PfadnavigationHomeIconOntourSelbsttestFrüher hat man auf einen Porsche gespart, heute geht man zur KurVeröffentlicht am 01.09.2025Lesedauer: 7 MinutenAm Ufer des Altausseer Sees liegt die Klinik, die sich international einen Namen gemacht hatQuelle: MAYRLIFE / Michael KoenigshoferGesundheit und Wohlbefinden sind für die junge Generation, die zu Geld gekommen ist, zu einer neuen Art Status geworden. Kuren ist das neue Gold. Wir haben eine Klinik, Mayrlife in Altaussee getestet„Fasten ist wie verliebt sein“, sagte mir mal ein Freund: „Tolle Gefühle am Anfang. Vier Monate später der Rebound: Altgewicht-plus!“ Diese süße erste Phase zog mich an. Ich buchte ein Zimmer am See in der Steiermark, zwischen Salzburg und Wien: Eine Woche Schlemmerfasten – sanfter als Spritzen, köstlicher als Kohlsuppe. A wie AnkunftDas Gebäude von Mayrlife schmiegt sich wie eine Anthroposophische Forschungs-Klinik in die liebliche Landschaft zwischen saftgrünen Wiesen und Bergen an dem kristallklaren Altaussee. Die Kühe wirken hier glücklicher, die Butterblumen leuchten gelber, der Geist blüht auf wie Edelweiß. Ein mystisch, magischer Kraftplatz, der Stille ausstrahlt. Der Ansatz der Klinik: Eine Vielzahl von Krankheiten nehmen im Darm ihren Anfang. Rückenschmerzen, Zahnbeschwerden, Depressionen – wir sind Geschöpfe unseres Darms, unser Geist ist mit ihm verknüpft. Man spricht auch von: Verdauungsintelligenz. Hier geht es nun um Verzicht auf hohem Niveau. B wie Bauch Jetzt geht es mal nicht um die typische SPA-Entspannung, der Bauch steht im Zentrum: Der Darm soll entspannt werden. Wärmflasche, Fencheltee, Wärme ist wichtig, so wie die tägliche Visite beim Arzt, unter anderem zur Bauchbehandlung. Es geht nicht um Äußerlichkeiten wie Bauchspeck, ihm geht es um Ihre inneren Werte. Die Griffe sind angenehm, da ist die Leber, da der Darm, das will er spüren. Aufgepasst, er kann jede Sünde ertasten. Lesen Sie auchC wie ConciergeEine Glastür schiebt sich lautlos auf, dahinter ist es wie in einem wunderbar ländlichen Wellness-Hotel. Gerade mal die vielen Teekannen in allen Formen und Farben im Speisesaal machen nervös – Deko an den Wänden. Das Esszimmer ist der wichtigste Raum in jeder Diät-Klinik, so verrückt es klingt: Wer ist da, wem geht es genauso wie mir, wer ist noch dicker, wer hat es schon hinter sich? Reden und Telefonieren ist verboten, wie seit Neuestem in der Berliner U-Bahn. Geflüstert wird in sämtlichen Sprachen. Nicken, lächeln, löffeln. Manche haben eine Aura, zum Beispiel einer der Leibarzt-Assistentin des Leibarztes von Roman Abramovich. Der Concierge schweigt diskret. D wie DiagnostikEs beginnt mit der Anamnese. Man kennt’s – nur so viel: Sehr umfassend. Profitipp: Vom Hausarzt ein großes Blutbild erstellen und mitbringen. Ist preiswerter. Ergänzend wird die sogenannte Myodiagnostik angewandt, bei der die Reaktion eines Muskels auf bestimmte Reize wie Lebensmittel getestet wird, um Rückschlüsse auf die Ursache von Beschwerden zu ziehen. Wie bei den Bachblüten: Man legt sich hin und bekommt verschiedene Stoffe, zum Beispiel Zimt oder Lactose in einem Miniröhrchen in die Hand. Der Arzt versucht sodann, den ausgestreckten Arm herunterzudrücken. Kann der Patient nicht dagegenhalten, herrscht eine Unverträglichkeit beziehungsweise Belastung durch etwa Pilze, Bakterien, Viren, Parasiten. Danach überdenkt man seine Kuschelpraxis mit dem Lieblingshaustier. E wie EssenJe nach Unverträglichkeit wird die Kost bestimmt. Drei Mahlzeiten gibt es. Früher hieß es mal nur Milch und Brot. Beides ist heute – dank der Industrie-Produktion – für viele schwer verträglich. Hier nun kommt es nicht auf das Was an, sondern auf das Wie: Gut gekauft ist vieles erlaubt. 40- bis 60-mal pro Biss! Das hat schon John Lennon in den 70ern gemacht, sodass kaum einer mehr mit ihm essen ging. Bis er eine Erbse zerkaut hatte, waren Stunden vergangen. Tatsache ist: Wir essen zu schnell, schlingen, verdauen nicht richtig. Zucker ist überhaupt die größte Sünde, wie Junk-Food – all das füttert den Feind, die schlechten Bakterien nehmen überhand. Die Folge: Völlegefühl, Müdigkeit, Erschöpfung, Rückenschmerzen, ständiger Heißhunger. Die Hastigen schlürfen Suppe oder zum Frühstück einen Pflanzenbrei, dazu kommt ein Viertel gekochte Birne rein, um der Verdauung auf die Sprünge zu helfen. F wie FastenGenerell isst jeder heute zu viel. Fasten bezieht sich auf alles in dieser Klinik, nicht nur auf den Totalverzicht, sondern aufs grundsätzliche Entgiften und wie neu werden. Als würde eine Reagenzbürste in den letzten Windungen Ihres Körpers das ganze Verrußte wegputzen, sodass es danach wieder blitzt und blinkt. Unerlässlich: Trinken, trinken, trinken, am besten 3,5 Liter (Wasser, Tees) – nur nicht zu den Mahlzeiten. Verdünnt sonst wichtige Nährstoffe. G wie GlaubersalzDas Salzkammergut ist weltberühmt. Schon die Luft schmeckt wie ein Salz-Lolli! Das Glauber- oder Bittersalz für die Entgiftung wird quasi vor der Tür abgebaut. H wie HausmittelFußbad, Schröpfen, Heuwickel: Hausmittel gepaart mit Hightech ist die moderne Medizin. Eine Pflegerin erklärt: „Früher ist man mit dem Lebewickel schlafen gegangen heute können wir Anwendungsbereiche viel genauer definieren.“ Der Trend geht zur Bio-Kosmetik, uralten Kräuterrezepten, die jetzt in neuen Formeln auf einen speziell definierten Anwendungsbereich eine ganz neue Wirkung zeigen können. I wie InfusionEntzündungen im Körper sind die Ursache vieler Krankheiten. Neben der Ernährung sollen Wellness-Infusionen helfen, die man sich legen lässt: Die Drip-Bar bietet etwa Vitamine und Mineralien am Tropf, Haut-Haare-Nägel-Booster. J wie JuchzenAuf der Terrasse liegen zwei Münchner in der Sonne und schwärmen jodel-jauchzend von Biergärten. „Mal den Hirschbraten im Osterwaldgarten probiert, die Brezenknödel!?“ Sofort abgebogen. Schon 18 Uhr. Wo nur die Zeit hingeht? Ich beende den Tag mit einem Bad im Gebirgssee. Blick auf die umliegenden Gletscher. Dieser Ort ist wie Ferien von Verpflichtungen und Realität. Man regrediert und hat abends im Bett das Gefühl, dass man einsinkt in die Matratze. Irgendwann Tiefschlaf. Keinen Traum.K wie Kurschatten Es gibt eine Art Lagerfeuer, am Kamin im Foyer trifft sich, wer will nach dem Abendessen (Brühe, kleiner, steinharter Brottaler als Kautrainer). Es begegnen sich Menschen aller Couleur auf dem Laufsteg der Bademäntel. Manche ziehen sich auch extra hübsch an – als Durchhaltemotivation. Man unterhält sich auch, kurz, aber ohne Kurschatten-Gedanken. Jeder hier ist eher ein Schatten seiner selbst – zu vergeistigt, fast schwebend, für einen Fasten-One-Night-Stand. Lesen Sie auchL wie LambadaDazu Aqua-Jogging mit Manschetten an den Füßen – immer rührend. M wie MittagessenEs ist ein wenig wie im Büro oder Krankenhaus – langsam pendelt sich das reine Denken an die Mahlzeiten ein: 12 Uhr 30 – endlich Mittagessen. Unter der Cloche: ein daumengroßes Stück geräucherter Saibling im Dill-Bett, dazu eine Reismehlstange als Kautrainer. Je mehr man den Körper ruhen lässt, desto hellhöriger wird man wieder für anderes. Und kommt das Denken, kommen die Fragen: Bei wem könnte ich mich vielleicht mal entschuldigen? Etwas löst sich. N wie NährwertWie bei einer Maschine: Ohne Öl läuft nichts – aus Trauben, Nüssen, Samen, Früchten. Nie wieder Butter! Abends noch lange gelesen: Kochrezepte.O wie OzonBei der Ozon-Therapie wird Blut abgenommen, mit Ozon angereichert und dem Körper zurückgeführt. Man fühlt sich wie neu wiedergeboren, als aufgepumpte Luftmatratze. P wie PrimaHalbzeit. Erste Erinnerungen an die Außenwelt tauchen wieder auf. Vorfreude auf zu Hause, und darauf, überhaupt mal wieder einen Tagesablauf zu haben, der nicht nur durch Essen und Behandlungen dominiert wird, so gut es tut. Q, R, S wie StrongevityEs geht nicht nur darum, länger zu leben, sondern um Resilienz. Man ist umgeben von dieser mächtigen Natur und dem permanenten Wetterkino in den Bergen – und will standhalten! Als Zuckerschlecker hat man gegen die Nordwand des Dachsteins keine Chance. T wie TrashEs geht nicht um Hungern, Verzicht, sondern die Klinik sagt dir, wie viel du in Wirklichkeit brauchst und wie sehr wir uns um unseren Genuss berauben. Alles, was wir uns zu Hause in uns rein futtern, ist Überfluss, der krank macht. In der klinikeigenen Kochschule kann man all die frischen Rezepte lernen, um sie zu Hause nachzukochen. Man muss nicht mal groß kochen können, es reicht oft schon, nur mal anders einzukaufen, die Geduld aufzubringen, ein Gemüse zu schälen und neue Gewürze auszuprobieren, statt schnell ein Fertigprodukt zu verputzen. U wie Uhr4.30 Uhr aufgewacht, ich fliege aus dem Bett – um den See spaziert, Störche gesehen, ich fühle mich leicht wie eine Daune. Völlig neue, aber nicht unangenehme Körpergefühle. Der Gang ist leichter, die Haut weicher, das Gewebe fester, wen' s interessiert.V wie VitalitätDirndl anprobiert in Bad Aussee – der Region, in der sich die Habsburger und der Adel traditionell für Kuren und Jagden versammelten. Keins gekauft. Größe 34 gab‘s nicht (kleiner Witz). Im Biergarten Kamillentee getrunken. Wenn er was erreichen will, ist er eisenhart, der Mensch. Lesen Sie auchW wie WatsuBeim Wasser-Shiatsu ist das Wasser 36 Grad warm. Wer mit der Körperlichkeit fremder Menschen zurechtkommt, schließt die Augen und lässt sich von einem Birth-Tank-Trainer im, über und unter dem Wasser wenden und drehen. Nach dem Floating schläft man wie ein Baby. X, Y, Z wie zurück ins LebenAls wäre man nicht von dieser Welt. Eine Woche ist ein guter Startschuss. Es empfiehlt sich, 2 bis 3 Wochen zu Hause weiterzukuren. Danach ist man clean – aber süchtig nach der Klinik.