PfadnavigationHomeICONISTNewsMedium der SehnsuchtPostkarten galten einst als „unanständige Mitteilung“ – heute stehen sie vor dem AusVeröffentlicht am 14.08.2025Lesedauer: 5 MinutenSeit dem 19. Jahrhundert wurden Karten mit lokalen Motiven (hier Acapulco) ein MassenphänomenQuelle: mauritius images/Travelling Tourist/Alamy/All mauritius imagesIn Dänemark endet ab kommendem Jahr der Postversand – und auch in Deutschland steht es schlecht um den analogen Gruß. Droht damit einer der letzten Sommer mit Ansichtskarten? Wie diese besondere Art der Kommunikation entstand – und was uns ohne sie fehlen würde.Die Ansichtskarte wurde im Herbst 1926 zur Weltliteratur. Da veröffentlichte Gottfried Benn in einer Zeitschrift sein Gedicht „Jena“, das von einer Karte handelt, die ihm seine Mutter einst „vom Ufer der Saale“ geschrieben hatte. „Jena vor uns im lieblichen Tale“, erinnert sich der Sohn an die ersten Worte. Und er schildert die Entstehung der Karte aus einer typischen Situation, wie sie in jeder Kulturgeschichte der Postkarte zitiert werden sollte: „Sie war in Kösen im Sommer zur Kur“ – möglicherweise schon im Zusammenhang mit der Krebserkrankung, die die Mutter 1912 qualvoll umbrachte.Das Motiv und die Qualität beschreibt der Dichter als typisch für das Massenprodukt Ansichtskarte: „Es war kein berühmtes Bild, keine Klasse,/ für lieblich sah man wenig blühn,/ schlechtes Papier, keine holzfreie Masse,/ auch waren die Berge nicht rebengrün.“ Die Psychologie hinter solchen Karten fasst Benn wunderbar zusammen: „Man glaubte, auch andere würden es sehn“ – also das Besondere, das die Absenderin in jenem Moment mehr gespürt als erblickt hatte. Das galt damals für Postkarten – heute ist es das Geheimnis von Instagram. Diese neue digitale Bilderwelt ist gerade dabei, ihren Vorläufer ins Grab zu bringen: Die dänische Post hat kürzlich angekündigt, von 2026 an keine Postkarten und Briefe mehr zu befördern. Die öffentlichen Briefkästen werden abgebaut. Begründet wird das – wie heutzutage jede Abwicklung eines Service – mit Fortschrittsgeschwafel: Dänemark sei mittlerweile eines der digitalisiertesten Länder der Welt, und man wolle sich als Post künftig auf die Kerndienstleistung Paketversand konzentrieren.Mehr ein Andenken denn zum Verschicken gedachtSo weit ist Deutschland noch nicht. Aber auch hier wird den Menschen, die noch fernschriftliche Kommunikationsformen pflegen wollen, dieser Habitus erschwert. Benns Mutter konnte dem Schreibimpuls, den sie spürte, als sie das Saaletal von der „hohen Warte“ der Kalksteinberge sah, sofort folgen: „Sie bat den Kellner um eine Karte.“ Und wie überall, wo Postkarten zu erwerben waren, gab es damals gewiss auch im Café gleich die nötigen Briefmarken dazu.Heute verkaufen derartige touristische Hotspots zwar immer noch Karten, und Buchhandlungen machen damit einen schönen Nebenprofit – aber es sind immer seltener die vielbespotteten Ansichtskarten, bei denen oft klischeemäßig die Sehenswürdigkeiten des Ortes zusammenfotomontiert wurden. Sondern Reproduktionen von Kunstwerken, historische Motive oder Gag-Karten. Sie sind recht teuer und mehr als Andenken zum Mitnehmen als zum Verschicken gedacht.Wenn man das dennoch tun möchte, wird es einem immer schwerer gemacht: Auch die Briefmarkenautomaten sind verschwunden, und in den wenigen verbliebenen Postfilialen gibt es keinen Einzelverkauf mehr. Briefkästen werden auch immer seltener geleert. Dafür ist das Porto für eine Karte mittlerweile genauso teuer wie für einen Brief. Die Post tut wirklich alles, um ihren Kunden klarzumachen, dass sie den ungeliebten Service gefälligst nicht mehr nutzen sollen. Wenn sie es dürfte, würde sie dem dänischen Vorbild folgen und den Versand von geschriebenen persönlichen Botschaften abschaffen. Der letzte Sommer mit Ansichtskarten rückt näher.Lesen Sie auchBegonnen hat es vor 160 Jahren: 1865 schlug der Postreformer Heinrich von Stephan die Einführung eines „offenen Postblattes“ als einfache und kostengünstige Alternative zum Brief vor. Zeitgenossen sahen dadurch das Briefgeheimnis und die guten Sitten bedroht. Der preußische Generalpostmeister beanstandete die „unanständige Form der Mitteilung“ und fürchtete sinkende Einnahmen.Doch die Zeit für die neue Idee war reif. Am 1869 wurde die „Correspondenzkarte“ in Österreich-Ungarn eingeführt. 1870 konnte Heinrich von Stephan – mittlerweile von Bismarck zum Generalpostmeister des Norddeutschen Bundes ernannt – seine Idee auch in Deutschland verwirklichen. In Berlin wurden am ersten Verkaufstag am 25. Juni 1870 mehr als 45.000 Correspondenzkarten veräußert.Bald kam man auf die Idee, diese Karten mit Bildmotiven zu schmücken. 1872 ließ die Post im jetzt vereinigten Deutschen Reich private, nicht von der Post hergestellte Motivkarten zu. Es war der Urknall eines neuen Gewerbes. Ab Mitte der 1890er-Jahre wurden dann Ansichtskarten zum Massenphänomen. Einst war sogar ein Brief- oder Kartenwechsel mehrmals hin und zurück