Natürlich war es Franz Josef Strauß, wer sonst? Sucht man nach einer Antwort auf die Frage, warum die CSU in den vergangenen Tagen so vehement gegen den von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) angekündigten Teilstopp von Waffenlieferungen an Israel rebellierte, landet man tief in der bundesrepublikanischen Geschichte und: bei CSU-Übervater Strauß. „Franz Josef Strauß hat die Waffenlieferungen an Israel begonnen“, sagt Ludwig Spaenle, Antisemitismus-Beauftragter der bayerischen Staatsregierung.Spaenle ist einer von wenigen CSU-Politikern, die sich nach dem Krach über die Israel-Entscheidung des Kanzlers abwägend äußern. Die Absicht des Kanzlers, das Sterben im Gaza-Krieg verhindern zu wollen, „ist mehr als ehrenhaft und richtig“, sagt Spaenle. „Die Regierung Netanjahu handelt falsch.“ Doch dass Merz mit der Beschränkung von Rüstungsexporten eine lang gepflegte Praxis gegenüber Israel ändere, sei „unverständlich“. Das deutsche Bekenntnis zur Sicherheit Israels und der jüdischen Gemeinschaft sei „ein fundamentaler Eckstein des politischen Grundverständnisses“. Es dürfe nicht ins Wanken geraten, sagt Spaenle.SZ Bayern auf Whatsapp:Nachrichten aus der Bayern-Redaktion – jetzt auf Whatsapp abonnierenVon Aschaffenburg bis Berchtesgaden: Das Bayern-Team der SZ ist im gesamten Freistaat für Sie unterwegs. Hier entlang, wenn Sie Geschichten, News und Hintergründe direkt aufs Handy bekommen möchten.Er erinnert an Franz Josef Strauß, der als Bundesverteidigungsminister die Annäherung zwischen Deutschland und Israel Ende der 50er- und Anfang der 60er-Jahre geprägt hatte. In streng geheimen Begegnungen mit Shimon Peres, dem späteren Regierungs- und Staatschef Israels, fädelte der CSU-Politiker eine militärische Zusammenarbeit zwischen der BRD und Israel ein. Die israelische Delegation besuchte Strauß 1957 unter anderem in dessen Wohnhaus in Rott am Inn.„Rein rechtlich waren Strauß dabei die Hände gebunden“, heißt es in einem Aufsatz in den Münchner Beiträgen zur jüdischen Geschichte und Kultur, die von der Ludwig-Maximilians-Universität herausgegeben werden. Für Waffendeals benötigte er die Zustimmung des Bundeskabinetts. Dieses lehnte Waffen für Israel allerdings ab, um die arabischen Staaten nicht zu verprellen. „Die Akten zeigen, dass sich Strauß gegen Recht und politische Bedenken und für die Hilfe an Israel entschieden hatte“, heißt es in dem Aufsatz.Franz Josef Strauß lässt sich die Funktionsweise der israelischen Maschinenpistole „Uzi“ erläutern. dpaMit dem Segen von Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) lieferte Deutschland Panzer, Hubschrauber, Raketen. „Bis 1965 gelangte so Militärgerät im Gesamtwert von 334 Millionen DM nach Israel – unentgeltlich für den Empfänger“, schreibt der Historiker Hubert Leber in der Zeitschrift Zeithistorische Forschungen. Strauß erinnerte sich später, dass Waffen „heimlich aus den Depots der Bundeswehr geholt und hernach als Ablenkungsmanöver bei der Polizei in einigen Fällen angezeigt“ worden seien.Die Motive der Geheimhilfen waren vielschichtig. Einerseits sahen Adenauer und Strauß eine moralische Pflicht zur deutschen „Wiedergutmachung“ nach dem Massenmord an den Juden in der NS-Zeit. Andererseits verfolgten sie im Nahen Osten das strategische Ziel, dem Einfluss der Sowjetunion entgegenzutreten. „Zugleich konnte das deutsch-israelische Waffenprojekt als Ersatz für diplomatische Beziehungen gelten“, so Leber. Erst 1965 nahmen Israel und Deutschland offiziell Beziehungen auf.Israel-Politik:Wie Kanzler Merz das eigene Lager empört hatFriedrich Merz entscheidet ziemlich einsam, dass Israel für den Einsatz in Gaza keine Rüstungsgüter mehr aus Deutschland erhalten soll. In der Union ist die Empörung groß. Wie gut kennt der CDU-Chef seine Partei?„Strauß‘ Bereitschaft, Israel beizustehen und uns entschlossen seine Unterstützung zu gewähren, war in dieser Zeit außergewöhnlich und hat sich für Jahre danach fest in unserem Gedächtnis eingeprägt“, schrieb Shimon Peres 1985 im CSU-Blatt Bayernkurier. Bis heute hält die CSU am bedingungslosen Beistand zu Israel fest.Das erklärt zum Teil, weshalb die Kritik an Merz’ Waffenentscheidung so scharf war. Selbst der frühere CSU-Chef Horst Seehofer intervenierte aus dem Ruhestand: „Dieser außenpolitische Fehler wird lange fortwirken.“ Hinter den Kulissen fragen sich einflussreiche CSU-Politiker allerdings, wie lang die Partei noch bei ihrer Haltung bleiben kann. Der Krieg im Gazastreifen sei schon jetzt mit großem Leid verbunden. Wenn Israel wie angekündigt auch Gaza-Stadt vollständig einnehme, könnte dort ein Blutbad drohen.Dieses Szenario, so heißt es aus Parteikreisen, dürfte auch CSU-Chef Markus Söder bewusst sein. Das könne erklären, weshalb er sich bislang nicht persönlich zu Wort gemeldet und stattdessen Getreue wie den bayerischen Fraktionschef Klaus Holetschek vorgeschickt habe, der Merz’ Entscheidung als „falsch“ kritisierte. Von anderer Seite hört man, dass Söder schweige, weil er an einer Eskalation des Streits mit Merz kein Interesse habe.