PfadnavigationHomeGeschichteTeppich von BayeuxWie die SS den Sieg der Normannen über die Engländer ausschlachten wollteVeröffentlicht am 01.08.2025Lesedauer: 6 MinutenSo wird der Schlachtentod von König Harald Godewin bei Hastings auf dem Teppich von Bayeux dargestelltQuelle: Wikipedia/Public DomainWeil er die Eroberung Englands durch die Normannen 1066 darstellt, wollten die Nazis den Teppich von Bayeux für ihre Zwecke nutzen. Schon die Beschreibung der Entscheidungsschlacht bei Hastings weist ihn als Meisterwerk der Propaganda aus.Zu den bedeutendsten Zeugnissen politischer Propaganda zählt der Bildteppich von Bayeux auf jeden Fall – und zu den größten. Auf 68 Meter Länge und 0,53 Meter Breite wird in 52 eingestickten Szenen dargestellt, wem das Recht des Eroberers auf England zusteht. Zwar ist die Krönung des Siegers, des normannischen Herzogs Wilhelm der Eroberer, verloren gegangen. Aber das hindert die Unesco nicht, das gute Stück seit 2007 auf der Liste ihres Weltdokumentenerbes zu führen, berichtet es doch detailreich von der Landung der Normannen 1066 in England und ihrem Sieg über Harald Godewin und sein angelsächsisches Heer bei Hastings am 14. Oktober desselben Jahres. Der politische Anspruch, den sein Auftraggeber mit dem Teppich dokumentierte, hat in der Folgezeit wiederholt Machthaber angezogen, die eine Eroberung Englands umtrieb. So ließ Napoleon Bonaparte ihn 1803 für einige Monate nach Paris bringen, um seine Landung auf der britischen Insel propagandistisch vorzubereiten. Ähnliches hatten die Nationalsozialisten nach ihrem Sieg über Frankreich 1940 im Sinn, als sie den Teppich zunächst einer eingehenden Untersuchung unterzogen und ihn 1941 zunächst in ein Depot bei Le Mans und später in ein Magazin des Pariser Louvre schafften, wo er 1944 von den Alliierten gefunden wurde. Anfragen aus England, Frankreichs „nationalen Schatz“ zur Krönung von Queen Elisabeth II. 1953 und zum 900. Jahrestag der Schlacht 1966 ausleihen zu dürfen, wurden stets abgelehnt – bis jetzt. Denn nun hat Frankreichs Präsident Emmanuel Macron eine symbolträchtige Gabe angekündigt, die bei einem bilateralen Treffen bereits 2018 besprochen worden war: Während das 1982 eigens dafür errichtete Centre Guillaume le Conquérant in Bayeux umgestaltet wird, soll der Teppich bis 2026 im British Museum in London ausgestellt werden. Doch man muss derzeit weder in die Normandie noch nach London reisen, um die berühmte Bildergeschichte zu sehen. Das Schleswig-Holsteinische Landesmuseum für Archäologie in Schloss Gottorf bei Schleswig präsentiert in seiner aktuellen Ausstellung „Wikingerdämmerung. 1066 – Zeitenwende im Norden“ eine Replik des Teppichs, der in Zusammenarbeit mit dem Centre in Bayeux entstanden ist. Winzige Details sind sogar im Original zu sehen: unbestickte Fragmente, die 1941 von deutschen Wissenschaftlern entnommen wurden und auf verschlungenen Wegen nach Gottorf gelangten. Wie das geschah, erzählt die Ausstellung in einer eigenen Abteilung. Obwohl der Teppich die entscheidende Niederlage der angelsächsischen Ritter gegen französisch sprechende Invasoren aus der Normandie zum Thema hat, geriet er nach Hitlers Blitzsieg über Frankreich bald in den Fokus der Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe, mit der SS-Führer Heinrich Himmler der nationalsozialistischen Rassen-Ideologie einen historischen Rahmen zimmern wollte. Dafür wurden die Eroberungen zwischen Biskaya, Nordkap und Krim nach vermeintlichen Spuren germanischer Siedler und Kulturbringer durchkämmt, um die Überlegenheit der arischen Rasse durch die Zeiten zu dokumentieren.Lesen Sie auchAuch die Wikinger wurden als typische Vertreter „eines weißen Volksstamms der Arier“ in Dienst genommen. Die dänischen Ahnen des Normannen Wilhelm erlaubten es, den Herzog der Normandie auch in diese Heldengalerie einzureihen. Obwohl die Luftschlacht um England 1940 mit einer deutschen Niederlage geendet hatte und sich die Wehrmacht längst auf den Krieg im Osten vorbereitete, schien der Teppich von Bayeux einmal mehr ein probates Propaganda-Stück zu bieten, bewies er doch, dass eine erfolgreiche Landung auf den britischen Inseln möglich sei. Lesen Sie auchDer rechte Mann für diesen Auftrag war Herbert Jankuhn. Der Prähistoriker war 1938 dem Ahnenerbe beigetreten, hatte im Auftrag Himmlers in dem Wikinger-Zentrum Haithabu bei Schleswig gegraben und war inzwischen zum SS-Sturmbannführer und Leiter des Museums vaterländischer Alterthümer in Kiel aufgestiegen, dem Vorläufer von Schloss Gottorf. Am Teppich von Bayeux interessierte Jankuhn nicht nur die erfolgreiche Eroberungsgeschichte, sondern auch die neue Form von zentralisierter und organisierter Staatlichkeit, die das mittelalterliche Europa den Normannen und damit den Ariern verdankt haben sollte. Der Teppich wurde aus der Dekanei von Bayeux in die nahegelegene Abtei von Mondaye geschafft und nach allen Regeln der damaligen archäologischen Kunst untersucht. Es entstanden Zeichnungen, Aquarelle und Fotos. Für Materialanalysen wurden 50 Zentimeter des Teppichs abgelöst und gelangten mit dem Textilarchäologen Karl Schlabow, ebenfalls Mitglied des SS-Ahnenerbes, nach Schleswig-Holstein. Dort wurden die Fragmente erst 2022 entdeckt; sie sollen nach dem Ende der aktuellen Ausstellung in Gottorf nach Bayeux zurückgegeben werden. Zu der geplanten vierbändigen Publikation des Ahnenerbes kam es jedoch nicht mehr. Jankuhn und das Ahnenerbe hatten sich an der Ostfront aufgemacht, um frühe germanische Siedlungsspuren zu entdecken und den Eroberungen des Dritten Reiches eine historische Begründung zu liefern. 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs wird der Teppich von Bayeux also wieder ein politisches Symbol, diesmal der französisch-britischen Freundschaft. „Es ist das erste Mal, dass dieser nationale Schatz französischen Boden verlassen wird“, erklärte Macron die große Geste: Dies verdeutliche „eine noch nie da gewesene kulturelle Partnerschaft unserer beiden Länder“ – zumal das Projekt wegen zahlreicher Flecken, Falten und Risse auf dem Teppich nur bedingt den Beifall der Konservatoren findet. Lesen Sie auchWie es dazu kam, berichtet der Teppich, der nur wenige Jahre später entstand – Auftraggeber war möglicherweise Wilhelms Halbbruder Odo von Bayeux – mit zahlreichen Details. Abgebildet sind mehr als 600 Menschen, 200 Pferde, rund 550 andere Tiere sowie 40 Schiffe. Höhepunkt ist die Darstellung der Schlacht von Hastings, die die Normannen mit einer Finte für sich entscheiden konnten. Um die dicht gestaffelte Schlachtreihe aufzubrechen, in der Harald Godewin seine Leute zu Fuß aufgestellt hatte, täuschten Wilhelms berittene Kämpfer einen Rückzug vor. Anstatt die Stellung zu halten, setzten die Engländer nach und gaben damit ihre sichere Stellung auf. Die Normannen wendeten und rieben, unterstützt von Bogenschützen, die ungeordneten Verfolger auf. Guido von Amiens, von dem die älteste Beschreibung der Schlacht stammt, beschreibt das Ende des englischen Königs unter den Schlägen von vier Normannen mit drastischen Worten: Der erste durchbohrte mit seiner Lanze „Schild und Brust des Königs und tränkte die Erde mit einem Blutschwall. Der zweite trennte dessen Kopf ab mit einem Hieb unterhalb des Helms. Der dritte verflüssigte dessen Eingeweide mit dem Speer. Der vierte hieb seinen Oberschenkel ab und zog ihn noch eine Strecke mit sich“. Der Teppich von Bayeux erspart uns allerdings diese Details. In der Propaganda der Sieger war für derartige Brutalität wohl kein Platz.„Wikingerdämmerung. 1066 – Zeitenwende im Norden“, Schleswig-Holsteinisches Landesmuseum für Archäologie in Schloss Gottorf, bis 2. November 2025Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Wikingerzeit zu seinem Arbeitsgebiet.mit KNA
NS-Propaganda: Wie die SS den Sieg der Normannen über die Engländer ausschlachten wollte - WELT
Weil er die Eroberung Englands durch die Normannen 1066 darstellt, wollten die Nazis den Teppich von Bayeux für ihre Zwecke nutzen. Schon die Beschreibung der Entscheidungsschlacht bei Hastings weist ihn als Meisterwerk der Propaganda aus.







