PfadnavigationHomeDebatteArtikeltyp:MeinungNahostWenn wir Israel verraten, verraten wir uns selbstVeröffentlicht am 01.08.2025Lesedauer: 5 MinutenWELT-Chefredakteur Jan Philipp BurgardQuelle: Daniel Biskup/WELTBittere Ironie: Während sich die arabische Welt von der Hamas abwendet, wendet sich der Westen ihr zu. Aber eine Anerkennung Palästinas als Staat würde den Terror der Hamas auch noch belohnen. Kanzler Merz steht vor einem Charaktertest.Ein sechs und ein acht Jahre alter Junge sitzen am Küchentisch. „Papa ist tot, Papa ist tot“, sagt der Ältere weinend zu seinem Bruder und fragt: „Warum lebe ich noch?“. Der Jüngere sitzt über den Küchentisch gelehnt und sagt, er könne auf dem einen Auge nichts mehr sehen. Es wurde ihm von dem Hamas-Terroristen ausgestochen, der soeben seinen Vater erschossen hat. Der Terrorist bedient sich am Kühlschrank, nimmt eine Flasche, die wie Cola aussieht, und trinkt genüsslich.Diese Bilder vom 7. Oktober, die von einer Überwachungskamera im Kibbuz Be'eri im Süden Israels aufgenommen wurden, kommen mir immer wieder in den Sinn, wenn in diesen Tagen von der Anerkennung Palästinas als Staat die Rede ist. Noch immer hält die Hamas mehr als 50 Geiseln in ihrer Gewalt, noch immer haben die Terroristen die Waffen nicht niedergelegt, noch immer träumen sie von der Vernichtung Israels. Warum sollte man ausgerechnet jetzt die Terror-Organisation, die seit 2007 den Gazastreifen regiert, für ihre bestialischen Morde, Entführungen und Vergewaltigungen mit einem eigenen Staat belohnen? Diese Frage wird in Europas Hauptstädten unterschiedlich beantwortet. In Paris erklärt Präsident Macron, er werde Palästina im September anerkennen. Frankreich handle „getreu seinem historischen Engagement für einen gerechten und dauerhaften Frieden im Nahen Osten“. Wirklich? Abgesehen davon, dass die Hamas keinen Frieden, sondern die Auslöschung Israels will, ist Macrons Parteinahme für Palästina verlogen. Ihm dürfte es vor allem um die mächtige Wählergruppe der Muslime gehen, die bereits acht bis zehn Prozent der französischen Bevölkerung ausmachen. Macron kuscht einmal mehr vor den vielen Hamas-Fans in seinem Land. Die „Unterwerfung“, die Michel Houellebecq in seinem dystopischen Roman beschrieben hat, wird langsam wahr.Lesen Sie auchNicht viel anders ist es in Großbritannien. Premier Keir Starmer droht, Palästina als Staat anzuerkennen, sollte die israelische Regierung bis zum Herbst nicht wesentliche Schritte unternehmen, die Lage im Gazastreifen zu beenden und sich zu einem langfristigen, nachhaltigen Frieden zu bekennen. Bei Starmers Labour-Partei hat der Kuschelkurs mit Terroristen Tradition. Der frühere Parteivorsitzende Jeremy Corbyn hatte einst wörtlich die „Freunde von der Hamas“ zu einer Diskussion eingeladen. In Wahrheit geht es der Labour-Partei natürlich nicht nur um den Nahen Osten, sondern um innenpolitische Interessen. Labour sieht sich in vielen Wahlkreisen mit hohem muslimischem Bevölkerungsanteil durch unabhängige Kandidaten bedroht. Auch in Berlin hat das laute Nachdenken über eine Anerkennung Palästinas begonnen. „Der Prozess der Anerkennung Palästinas muss jetzt beginnen, sagt der deutsche Außenminister“, titelt die „Jerusalem Post“ und sorgt damit bei vielen Israelis für Entsetzen. Tatsächlich hatte sich Wadephul etwas differenzierter ausgedrückt und gesagt, Deutschland setze weiter auf „eine verhandelte Zweistaatenlösung“. Die Anerkennung eines palästinensischen Staates stehe damit „eher am Ende des Prozesses“. Allerdings sagte Wadephul auch, dieser Prozess müsse „jetzt beginnen“.Doch der Zeitpunkt könnte nicht schlechter sein als jetzt, um auch nur über eine Anerkennung eines palästinensischen Staates zu sprechen. Denn noch ist die Hamas de facto Palästina, und jede Form der Anerkennung erschwert die Verhandlungen über einen Waffenstillstand und die Freilassung der Geiseln, von denen übrigens sieben deutsche Staatsangehörige sind. Ein Detail, das der Bundeskanzler leider viel zu selten erwähnt und das auch von den meisten Medien eher ignoriert wird.Stattdessen fand ein Foto weltweite Verbreitung, das ein schwer abgemagertes Kind in Gaza zeigte. Lesen Sie auchEin vermeintlicher Beleg für die Hungersnot in Gaza. In Wirklichkeit handelte es sich jedoch um ein Kind, das an einer Erbkrankheit leidet, die Hirn und Muskeln schädigt. Nur eines von vielen Beispielen dafür, wie sich westliche Medien zum Handlanger der Hamas-Kriegspropaganda machen. Die „Washington Post“ druckte eine Liste mit den Namen von 18.500 Kindern, die angeblich in Gaza getötet wurden. Die Liste stammte von einer Hamas-geführten Institution, die Namen oder die vermeintlichen Todesumstände ließen sich nicht verifizieren. Fakt ist aber: Die Hamas setzt ihre eigenen Kinder als Schutzschilde ein, um Bilder für ihre Propaganda zu produzieren. Lesen Sie auchViele Medien fallen darauf herein und richten sich gegen Israel. Das hinterlässt in der Bevölkerung Spuren. Laut einer Umfrage sprechen sich inzwischen drei Viertel der Deutschen dafür aus, den Druck auf Israel zu erhöhen. Bundeskanzler Merz nimmt diese Stimmung wahr und hat den Ton gegenüber Israel verschärft. Seine Kritik an der humanitären Lage im Gazastreifen und an der Regierung Netanjahu ist legitim. Doch sie darf nicht zu einer Täter-Opfer-Umkehr führen und zu einem billigen, populistischen, opportunistischen Strategiewechsel. Eine Anerkennung Palästinas wäre zum jetzigen Zeitpunkt ein Verrat an unserem Verbündeten Israel und ein unverzeihlicher Bruch mit der deutschen Staatsräson. Es wäre auch ein Verrat an den Palästinensern, die unter der Hamas leiden.Darüber hinaus wäre dieser Schritt kontraproduktiv. Eine Anerkennung Palästinas würde einen Friedensprozess untergraben, weil der Anreiz für direkte Verhandlungen mit Israel entfiele. Statt Druck auf Israel auszuüben, sollte die Bundesregierung über die Vermittler in Katar auf die Hamas einwirken, endlich die Geiseln freizulassen. Selbst mehrere arabische Staaten haben diese Woche erstmals gemeinsam den Terror der Hamas verurteilt und sich für deren Entmachtung ausgesprochen. Von der deutschen Öffentlichkeit wurde das kaum bemerkt. Was für eine bittere Ironie: Während sich die arabische Welt von der Hamas abwendet, wendet sich der Westen ihr zu.Für Friedrich Merz wird die Anerkennung Palästinas nicht nur zu einer politischen Frage, sondern zur Charakterfrage. Knickt er vor dem Druck seines Koalitionspartners und der Medien ein oder beweist er Prinzipientreue? „Israel ist stark. Es liegt jetzt an uns, ein starker Verbündeter Israels zu sein“, sagte Merz kurz nach dem 7. Oktober. Ein starker Verbündeter muss auch Widerstände aushalten. Verraten wir Israel, verraten wir nicht nur unsere Werte, sondern unsere eigenen Interessen. Und ein starkes Israel ist in Deutschlands Interesse. Denn Israel hat nicht nur im Kampf gegen Irans Atomprogramm die „Drecksarbeit“ für uns erledigt. Israel sorgt auch dafür, dass der islamistische Terror sich nicht in Deutschland ausbreitet.