Der perfekt vorbereitete Livestream startete um 19 Uhr. Die gesamte Führungsriege präsentierte ein lang erwartetes Produkt – natürlich das „beste aller Zeiten“. Alle schwärmten in höchsten Tönen von revolutionären Funktionen. Nur ein Detail irritierte: Es ging gar nicht um das neue iPhone.
Der Star der Präsentation lautete GPT-5. So heißt das Sprachmodell, das der KI-Konzern Open AI am Donnerstagabend enthüllte. Im Stil eines Apple-Gottesdienst pries Gründer Sam Altman die Fähigkeiten des neuen KI-Systems. Es ersetzt alle bisherigen Modelle in Chat-GPT und steht den 700 Millionen Menschen, die den Chatbot mindestens wöchentlich nutzen, ab sofort zur Verfügung.
Der Erwartungen waren gewaltig. GPT-4 wurde vor zweieinhalb Jahren veröffentlicht, der Nachfolger hätte längst erscheinen sollen. Technische Schwierigkeiten, Rückschläge und hohe Kosten verzögerten die Entwicklung. Diese Zeit nutzte Altman, um abwechselnd seine Begeisterung und Beängstigung über GPT-5 auszudrücken. Beides erfüllte den gleichen Zweck: Open AI und sein Chef schürten einen teils irrationalen Hype.
Der schlechteste Zeitpunkt, um ein neues Produkt zu beurteilen, ist wenige Stunden nach Veröffentlichung. Das gilt erst recht für KI, deren Stärken und Schwächen sich erst zeigen, wenn man die Modelle über längere Zeit intensiv für unterschiedliche Aufgaben nutzt.













