Es gab sie natürlich auch in Österreich, die Szenen auf den Bahnhöfen. Freiwillige standen bereit, als am 5. September 2015 Tausende Geflüchtete am Wiener Westbahnhof ankamen. Sie reichten Getränke, Essen und Kleidung, dolmetschten, zeigten den Weg zu Schlafstellen rund um den Bahnhof. Und nachdem der erste Sonderzug mit einigen Hunderten Menschen aus Nickelsdorf an der ungarischen Grenze eingefahren war, da gab es auch in Österreich Applaus. Der Generalsekretär der Caritas, die damals im Einsatz war, sagte, er „habe das Gefühl, es wird heute ein Stück Geschichte geschrieben“.

Dieses Gefühl teilten vor allem ältere Österreicherinnen und Österreicher. Sie erinnerten sich an die vielen Ungarn, die nach der Niederschlagung des Volksaufstandes 1956 in Österreich Aufnahme gefunden hatten, an die Menschen, die nach dem gewaltsamen Ende des Prager Frühlings 1968 vor dem Kommunismus geflohen waren, oder an die Kriegsflüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien Anfang der Neunzigerjahre. Damals hatte sich sogar das österreichische Fernsehen an einer Hilfs- und Spendenaktion mit dem Titel „Nachbar in Not“ beteiligt.

Der 29-jährige Sebastian Kurz inszenierte sich als Gegenpol zu Angela Merkel

Doch nachdem sich der österreichische Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) mit Angela Merkel und dem ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán abgestimmt hatte, die Grenzen zu öffnen, veränderte sich die Atmosphäre in Österreich bald. Zum einen hatte die Politik nicht vor, die Geflüchteten im Land zu behalten. Von den etwa 700 000 Menschen, die 2015 nach Österreich kamen, stellten nur 90 000 einen Asylantrag. Zwar wollten die allermeisten ohnehin weiter nach Deutschland, Österreich tat aber auch einiges, um die Leute erst gar nicht zum Bleiben zu ermuntern. So wurden viele Geflüchtete bei der Ankunft nicht registriert, damit sie später nicht mehr aus Deutschland zurückgeschickt werden konnten.