PfadnavigationHomeGeschichteWahljahr 2005„Ein Weiter-so darf es nicht geben“, versprach Angela MerkelVeröffentlicht am 01.09.2025Lesedauer: 6 MinutenVor 20 Jahren forderte Angela Merkel ein Ende des „Weiter so“. WELT-Historiker Sven Felix Kellerhoff bilanziert: Viele Reformversprechen blieben unerfüllt. „Es hat sich eher in die entgegengesetzte Richtung entwickelt“, sagt Kellerhoff bei WELT TV.Am 28. August 2005 hielt die CDU-Vorsitzende ihre wichtigste Rede im beginnenden Bundestagswahlkampf. Ein Wiederlesen nach zwei Jahrzehnten und der Vergleich mit Merkels Memoiren ergibt Erstaunliches.Die Ansage war unmissverständlich: „Deutschland steht wie 1949 vor einer entscheidenden Weichenstellung“, verkündete Angela Merkel am 28. August 2005 in der Dortmunder Westfalenhalle. Neben rund 750 Delegierten waren zusätzlich etwa 10.000 Parteimitglieder geladen, um dem Sonderparteitag der CDU zur vorgezogenen Bundestagswahl am 18. September einen passenden Rahmen zu geben. 1949 sei es um den Aufbau des Landes gegangen, nun gehe es um „die zweiten Gründerjahre“.Unter dem Jubel der CDU-Anhänger versprach sie: „Eine von mir geführte Bundesregierung wird geprägt sein vom festen Willen zur Erneuerung unseres Vaterlandes.“ Die rot-grüne Koalition von Bundeskanzler Gerhard Schröder habe eine „katastrophale Bilanz“. Daher bekannte die 51-jährige Politikerin: „Ein Weiter-so darf es nicht geben.“Oft wich ihre Rede ab von der schriftlichen Fassung, die vorab an Journalisten verteilt worden war. „Mein Ziel ist ein Land voller Chancen. Ein Land, das alle Anstrengungen unternimmt, um jedem den Zugang zur Ausbildung und zu Arbeitsplätzen zu verschaffen“, sagte sie zum Beispiel. Offensiv verteidigte Merkel das CDU-Konzept, die Mehrwertsteuer zu erhöhen, um Arbeitskosten zu senken. Bürokratie müsse abgebaut und der Arbeit „Vorfahrt“ eingeräumt werden – statt immer neuer und stets zu hoher Lohnersatzleistungen, wie die Zuhörer angesichts der vorangegangenen Streitereien in Berlin mühelos ergänzen konnten. Familien verdienten Zukunft und dafür die Unterstützung der Politik. „Merkel sagt nichts, was sie nicht auch in den vergangenen Wochen gesagt hat“, berichteten die WELT-Reporter Ansgar Graw und Hans-Jürgen Leersch aus der Westfalenhalle, „aber sie, die sonst eher doziert, wird in Dortmund zur leidenschaftlichen Rednerin.“Schon beim Einzug der Parteigrößen hatte die sonst eher bürgerlich-ruhige Parteibasis ungewohnt frenetisch gejubelt. Altkanzler Helmut Kohl bekam, seiner höchst kontraproduktiven Rolle in der CDU-Spendenaffäre 1999/2000 zum Trotz, großen Applaus – in den Jahren seiner letzten Amtszeit war der Beifall auf Parteitagen für ihn stets deutlich spärlicher gewesen, registrierten die WELT-Reporter. Auch Niedersachsens erst 46 Jahre alter Ministerpräsident Christian Wulff erhielt einen weit über normalen Klatschpegel liegenden Applaus. Geradezu Ovationen gewährte das Publikum dem Steuerexperten Paul Kirchhof, dem wichtigsten Mitglied von Merkels „Kompetenz-Team“.Lesen Sie auchZwei Jahrzehnte nach dem Sonderparteitag lässt sich Bilanz ziehen: Hat Angela Merkel, die mit 5861 Tagen als Bundeskanzlerin 2005 bis 2021 nur neun Tage kürzer amtierte als Kohl 1982 bis 1998, ihre Versprechen eingelöst?Lesen Sie auchZunächst stellt sich die Frage, wie denn Merkel selbst in ihren Ende 2024 erschienenen Erinnerungen mit dem eigenwilligen Titel „Freiheit“ über diesen Parteitag berichtet. Das erstaunliche Ergebnis der Lektüre lautet – gar nicht. Stattdessen findet sich folgende Passage: „Von August 2005 an übernahm Petra Keller, eine zu DDR-Zeiten beim Fernsehen fest angestellte und seit der ­ Deutschen Einheit insbesondere beim Rundfunk Berlin-Brandenburg freiberuflich arbeitende Visagistin, diese Aufgabe. In unzähligen Stunden stand sie mir zur Seite – bis heute. Sie schaffte es, aus meinen Haaren eine Frisur zu machen.“ Interessante Prioritäten für die Memoiren einer ehemaligen Kanzlerin. Da überrascht es dann auch nicht, dass auf den ganzen 706 Textseiten der Name Paul Kirchhof genau einmal vorkommt. Merkel spricht von seinem „Flat-Tax-Steuermodell“ und beschreibt den früheren Richter am Bundesverfassungsgericht immerhin als „Finanzexperten in meinem Kompetenzteam“. Doch kein Wort davon, dass eben diese – nie angegangene, geschweige denn umgesetzte – Steuerreform das zentrale Element der CDU-Wahlkampagne 2005 war. Interessanter als die rundum enttäuschenden, geschwätzigen Merkel-Memoiren ist ohnehin der Vergleich von Wahlversprechen und realisierter Politik. Natürlich konnte die erste Bundeskanzlerin in einer Koalition mit der SPD (für ein schwarz-gelbes Bündnis reichte es wegen unerwarteter Verluste für die Kandidatin Merkel trotz starker FDP nicht) nicht das Wahlprogramm der CDU vollständig umsetzen – das geht in Koalitionen nie. Aber wie viel blieb von ihren Ankündigungen übrig?Die wirtschaftlichen Rahmendaten scheinen zunächst dafürzusprechen, dass Merkel ihr Versprechen einer „entscheidenden Weichenstellung“ hin zu einer besseren Zukunft einlösen konnte: Während die Kanzlerschaft von Gerhard Schröder seit dem Implodieren der Dotcom-Blase am „Neuen Markt“ im März 2000 von ökonomischem Niedergang geprägt war, besserte sich die Lage schon 2006 deutlich – trotz der Finanzkrise 2008/09 und der Eurokrise 2010/11. Die Arbeitslosenquote sank zwischen 2005 und dem Beginn der Corona-Krise 2020 um 58 Prozent, die Zahl der Beschäftigten stieg im selben Zeitraum von 26,3 auf 33,3 Millionen. Schaut man aber genauer hin, so zerbröseln diese vermeintlichen Indizien für eine erfolgreiche Politik Merkels: Die Entspannung auf dem Arbeitsmarkt ging nahezu ausschließlich auf die Hartz-Reformen zurück, die den SPD-Kanzler Schröder seinen Posten gekostet hatten – und mit denen er schon bald nach dem Abschied von der Macht nichts mehr zu tun haben wollte. Im Gegenteil begann die Aufweichung der ursprünglichen Hartz-Reformen bereits bald nach Antritt der schwarz-roten Koalition.Auch das Versprechen, Arbeitskosten zu senken, wurde nicht eingelöst. Stattdessen stiegen sie von 2005 bis 2021 um 36,5 Prozent. Den zusätzlichen Anstieg um weitere elf Prozent allein im Jahr 2022 muss man Merkel wegen ihrer Energiepolitik ebenfalls größtenteils anrechnen, obwohl sie nicht mehr im Amt war. Besonders drastisch fiel das Versagen hinsichtlich des Themas Bürokratie auf. Statt hier abzubauen, legte allein die Zahl der Beamten in den Bundesministerien zwischen 2010 und 2021 um 59 Prozent zu: von 17.000 auf fast 27.000; Angaben für die Entwicklung 2005 bis 2009 liegen nicht vor. Noch deutlich stärker nahmen die Stellen im Kanzleramt zu, dem unmittelbaren Verantwortungsbereich der Kanzlerin: von 490 im Jahr 2005 auf 818 Mitarbeiter 2021, jeweils gezählt zum Stichtag 30. Juni. Das entspricht einem Zuwachs von 67 Prozent. Bürokratieabbau sieht anders aus.So kann man Merkels Rede am 28. August 2005 Punkt für Punkt durchgehen und jeweils die Darstellung in den Memoiren der Ex-Kanzlerin sowie die bisher öffentlich bekannte Entwicklung danebenstellen. Für künftige Historiker wird es sicher eine lohnende Aufgabe, in etwa anderthalb Jahrzehnten die ersten Sachakten des Kabinetts Merkel im Bundesarchiv auszuwerten – zugänglich werden die Papiere laut dem 2017 umfassend überarbeiteten Bundesarchivgesetz 30 Jahre nach Entstehung der Unterlagen. Personenbezogene Papiere im engeren Sinne (eine pure Nennung des Namens genügt nicht, um aus einer zugänglichen Sachakte eine noch länger gesperrte Unterlage zu machen) hingegen werden nach geltendem Recht „frühestens zehn Jahre nach dem Tod der jeweiligen Person“ zugänglich: Sachakten dürften also deutlich früher auswertbar sein. Ohnehin weckt das Buch „Freiheit“ keine allzu großen Hoffnungen auf den Gehalt des künftigen Nachlasses von Angela Merkel. Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Er hat in verschiedenen Archiven mit Unterlagen der Bundeskanzler Konrad Adenauer und Helmut Schmidt gearbeitet.