PfadnavigationHomeICONISTTrendsHaltungLasst uns bitte alle etwas uncooler sein!Von Frank LorentzVeröffentlicht am 08.09.2025Lesedauer: 7 MinutenNur ein Klischee, klar, aber Nerds gelten noch immer als die Uncoolsten überhaupt. Das ist nicht das SchlechtesteQuelle: Getty Images/Nick DoldingCoolness ist eine Sehnsuchtseigenschaft: Alle wollen nur noch ihr Ding machen, souverän sein, weder Schwäche noch Verletzlichkeit zeigen. Geht’s noch? Ein Plädoyer dafür, ruhig auch mal Emotionen zu zeigen.Es wird wohl niemandem auch nur im Traum einfallen, Leonard Cohen als uncool zu bezeichnen. Doch dem 2016 verstorbenen Musiker wird folgendes Zitat zugeschrieben: „Cool-Sein ist die neue Orthodoxie. Ich wusste nie, was das ist. Soweit ich das beurteilen kann, besteht Coolness darin, niemanden zu brauchen. Ich habe immer alle gebraucht, deshalb konnte ich nie cool sein.“ Die Mehrheit der Menschen dürfte das anders sehen. Coolness – die Fähigkeit, stets einen kühlen und distanzierten Eindruck zu erwecken, bloß nichts an sich heranzulassen und keine Schwäche, Betroffenheit oder gar Verletzlichkeit zu zeigen – ist eine bis in die hintersten Weltwinkel verbreitete Sehnsuchtseigenschaft. Diesen Sommer erlebt sie mal wieder eine Blütezeit.Kürzlich zum Beispiel vermeldete die Zeitschrift „Geo“: „Darwins Ururenkelin will die Natur wieder cool machen.“ Die „Rheinische Post“ fragte: „Ist die US-Kultur seit Donald Trump noch cool?“ Die Aufzählung ließe sich mühelos verlängern. Einen Peak erreichte der Hype, als das US-amerikanische „Journal of Experimental Psychology“ jüngst die Studie „Cool People“ veröffentlichte. Das Ergebnis der von zahllosen Medien und Plattformen rauf- und runterzitierten Studie: Überall auf der Welt verstehen die Menschen heute dasselbe unter Coolness, nämlich die Kombination von sechs Eigenschaften: Extrovertiertheit. Hedonismus. Macht. Abenteuerlust. Offenheit. Unabhängigkeit.Lesen Sie auchVor allem Unabhängigkeit – die Freiheit, tun und lassen zu können, was man will. „Ich mach mein Ding, egal, was die andern sagen“, wie Udo Lindenberg in seinem Mitgröl-Song „Mein Ding“ nuschelt, eigentlich ein cooler Popsong. Es sei denn, man erlebt Clemens Tönnies, den steinreichen westfälischen Großschlachter und Ex-Aufsichtsratschef von Schalke 04, wie er seinem Hobby frönt und ihn bei einer Betriebsfeier karaokemäßig aufführt. Dann kippt der Song ins bodenlos Uncoole – plötzlich versteht man ihn nur noch als Heiligsprechung von Eigensinn und Selbstherrlichkeit. Worum handelt es sich, wenn von Coolness die Rede ist? Um eine globalisierte Superfähigkeit? Oder den Sargnagel für Gemeinsinn und Miteinander? Zunächst einmal ist festzuhalten: Coolness wird einem Menschen zugeschrieben, ähnlich wie Charisma oder Genie. Niemand, der noch bei Trost ist, sollte sich hinstellen und tönen: „Guckt mal, wie cool ich bin!“ Darum war es ein besonders uncooler Move, als Ende vergangenen Jahres Noch-Kanzler Olaf Scholz (SPD) in einem Fernsehinterview kundtat, er halte sich in Staatsangelegenheiten für „cooler als Friedrich Merz“ (CDU). Noch uncooler war höchstens, wie CSU-Chef Markus Söder reflexartig gluckste, er kenne keinen uncooleren Politiker als Scholz.Lesen Sie auchAn anerkannten Galionsfiguren der Coolness herrscht derweil kein Mangel. Die SPD-Kanzlerlegende Willy Brandt gilt als Inbegriff des coolen Politikers: authentisch, willensstark, mutig, unverbiegbar. Der Schauspieler Steve McQueen galt als „King of Cool“. Der Jazzmusiker Miles Davis wiederum veröffentlichte 1957 das Album „Birth of the Cool“, welches sich als Meilenstein der Musikgeschichte entpuppte und bewirkte, dass Davis und Coolness seither zusammengehören wie Dur und Moll. Zur vollen Wahrheit gehört aber auch, dass der genialische Trompeter jenseits der Bühne eine autoritäre Person mit erheblichen Arschlochqualitäten gewesen sein soll – ausgesprochen uncool.Womit angedeutet sei: Coolness ist ein komplexes, ambivalentes Phänomen. Man ahnt instinktiv, was darunter zu verstehen ist. Zugleich erweist es sich als so griffig wie Schmierseife. Das macht es nur um so schillernder und attraktiver und führt dazu, dass ihm viele Aufsätze und Bücher gewidmet sind. Zu nennen ist beispielsweise „Cool“, eine kulturphilosophische Untersuchung des WELT-Herausgebers Ulf Poschardt, die davon handelt, wie das Individuum in einer Zeit der sozialen Kälte sich selbst gewissermaßen einfriert, um die Gegebenheiten auszuhalten. Oder Tom Holerts Aufsatz „Cool“, im Buch „Glossar der Gegenwart“ erschienen und mit dem Satz beginnend: „Es gibt gute Gründe, sich gar nicht erst an einer Definition von Cool zu versuchen.“ Oder der auf visuelle Reize statt auf Gedanken setzende Fotoband „Coolness – Die lässige Eleganz der Freiheit“ des Werbemanns Michael Köckritz. Auf dem Cover: das Schauspielerpaar Romy Schneider und Alain Delon, zwei Ikonen der Coolness. (Mit dem Schicksal von Romy Schneider, die ihren Sohn verlor, als er ein Kind war, und sich mit 43 Jahren umbrachte, möchte freilich niemand tauschen.)Lesen Sie auchKeinesfalls vom Aussterben bedroht sind auch „How to be cool“-Listen. Das Lifestyle-Männermagazin „Esquire“ listete unlängst 38 Tipps auf, wie man es schafft, „wirklich cool“ zu sein, darunter Banalitäten wie: „Jeden Tag was erleben.“ Okay, aber was genau? Bungee-Jumping vom Shanghai Tower? Oder reicht es, ein gutes Buch zu lesen? Noch fragwürdiger der Tipp: „Das eigene emotionale Konto beherrschen wie ein Börsenprofi.“ Oha. Soll man seine Gefühle nur gewinnbringend investieren?Nach den Worten von André Schütte, Erziehungswissenschaftler an der Universität Siegen und mit Phänomen der Popkultur befasst, speist sich der Mythos des Coolseins vor allem aus zwei Elementen: Individualität und Autonomie. Beide, wie er sagt, „hervorragend kapitalisierbar“. Coolness und Kapitalismus – das passt, wie sich seit den 1960er-Jahren erweist, als die Marketingabteilungen von Konzernen damit begannen, das souverän entscheidende Konsumenten-Individuum zu entdecken und in Kampagnen zu feiern, besonders anschaulich in der Fashion-Industrie, die der Kunst der inszenierten Pose und der Unnahbarkeit verschrieben ist. „Geht es um Coolness, dann geht es immer auch um Distinktion, um Abgrenzung. Und damit um Wettbewerb und Konkurrenz“, sagt André Schütte. Außerdem um das Verächtlichmachen derer, denen es nicht vergönnt ist, zum erlauchten Kreis der Coolen zu gehören.Tom Holerts Aufsatz „Cool“ endet mit der Feststellung: „Grausamkeit bleibt eines der zentralen Merkmale des Cool.“ Der böse Kern steckt der Coolness gleichsam in den Genen. Ihren Ursprung hat sie nämlich in der afroamerikanischen Kultur der 1920er-Jahre, die in den USA von Rassismus und Diskriminierung geprägt waren. Um ihren Protest gegen die Verhältnisse auszudrücken, legten sich die Nachkommen der Sklaven eine demonstrativ kühle, regelrecht entemotionalisierte Haltung zu – die einzige Möglichkeit für sie, sich zu behaupten. Zugleich die Geburtsstunde von „Cool“, einer Kulturtechnik, deren Ursprung folglich politisch ist und von Widerstand erzählt. Darum hat Coolness bis heute diesen Beiklang von Negativität: Sie ist gegen etwas gerichtet, nie für etwas. Sie grenzt aus, hält auf Abstand.Nur Jugendliche sollten in cool/uncool unterscheiden Wenn heutzutage der Versuch unternommen wird, Coolness als eine Art Schlüsseleigenschaft aufzubauen, die helfen kann, komplizierte Aufgaben zu lösen – Beispiel: Wie schaffen wir es, dass Demokratie und Umweltschutz als cool empfunden werden? –, dann liegt möglicherweise ein grobes Missverständnis vor. Coolness ist ein Spaltpilz. Erziehungswissenschaftler Schütte mag darum allenfalls Jugendlichen zugestehen, sich am Coolsein zu orientieren. In dieser Lebensphase sei Abgrenzung wichtig, um sich über die eigene Identität Klarheit zu verschaffen. „Für Jugendliche kann es hilfreich sein und manchmal auch befreiend wirken, die Welt in cool und uncool zu teilen und sich dann in Richtung Coolness zu bewegen.“Als Erziehungsziel taugt Coolness ihm zufolge jedoch nicht. „Erziehungsziele sind per se nicht cool, weil hier das Dagegensein nicht im Vordergrund steht. Vielmehr geht es darum zu lernen, aus guten Gründen für etwas zu sein. Für etwas einzustehen, vielleicht auch gemeinsam mit anderen. Das ist nicht cool, aber wichtig.“Lesen Sie auchEin weiterer Punkt, der gegen Coolness spricht: Extrem rechte Parteien und Positionen werden zunehmend als cool empfunden, erschreckenderweise insbesondere von jungen Leuten. Wie kann das sein? Dem Wissenschaftler zufolge hat es damit zu tun, dass Coolness diesen verführerisch rebellisch anmutenden Wesenskern hat. Und extrem rechte Parteien letztlich immer nur gegen etwas sind und sich als Widerstandskämpfer inszenieren – das harmoniert mit der Anti-Haltung, die der Coolness eigen ist. Will man verhindern, dass die Gesellschaft auseinanderfällt wie ein 1000-Teile-Puzzle, das jemand vom Tisch fegt, wäre es hingegen eine gute Strategie, auf Empathie zu setzen. Die Fähigkeit, Fehler und Unsicherheiten zuzugeben. Einzugrenzen, statt auszugrenzen. Lauter Verhaltensweisen, die leider als maximal uncool gelten.Sollten wir also mehr Leonard Cohen wagen? Die Coolness vom Sockel stürzen? Unbedingt. Nie war Coolsein uncooler und unangebrachter als heute. Das deutsche Model Anna Hiltrop, 2022 zum „Model Icon of the Year“ gekürt und seit Jahren für Nachhaltigkeit und Umweltschutz engagiert, erwidert auf die Frage, was sie als cool empfindet: „Kindness is the new cool! Einfach mal nett sein, anderen einen Gefallen tun, die Welt einfacher und leichter machen, anstatt immer nur ‚cool’ zu tun.“ Das ist doch mal ein Anfang.