PfadnavigationHomeIconIconsHaltungWie man in unsanften Zeiten ein Gentleman bleibtVeröffentlicht am 24.07.2025Lesedauer: 6 MinutenIst doch nett hier: Zwei Gentlemen picknicken beim Glyndebourne Opera-FestivalQuelle: M. LengemannWer die Weltlage betrachtet, glaubt rasch, dass Härte das Gebot der Stunde sei. Aber Krieg, Hetze und Fundamentalismus rechtfertigen nicht, einfach mal alle Manieren verschwinden zu lassen. Ein Plädoyer für freundliche Männer.Harte Zeiten erfordern harte Menschen. Diese Aussage mag nach der ultimativen Binsenweisheit klingen, aber falsch ist sie nicht. Dass eine solche Situation schwierig für Zeitgenossen ist, bei denen es sich der wörtlichen Übersetzung zufolge um sanfte Männer handelt, sollte von ganz allein einleuchten: Krieg, erstarkender Extremismus und unbegrenzte Möglichkeiten, in der digitalen Welt jeden persönlich zu beleidigen, wie, wann und wofür man will – da ist es absurd, davon auszugehen, Sanftmut könne einem im täglichen Mit- und Gegeneinander helfen. Trotzdem ist der Mythos des Gentlemans höchst lebendig. Der Kult, der um diese Figur gemacht wird, scheint unverwüstlich zu sein, ganz egal, wie es auf dem Planeten zugeht. Um Missverständnissen vorzubeugen: Der Verfasser dieses Textes begreift sich nicht als Gentleman – er lässt zu oft Eigenschaften vermissen, dieser Sorte Mann zugeschrieben werden, andere hat er nie besessen. Er will deshalb niemanden persönlich belehren, sondern durch eine idealtypische Zuspitzung verdeutlichen, was es zu gewinnen gibt, wenn man sich bemüht, dem Ideal nachzueifern. In Deutschland ist die Lage verzwickt. Das Prädikat „Gentleman“ muss seit Langem als Lob für Männer herhalten, die eine halbwegs passable Kinderstube hatten. Dies hat ein Prekariat angeblich sanfter Männer hervorgebracht: Erstens kommt bald jeder, der einer Frau gelegentlich die Tür aufhält, in den Genuss der Bezeichnung. Zweitens schreiben sich Männer die Auszeichnung zu, die in oft genug überteuerten Anzügen mit Einstecktuch durch die Weltgeschichte spazieren – ganz so, als ob ein Dreiteiler Herz und Hirn ersetzen könnte und sie automatisch zu einer Art Cary Grant machen würde. Lesen Sie auchDer historische Urtypus aber umfasst viel mehr. Am Anfang steht der Engländer George „Beau“ Brummell (1778-1840). Er erfand im beginnenden 19. Jahrhundert die Uniform für das aufkommende Bürgertum – anders als die Kleidung des Adels, die auf so viel Pomp wie möglich aufbaute, sollte die neue Schicht unauffällig daherkommen. Was auffiel, war bei Brummell als Effekthascherei verpönt; er persönlich zog sich sogar täglich mehrfach um, damit er zu jeder Gelegenheit etwas Passendes trug. Brummell stand damit gleich für zwei Figuren Pate, die das Image des britischen Empires in der Welt entscheidend prägten. Zum Gentleman, der mit seinen guten Manieren und im Fall einer Katastrophe äußerstem Gleichmut glänzte, kam mit dem Dandy ein böser Bruder. Diese Gestalt folgte Brummells Tradition nach, sich möglichst viel um ihr Äußeres zu kümmern – und das endete darin, dass sie sich praktischerweise gar nicht mehr für ihre Mitmenschen interessierte.Lesen Sie auchTrotzdem muss man die Dandys zumindest teilweise in Schutz nehmen. Ganz wie der irische Schriftsteller Oscar Wilde – das ewige Idol – legten sie einen sinistren Humor an den Tag, der sich über die eigene Prunksucht lustig machte. Das wilhelminische Deutschland des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts dagegen war kein Ort für Ironie, es war ein Ort für Pathos. Deshalb gab es hierzulande keine Dandys. Der britische Gentleman stieg dagegen im Deutschen Reich zum heimlich beneideten Ideal lässiger Maskulinität auf. Gleichzeitig raubte die kosmopolitische Nonchalance, mit der die Briten ihr Weltreich zusammenhielten, den Deutschen den letzten Nerv. In der Mitte Europas regierte nicht zuletzt die Trias „Hacken zusammen, Hände an die Hosennaht, Schnauze halten!“ Es blieb den Deutschen also nichts anderes, als die Gentlemen auf der Insel im Verborgenen zu bewundern und offiziell als dekadent zu schmähen. Ein wenig Wahrheit war an dieser Beleidigung sogar dran. Die „effortless superiority“ – also das Dogma, Überlegenheit auszustrahlen, ohne sich dafür anstrengen zu müssen – bewirkte bei einem gewissen Teil der erlauchten Insulaner, sich besser gleich gar nicht mehr anzustrengen, damit es mit dem „effortless“ auch ganz bestimmt klappte. Wer es sich finanziell leisten konnte, hing im Club oder beim Schneider rum, ging auf die Jagd, angelte, beobachtete Vögel, frönte sonst noch ein paar abseitigen Hobbys mehr und schüttete bereits zu eher früher Stunde erkleckliche Mengen Schnaps in sich hinein.Gleichzeitig begannen die Deutschen in großem Stil Industrieprodukte höchster Qualität auf den Markt zu bringen, sodass sie die Briten zu Beginn des 20. Jahrhunderts wirtschaftlich abhängten. Bald darauf starb das alte Europa zwischen 1914 und 1918 in den Schlachten des Ersten Weltkriegs. Was in Deutschland auf die Niederlage folgte, war – wir wissen es – noch weit schlimmer als das Reich der Hohenzollern. Doch auch das stolze Empire rottete vor sich hin, und Dandys wie der Schriftsteller Evelyn Waugh schwangen sich zu amüsanten Chronisten dieses Verfalls auf. Geblieben ist von all dem, dass es auf den britischen Inseln ein Sonderbewusstsein gibt, das sich beispielsweise in einer für Deutsche nur schwer zugänglichen Höflichkeitskultur ausdrückt. Wenn ein Deutscher „Nein!“ meint, sagt er: „Nein!“ Wenn ein Brite aus der Oberschicht „Nein!“ meint, sagt er: „Das könnte jetzt ein ganz klein wenig schwierig werden.“ Lesen Sie auchÄhnliches gilt für den Humor. Ein Brite wird höchstwahrscheinlich zum Beginn eines Gesprächs eine Anekdote präsentieren, die ihn schlecht aussehen lässt, etwa: Wie ich beim Kuchenbacken mit meiner Tochter völlig versagte. In seiner Heimat kann er sich darauf verlassen, dass alle wissen: Einen Witz, den man auf eigene Kosten reißt, kann kein anderer mehr machen. Nur bis nach Deutschland hat sich das anscheinend nicht herumgesprochen. Was aber folgt daraus für die Gegenwart? Arthur Schopenhauer stellte bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts fest, die bürgerliche Ehre hänge an dem, was man nicht tue – morden beispielsweise oder stehlen oder jemanden betrügen. Weil der Begriff Gentleman ein breites Spektrum von Bedeutungen zusammenfasst, ist es wohl am besten, bei dieser Figur ähnlich vorzugehen, denn mehr noch als über sein Tun definiert sich ein Gentleman über das, was er lässt.Lesen Sie auchAls da – ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit – wäre: systematisch lügen oder Menschen hypen, die es tun; öffentlich die Contenance verlieren; Diskussionsgegner anschreien; unliebsame Menschen verhöhnen; vor blanker Macht kriechen; ohne Sachkenntnis über ein Thema sprechen; sich nach Schutz im Autoritären sehnen; die eigene Position für die ultimativ richtige halten, ohne zu fragen, was gegen sie sprechen könnte; Gelehrsamkeit simulieren; Leute unter Druck setzen, die anders denken als man selbst; vollständige Lösungen für Probleme versprechen, für die es keine vollständige Lösung gibt; die eigene Leistung beschönigen; Konkurrenten verpetzen; die Seiten wechseln, wenn man sich davon einen Vorteil verspricht. Es wird Menschen geben, die das für eine derartig rigide Moral halten, dass sie von Tugendterror sprechen. Und sicherlich ist daran so viel richtig, dass es niemandem gelingt, dieses Programm immer und überall durchzuhalten (und Dinge wie fröhliche Lästereien müssen für den emotionalen Haushalt einfach erlaubt sein). Allerdings hat nie jemand behauptet, es sei leicht, ein Gentleman zu sein. Der britische Ausspruch dazu lautet: Adlig wird man geboren, zum Gentleman muss man sich erziehen. In harten Zeiten mehr denn je.
Haltung: Wie man in unsanften Zeiten ein Gentleman bleibt - WELT
Wer die Weltlage betrachtet, glaubt rasch, dass Härte das Gebot der Stunde sei. Aber Krieg, Hetze und Fundamentalismus rechtfertigen nicht, einfach mal alle Manieren verschwinden zu lassen. Ein Plädoyer für freundliche Männer.






