PfadnavigationHomeICONISTModeHype um britisches LabelWarum Brautkleider von Vivienne Westwood als „wichtigste der Dekade“ gefeiert werdenVeröffentlicht am 05.09.2025Lesedauer: 6 MinutenBraut Charli XCX, die im Sommer in Vivienne Westwood vor den Altar tratQuelle: Instagram Charli xcx/InstagramProminente Bräute wie Charli XCX, Hailey Bieber und Demi Lovato setzen beim „Kleid ihres Lebens“ auf Vivienne Westwood. Die Silhouetten der Kleider treffen den Geschmack von Frauen, die einen Mix von Weiblichkeit und Punk wünschen.Auch eine Göre mag es manchmal traditionell. Als die Sängerin Charli XCX im Juli den Drummer der britischen Band The 1975 in London heiratete, trug sie ein weißes Brautkleid mit Korsage. Die 33-Jährige, die vor einem Jahr mit ihrem Album „Brat“ (dt.: „Göre“) der frechen und rebellischen Frau ein Denkmal setzte, krönte ihr Haar sogar mit einem Schleier, kombinierte dazu weiße Slingpumps und ein weißes Bouquet aus Dahlien und Schmuckkörbchen.Nur der kurze Rock brach mit der Tradition des „großen Weißen“. Und wer sich mit Brautmode auskennt, sah sofort, dass das Kleid an eine der größten Gören der Mode erinnerte: Vivienne Westwood, die 2022 im Alter von 81 Jahren verstorbene Modedesignerin, deren Label hinter dem Entwurf steckte. Die Marke fertigt schon seit mehr als drei Jahrzehnten Brautkleider an, doch gerade jetzt scheint sich eine Generation Frauen einig zu sein, dass es sich in Vivienne Westwood am schönsten heiraten lässt.Neben Charli XCX feierte in diesem Jahr auch die luxemburgisch-deutsche Schauspielerin Vicky Krieps („Corsage“) ihre Hochzeit in Entwürfen des Labels, das heute von Westwoods langjährigem Ehemann geführt wird, dem Österreicher Andreas Kronthaler. Krieps trug insgesamt drei Kleider der Marke – eines für das „Rehearsal Dinner“, eines während der Zeremonie und ein weiteres Modell zum Empfang und zur Party danach. Krieps hatte bei Kronthaler eine Maßanfertigung in Auftrag gegeben, ebenso wie die US-amerikanische Sängerin Demi Lovato, die im Mai heiratete. Ein paar Monate gab Jesse Bongiovi, der älteste Sohn des Rockstars Jon Bon Jovi, seiner Freundin Jesse Light, einer Fernsehproduzentin, das Ja-Wort – auch sie trug dabei Vivienne Westwood. Die Liste der berühmten Fans lässt sich so weit fortführen – mit Hailey Bieber, dem Model Daisy Lowe oder der Schauspielerin Millie Bobby Brown –, dass die amerikanische „Vogue“ vom „wichtigsten Brautkleid der Dekade“ schrieb. Lesen Sie auchEs geht ausgerechnet auf eine Frau zurück, die sich nicht um Konventionen scherte, sondern zeit ihres Lebens gerne provozierte und das Establishment kritisierte. Mit ihrem Geschäftspartner und damaligen Freund Malcolm McLaren prägte Westwood in den 70er-Jahren den Look der Punk-Bewegung – mit anarchistischen Statement-T-Shirts und provokanten Prints, Bondage-Kleidung und Teilen aus zusammengenähten Stoffresten, die in einer Londoner Boutique namens „Sex“ verkauft wurden. Im Laufe ihrer Karriere erarbeitete sich Westwood mehr und mehr einen Ruf als Aktivistin. Sie protestierte gegen Klimawandel, Konsumexzess und konservative Politik – und sendete mit jeder Modenschau politische Botschaften aus.Aber auch in einer Aktivistin kann sowohl eine Romantikerin als auch eine Geschäftsfrau stecken. Schon 1962 entwarf sie ein erstes Brautkleid, nämlich ihr eigenes, das sie zu ihrer Hochzeit mit ihrem ersten Mann Derek Westwood trug. 1992, da war Westwood schon mit Andreas Kronthaler verheiratet, zeigte sie zum ersten Mal ein Brautkleid auf dem Laufsteg und bot ab sofort Maßanfertigungen für interessierte Bräute an. Zu denen gehörte im Jahr 2005 die Burlesque-Entertainerin Dita von Teese, die zu ihrer Hochzeit mit dem Rocker Marilyn Manson ein lilafarbenes Modell trug. Die Farbe war ungewöhnlich, doch die Silhouette stand ganz in der Tradition der Westwood-Brautmode, wie sie die Kollektionen bis heute prägt: Die Taille sitzt eng und die Brust wird hochgedrückt und betont, meist in Form gebracht durch eine Korsage. Röcke sind lang und weit ausgestellt oder schmal und eng anliegend, zierliche Träger fallen weich über die Schultern. Die Linie erinnert oft an die Krinolinen-Röcke aus dem Barock und Rokoko, doch Westwood wusste stets, dem Überfemininen mit originellen oder provokanten Drehs etwas entgegenzusetzen. So wie ein Bustier mit riesigen Körbchen, die sich wie Schwanenflügel über die Brüste öffnen.Lesen Sie auchEin solches Kleid trug Sarah Jessica Parker in der Rolle der Carrie Bradshaw im ersten Film zur „Sex and the City“-Serie. In der Hochzeitsszene wird Bradshaw in dem Kleid von ihrem Verlobten Mr. Big kurz vor der Zeremonie sitzen gelassen, das Kleid erreichte trotzdem Kultstatus und festigte den Ruf des Labels als Anbieter opulenter, aber ungewöhnlicher Brautroben, die von modemutigen Frauen getragen werden. „Die Menschen fühlen sich zu Westwood hingezogen, weil sie für etwas steht“, sagte Andreas Kronthaler im April dem Sender CNN. „Sie steht für Frauen, Power, Kraft und Mut.“ Und für Überzeugungen, die sie nie versteckte, sondern bei jeder Gelegenheit zum Ausdruck brachte – auch über ihre Brautkleider. Als der „WikiLeaks“-Aktivist Julian Assange 2022 in einem Londoner Hochsicherheitsgefängnis seine Partnerin Stella Morris heiratete, trugen beide maßgefertigte Entwürfe der mit ihnen befreundeten Designerin.Die Menschen fühlen sich zu Westwood hingezogen, weil sie für etwas steht: Frauen, Power, Kraft und MutDie Popularität der Linie fällt in eine Zeit, in der Hochzeiten wie öffentliche Großereignisse geplant, inszeniert und besprochen werden. Superreiche wie das milliardenschwere indische Paar Anant Ambani und Radhika Merchant oder Jeff Bezos und Lauren Sánchez-Bezos machen aus ihrer Vermählung mehrtägige Festspiele mit Konzerten, Partys und zahlreichen anderen Events, die natürlich eine vielseitige Garderobe erfordern. Aber auch nicht prominente Paare investieren mehr Zeit, Geld und Energie in ein Fest, das für viele nicht mehr privat ist, sondern für Instagram akribisch dokumentiert wird. Die Kleidung nimmt dabei einen neuen Stellenwert ein, sie ist einerseits noch wichtiger geworden, andererseits gehen Frauen mit mehr Freiheit und Spontanität an den Kauf heran. Designer-Plattformen verkaufen Hochzeitskleider längst im Internet, und auch junge, angesagte High-Fashion-Labels wie Christopher Esber oder Jacquemus, die bislang nicht mit Brautmode assoziiert werden, bieten diese inzwischen an.Manche Kundinnen wollen, dass ihr Look später vielleicht noch mal getragen oder weiterverkauft werden kann. Und oft ist „das“ Kleid nur eine Option aus einer ganzen Reihe an Outfits, die über mehrtägige Hochzeiten zu den verschiedenen Programmpunkten des Events ausgeführt werden. Da darf ein weißes Kleid also auch mal kurz sein, durch einen Hosenanzug ersetzt werden, mit einem Kostüm oder mit einem Top samt Mini-Petticoat. Lesen Sie auchHeute sei die Brautmoden-Linie ein „wichtiger Teil des Unternehmens“, sagt Andreas Kronthaler. So wichtig, dass man im vergangenen April zum ersten Mal eine Modenschau nur für Brautmode auf der „Bridal Fashion Week“ in Barcelona vorstellte. Der erste Look, ein prächtiges Kleid, dessen Vorderseite mit Volants, Blumen und Spitze bedeckt ist, war vom „Madame Pompadour“-Entwurf der Marke inspiriert – ein Westwood-Klassiker von 1995, der wiederum auf einem Porträt der berühmten Mätresse von François Boucher aus dem Jahre 1756 beruht. „Dieses Mal haben wir es in Weiß gezeigt“, sagt Kronthaler. „Vivienne hätte es geliebt, es war ihr absolutes Lieblingskleid.“Für die Marke ist jetzt der entscheidende Moment, wieder an solche Momente zu erinnern. Eine neue Generation Modefans entdeckt derzeit Vintage-Westwood auf Resale-Plattformen, vor allem die Korsagen-Tops mit romantischen Engels- oder Blumenmotiven sind dort sehr beliebt, ebenso wie die Ketten mit Planeten-Anhänger – und Brautkleider. Die gibt es natürlich auch neu und von der Stange in Online-Stores wie Mytheresa, wo man für ein langes schmales Bustierkleid mit eingearbeiteter Korsage zwischen 5000 und 7000 Euro bezahlt. Die beliebteste und markanteste Silhouette heißt „Cocotte“ und wurde auch von Charli XCX getragen.Das dürfte auch noch ganz banale Gründe haben: Die Kleider von Vivienne Westwood machen eine tolle Figur, betonen die richtigen Stellen, unterstreichen die femininen Kurven. Und sind trotzdem nicht nur lieblich und romantisch. Eine wichtige Inspirationsquelle für die Westwood-Brautmode ist bis heute die „Piraten-Braut“, die 1998 über den Laufsteg geschickt wurde. Das Model trug damals zum glitzernden Kleid eine Augenklappe und ein weißes Tuch, das man wie einen Piratenturban um den Kopf geknotet hatte. Es war typischer Westwood-Humor: Die Braut sieht nur die Hälfte, aber alle Blicke richten sich auf sie.