel klafft. Zur Aufgabe der Architekten zählte auch, ein Modell ihres Entwurfes anzufertigen, das genau zum Maßstab des Modells passte. Jeder dieser 25 Momente sei „magisch“ gewesen, erzählt Bistritzky. Immer dann, wenn die Architekten ihre Idee in der Lücke platzierten, wie ein letztes, fehlendes Puzzleteil. „Es geht hier um mehr als eine neue Synagoge. Wir schließen eine Lücke. In der Stadt, aber auch in unserer jüdischen Identität“, sagt der Rabbiner.Lesen Sie auchKnapp 77 Jahre nach seiner Zerstörung in der Pogromnacht 1938 soll das Gebetshaus wieder aufgebaut werden. Wie es aussehen könnte, entscheidet sich am Ende der kommenden Woche. Dann werden aus den letzten sieben Entwürfen der Sieger des Wettbewerbs sowie ein Zweit- und Drittplatzierter gekürt, und dem lang ersehnten Traum eine Kontur geben. Die neue Synagoge soll, so lautet einer der Ansprüche der Jüdischen Gemeinde, sich an der äußeren Gestalt des historischen Baus orientieren. Geplant ist aber weit mehr als eine Replik und auch mehr als nur ein Gebetshaus. Insgesamt sind drei Gebäude vorgesehen, die als Komplex ein neues jüdisches Gemeindezentrum ergeben. Noch dazu eines, an dem traditionelle und liberale Juden zwar getrennt voneinander, aber vereint an den jüdischen Wurzeln der Stadt beten. Flankiert von einem öffentlichen Café sowie Räumen für Bildung und Begegnung.Denn eines ist allen Beteiligten klar: Selbst das aus architektonischer Sicht sagenhafteste Ensemble würde sein Ziel verfehlen, wenn es am sonst so pulsierenden Grindel als Fremdkörper wahrgenommen werden würde. Es ist der zweite Synagogenneubau in Hamburg nach dem Zweiten Weltkrieg, und so lässt sich an dem Vorhaben auch beobachten, dass die Stadt und ihre Jüdische Gemeinde jetzt erst beginnen, sich einander Fragen zu stellen. Etwa: Wie schließt man eine bauliche Lücke, ohne den Bruch der Geschichte, auf den sie zurückgeht, zu leugnen? Und was braucht es über den Neubau hinaus, damit Juden und Nichtjuden mehr voneinander wissen? Schließlich gilt es, einen Ort zu schaffen, der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft jüdischen Lebens verbindet. Und ebenso Hamburger anzieht, die nicht jüdischen Glaubens sind.Für Daniel Sheffer, Unternehmer und Vorsitzender der Stiftung Bornplatzsynagoge, einer Bürgerinitiative, die für den Wiederaufbau geworben hat, ist klar: „Der geplante Komplex soll ein Ort für alle Juden sein, an dem sich die verschiedenen Strömungen jüdischen Lebens wiederfinden. Und: Wir wollen keinen Zaun! Indem man Zäune um uns baut, macht man uns zu Opfern, und das sind wir nicht.“ Anders als bei der Synagoge in der Hohen Weide und dem Joseph-Carlebach-Bildungshaus, das einen Kindergarten, eine Grund- sowie eine Stadtteilschule beherbergt, will man bei dem neuen Zentrum auf sichtbare Barrieren, Kameras und bewaffnete Polizei verzichten. Und durch nahezu unsichtbare Sicherheitssysteme ersetzen. Schließlich ist die Bedrohungslage größer geworden, und die Zahl antisemitischer Straftaten steigt.„Wir wollen keinen Zaun! Indem man Zäune um uns baut, macht man uns zu Opfern, und das sind wir nicht“Hier lohnt ein Blick nach München, wo die Jüdische Gemeinde mit der im Jahr 2006 eröffneten Synagoge „Ohel Jacob“ hebräisch „Zelt Jakobs“ mit einem neuen Sicherheits-Standard als Vorreiter gilt, weil es ohne Zäune auskommt. Auch aufgrund anderer Gesichtspunkte gilt die in der Münchner Altstadt gelegene Synagoge als richtungsweisend für das Vorhaben in Hamburg, da sie jüdische Moderne mit Tradition verbindet. Der Sockel des Gebetshauses etwa erinnert an die Klagemauer, darüber schwebt ein Glasaufbau, der ein Zelt symbolisiert – als Zeichen für die Wanderung durch die Wüste Sinai. Der Gebetssaal ist zudem ausschließlich über einen unterirdischen, mit dem Gemeindezentrum verbundenen Gang zugänglich, der so leicht gesichert werden kann. Der darüber liegende gläserne Aufbau ist von einem Metallschleier umhüllt – eine symbolische wie funktionale, weil schusssichere Barriere.Lesen Sie auchDass der Traum nach der einstigen Bornplatzsynagoge, die für die Blütezeit des Judentums in der Stadt steht, sich nun erfülle, sei eine große Geste der Stadt, sagt Daniel Sheffer. Für ihn, der in der Jury des Architekturwettbewerbs sitzt, ist jedoch der Weg, der Planungsprozess, zu dem man vor zehn Jahren aufgebrochen sei, mindestens ebenso wichtig wie der Bau und dessen Symbolik an sich. „Die Redewendung ‚Der Weg ist das Ziel’ beschreibt, was gerade passiert“, sagt er. Um eine Synagoge zu bauen, müsse man sich mit dem Judentum befassen, und so seien die Planungstreffen von einem sich gegenseitig-verstehen-wollen geprägt. „Das ist es, was wir in Hamburg brauchen: eine echte, von Neugier geprägte Auseinandersetzung, die es so vorher eigentlich noch nie gab.“ Die meisten der beteiligten Entscheidungsträger und Planer aufseiten der Stadt, aber auch die Architekten, hätten schließlich keinerlei Erfahrung mit jüdischen Einrichtungen. Es habe mehrere Sitzungsrunden gebraucht, bis die Stimmung so locker war, dass sich ein hoher Vertreter der Stadt traute, erste Fragen zu stellen. Etwa: „Was ist denn überhaupt eine Mikwe (ein Tauchbad, das zur rituellen Reinigung dient) und sagen Sie mal, benutzt die auch jemand?“Zumal diese Annäherung ein Spagat ist, bei dem es auf zwei Punkte ankomme. Dass die jüdische Gemeinde selbstbewusst ihre Bedürfnisse formuliere, ohne sich von der nicht jüdischen Mehrheitsgesellschaft vorschreiben zu lassen, wie eine Synagoge auszusehen habe, so Sheffer. „Wir müssen erklären, warum wir bestimmte Dinge so haben wollen und warum. Auf der anderen Seite müssen wir uns auch nach außen öffnen, damit Hamburger, die nicht jüdischen Glaubens sind, Lust bekommen, diesen Ort zu entdecken.“Wo die Kraft der Symbolik an Grenzen stößtDaniel Sheffer ist Sohn eines Überlebenden. Sein Vater ist der Einzige aus seiner Familie, der den Nazis entkam. In den 1970er-Jahren kehrte er nach Hamburg zurück. Was brauche es, damit sein Sohn sich heute als Jude hier angekommen fühlt? Letztlich sei es ein Gefühl, das kein Synagogenbau leisten könne, so Sheffer. „Ich möchte mich als Jude in Deutschland geborgen, sicher und gleichberechtigt fühlen. Ich sage bewusst fühlen, weil auf dem Papier bin ich es. Aber ich fühle es nicht.“Shlomo Bistritzky, das geistliche Oberhaupt der Jüdischen Gemeinde, sitzt noch immer in dem Nebenraum des großen Betraums. Durch die hohen Deckenfenster fällt die Mittagssonne. Mit dem Bau des neuen Gemeindezentrums kehre die Gemeinde zu ihren Wurzeln zurück, sagt er und natürlich liege darin eine große Geste und eine große Chance für die Zukunft.Er ist zuversichtlich, dass man am Ende auch jene Punkte löse, an denen es noch hakt. Damit bezieht er sich auf eine Debatte, die im Vorfeld des Architekturwettbewerbs aufflammte. Es gab Hamburger, die sich sorgten, dass das Bodendenkmal, ein im Pflaster eingelassenes Mosaik, einem Neubau zum Opfer fallen könnte. Somit würde das Neue die Folge des Verbrechens, des Holocausts zubauen. Eine Debatte, die Bistritzky als absurd empfand. „Da haben wir als Gemeinde die Möglichkeit, ein Grundstück, das uns genommen wurde, nach unseren Wünschen neu zu bebauen und einige Hamburger machen sich zu Sklaven ihrer eigenen Erinnerungskultur.“ Es wird spannend sein, zu sehen, wie die Architekten diesen Punkt lösen. In der Entwurfsbeschreibung des Wettbewerbs heißt es, das Bodendenkmal solle in den Neubau integriert werden. Was bereits klar ist: Der Bunker am Allende Platz wird abgerissen. Noch werden die dortigen Räumlichkeiten in Teilen von der Uni genutzt, derzeit prüfe man, auf welche Flächen ausgewichen werden könne, heißt es aus der Senatskanzlei. Parallel dazu werde der Rückbau des Bunkers vorbereitet.Lesen Sie auchZeit, um die eine letzte Frage auch an Rabbiner Bistritzky zu richten. Was brauche es, damit er sich als Jude in Hamburg angekommen fühlt? Dazu müsse er ausholen, sagt er. Als traditioneller Jude lebe er nach den religiösen Gesetzen. Was ihn störe, ist nicht, dass er sich deswegen oft erklären müsse. Jedoch, dass man ihm das Gefühl gebe, dass er Gefangener einer alten Tradition sei und damit rückständig. „Ich treffe bisweilen auf Menschen, die glauben, sie wüssten schon alles über mich, weil sie auf Netflix ‚Unorthodox‘ gesehen haben.“ Die Serie über eine junge Frau, die ihre ultraorthodoxe jüdische Gemeinschaft verlässt, war sehr erfolgreich, bedient aber auch antisemitische Klischees. „Wir haben kein Problem mit Menschen, die anders leben als wir. Aber offenbar haben andere eins mit uns.“ Dabei werde diese Form von Antisemitismus nicht nur vom rechten Lager geschürt, sondern auch von den Linksliberalen. Weil sie in Israel die Rolle des Aggressors im Nahen Osten sähen und in der Hamas das Opfer, so Bistritzky. Eine Verdrehung der Tatsachen, die antisemitisch sei, aber von weiten Teilen der deutschen Gesellschaft so geteilt werde. „Noch ist Deutschland nur offen für ein Judentum light, das sich dem politischen Mainstream nicht widersetzt“, sagt er. Diesen Eindruck hat er manchmal, es lässt ihn denken, „dass Deutschland sich die Juden, die es willkommen heißt, gerne aussuchen würde.“ Er glaubt fest daran, dass sich das ändere, wenn wieder mehr, auch traditionelle, Juden in Deutschland leben.Eva Eusterhus berichtet seit 2006 für WELT und WELT am SONNTAG aus Hamburg.
Aussöhnung: „Noch ist Deutschland nur offen für Judentum light, das sich dem Mainstream nicht widersetzt“ - WELT
Ein neues Kapitel Geschichte wollen Jüdische Gemeinde und die Stadt Hamburg aufschlagen und eine neue Synagoge bauen. Kommende Woche entscheidet sich, wie sie aussehen wird. Doch was kann ein Gebäude leisten bei dem Versuch einer Annäherung – und was nicht?












