Es ist eines dieser Videos mit Klickgarantie in sozialen Medien: ein Konflikt zwischen Fluggästen und Ordnungskräften. In diesem Fall ist es eine erboste Frau, die in der Gangway vor der Ausstiegstür eines Flugzeugs am Boden liegt und von der spanischen Guardia Civil mit Handschellen gefesselt wird.Das nur wenige Sekunden lange Video wird seit Mittwochabend tausendfach im Netz weitergereicht. Die Frau am Boden ist Betreuerin einer Gruppe von 47 französischen Jugendlichen, die nach einem Campingurlaub am Mittwochnachmittag von Valencia nach Paris heimfliegen wollten. Doch vor dem Start ordnen Crew und Kapitän der Maschine an, dass die jungen Leute mitsamt ihren vier erwachsenen Begleiterinnen das Flugzeug verlassen müssen. Und damit beginnt ein Drama, das nun das Potenzial zu einem internationalen Eklat hat.Plattform XDie SZ-Redaktion hat diesen Artikel mit einem Inhalt von Plattform X angereichertUm Ihre Daten zu schützen, wurde er nicht ohne Ihre Zustimmung geladen.Ich bin damit einverstanden, dass mir Inhalte von Plattform X angezeigt werden. Damit werden personenbezogene Daten an den Betreiber des Portals zur Nutzungsanalyse übermittelt. Mehr Informationen und eine Widerrufsmöglichkeit finden Sie unter sz.de/datenschutz.Die Jugendlichen sind Juden. Nach Aussage ihrer Betreuerinnen sind sie aus dem Flieger geworfen worden, weil sie hebräische Lieder sangen. Der Vorwurf: Antisemitismus. Nach Angaben der Polizei und der Fluggesellschaft Vueling jedoch seien keineswegs Gesänge oder Religion der Anlass für die Maßnahme gewesen. Die Jugendlichen hätten durch ihr Verhalten die Sicherheit des Fluges gefährdet und sich den Anweisungen der Crew renitent widersetzt.Bevor klar ist, was wirklich vorgefallen ist, hallen Anschuldigungen und Empörung durch die sozialen Netzwerke. Von einer Nazi-Airline sprechen Internetnutzer. Auch einige Medien, vor allem aus Israel und Frankreich, scheinen schon entschieden zu haben, worum es hier geht, nämlich um einen Skandal.Caroline Yadan, eine französische Parlamentsabgeordnete, twitterte mit Bezug auf einen tendenziösen Zeitungsartikel: „Sollten sich die in diesem Artikel berichteten Fakten bewahrheiten, muss sich das spanische Unternehmen @vueling vor Gericht verantworten. Das wäre äußerst ernst.“Die Teenager hätten „hochgradig störendes Verhalten“ gezeigtAuf Nachfrage erklärte die spanische Guardia Civil, die Jugendlichen und ihre französischen Begleiterinnen seien „wegen schlechten Benehmens“ von Bord verwiesen worden. „Die Minderjährigen hantierten wiederholt mit dem Notfallmaterial, unterbrachen die Sicherheitsdemonstration der Besatzung und ignorierten Anweisungen“, lässt die Polizei auf Nachfrage wissen. „Der Pilot war der Meinung, dass sie den Flug gefährdeten, und befahl ihre Evakuierung. Eine der Betreuerinnen widersetzte sich und ignorierte die Forderungen der Beamten der Guardia Civil und musste zwangsweise entfernt werden.“ Sie sei aber „NICHT verhaftet worden“, schreibt die Pressestelle der Zivilgardisten.Die Fluggesellschaft Vueling veröffentlichte eine Mitteilung, in der sie betonte, ausschließlich Sicherheitsbedenken seien der Grund für die Maßnahmen der Crew gewesen. Die Teenager hätten „hochgradig störendes Verhalten“ und „sehr konfrontative Haltung“ an den Tag gelegt. Nach mehreren Warnungen habe die Crew das Sicherheitsprotokoll aktiviert und die Polizei hinzugezogen. Auch außerhalb des Flugzeugs hätten sich Mitglieder der Gruppe aggressiv verhalten, weshalb es zu einer Verhaftung kam. Dass die Religion der Passagiere eine Rolle gespielt habe, verneint die Fluggesellschaft „kategorisch“.Der israelische Minister Amichai Chikli, zuständig für die jüdische Diaspora und den Kampf gegen Antisemitismus, teilte im Kurznachrichtendienst X mit, die Jugendlichen aus Frankreich hätten auf Hebräisch gesungen, woraufhin Crewmitglieder Israel als terroristischen Staat bezeichnet hätten.Das französische Fernsehen sprach unmittelbar von „einer neuen Antisemitismus-Affäre“ und nannte die Jugendlichen „Opfer“. In einem Interview berichtete die Mutter eines der Teenager, die selbst nicht an Bord war, ihre Version der Ereignisse. Demnach habe einer der Jugendlichen an Bord gesungen, woraufhin sofort mit der Polizei gedroht worden sei. Die Teenager seien daraufhin ruhig geblieben, doch ohne weiteres Eingreifen der Crew sei fünf Minuten später die Polizei gekommen und habe die Evakuierung angeordnet. Die Jugendlichen haben zudem ihre Telefone ablegen müssen. Daraufhin sei es zum Konflikt gekommen, in dessen weiterem Verlauf eine Aufseherin der Reisegruppe am Boden der Gangway gefesselt wurde.Bisher ist in den sozialen Medien kein Video aus dem Inneren des Flugzeugs aufgetaucht, das bei der Wahrheitsfindung helfen könnte. Die Billig-Airline Vueling jedenfalls, oft geschmäht wegen ihrer restriktiven Handgepäcksregeln, sieht sich nun mit heftigen Antisemitismus-Vorwürfen konfrontiert.