Für den Podcast von Bella Freud, Urenkelin von Sigmund Freud, lassen sich Stars wie Kate Moss oder Karl Ove Knausgård tief in die Seele blicken. Die Tochter des Malers Lucian Freud ist dabei in London selbst eine Berühmtheit. Ein Gespräch über Mode mit Seele.Eine schwarz lackierte Tür, die Fensterfront ziert ein riesiger Windhund-Kopf – das Logo ihres Modelabels, gezeichnet von ihrem Vater Lucian Freud. Seit 2015 führt die Designerin Bella Freud – die gerade mit ihrem Podcast "Fashion Neurosis" der halben Modewelt sehr persönliche Geständnisse entlockt – ihren kleinen Laden in der Londoner Chiltern Street. „Good morning!“, singen zwei Damen zur Begrüßung. Als beträte man ein Hochglanz-Cover: Inez van Lamsweerde und Vinoodh Matadin, die Ikonen der Fashionfotografie, werden eben noch mit stiller Hingabe von ihr umsorgt, bevor sie sie mit Luftküsschen in den heißen Sommertag entlässt. Dann gleitet die Designerin in einer unnachahmlichen Lautlosigkeit durch den Raum, fast schwereloser als ihr Schatten. Dunkler auch, mit ihrem schwarzen Haar, im nachtblauen Nadelstreifen – und führt zu einer Couch, ausgerechnet, auf der zur Abwechslung hier einmal sie Platz nimmt.WELT: Sie können auch im Liegen sprechen, wenn Sie möchten. Bella Freud: Haha, nein, das muss nicht sein.WELT: Warum ist Mode neurotisch, Frau Freud?Freud: Neurotisch ist nichts Schlechtes. Mode sind Gedanken, die Knöpfe tragen. Ich mag die Geschichte von Sir Walter Raleigh, dem englischen Seehelden, Dichter und Entdecker, der seinen Mantel über eine Pfütze legte, damit Königin Elisabeth I. darüber gehen konnte. Kleidung kann das für jeden von uns sein: Sie kann uns tragen und helfen, Hindernisse zu überwinden. Kleidung ist die textile Reflexion sozialer Dynamiken.WELT: Jeder denkt über sein Äußeres nach, aber darüber zu sprechen ist vielen peinlich. Sie bitten berühmte Menschen auf Ihre Wohnzimmercouch und knöpfen ihr Seelenleben auf. Das fiel vor Ihnen noch keinem Podcaster ein.Freud: Es gibt so viele Podcasts mittlerweile, dass man sich gut überlegen muss, was man dem Angebot überhaupt noch hinzufügen kann. Fashion ist ein sanfter Türöffner, ein scheinbar harmloses Gesprächsthema, um sich jemandem zu nähern.Lesen Sie auchWELT: Kleidung kann wie Instagram das Entbergende verbergen. Freud: Sie hat eine tiefe Bedeutung, ja, selbst für einen Schriftsteller wie Karl Ove Knausgård. Ich dachte immer schon: was für ein Typ! Er sieht nicht nur blendend aus mit seinem zerfurchten Gesicht, er hat auch diese stille Wucht. Und als ich ihn nach seinem Lieblingskleidungsstück fragte, taten sich Universen auf. Er sprach von seiner Kindheit, man kennt es, wie er ausgelacht wurde, über seinen tyrannischen, alkoholkranken Vater, der ihm bis heute insgeheim über die Schulter schaut – und wie er schließlich Trost in einem Bündel Wolle fand.WELT: War es kompliziert, diesen norwegischen Hünen flachzulegen – auf Ihr Therapie-Sofa?Freud: Nein, gar nicht, ich kenne seine Frau ein wenig – sie hat ihn gefragt, ganz direkt. Und er hat „Ja“ gesagt. Ohne Umschweife.WELT: Im Liegen, wenn sich jemand entspannt und sicher fühlt, dann sieht er meistens auch toll aus. Dazu ist das Licht wie Ihre Stimme angenehm gedimmt. Freud: Fast alle Menschen haben erst mal Angst oder eine gewisse Scham, gefilmt zu werden. Ich habe lange experimentiert, um eine schmeichelhafte Beleuchtung hinzubekommen. Bevor wir beginnen, biete ich immer etwas zu trinken an, Wasser oder Tee.WELT: Kein Alkohol?Freud: Nein, nein. Und offen gesagt: Ich halte nichts davon, zu lange zu warten, bis man losgeht. Das verstärkt nur die Nervosität – auf beiden Seiten. WELT: Nick Cave, Courtney Love, Rick Owens, Alessandro Michele, Hanif Kureishi, Graydon Carter, Stefano Pilati, Nicky Haslam – nicht nur das Line-up Ihrer Gäste haut aus den Socken, auch deren Geständnisse. Moss verriet ihre comfort blanket, ihr modisches Schnuffeltuch: „Nackt? Nur mit Absatz!“, erzählte sie.Freud: Kate ist fantastisch, eine Verwandlungskünstlerin. Jede Position sitzt wie eine Vokabel.WELT: Rick Owens, dieser vampirische Typ, lag da wie ein Pharao und erzählte, dass er sich in seinem Körper nie wohlgefühlt und mit seiner Düster-Mode eine Art neue Haut genäht habe.Freud: Ich kann das nachvollziehen. Ich bin selbst Designerin geworden, um mir eine Hülle zu entwerfen, die mir half, mich anzunehmen und mich gut zu fühlen. Etwas, in dem ich mich wiederfand. Ich war etwa zehn, als mir meine Mutter so ein bedrucktes Ding mit Rundausschnitt und Puffärmeln genäht hat. Nie werde ich vergessen, wie unglücklich ich mich darin gefühlt habe.WELT: Weil es von Ihrer Mutter genäht war?Freud: Weil es nicht ich war – und wenn man sich unwohl fühlt, bekommt man schlechte Laune. Man fühlt sich eingeschränkt, falsch. All das hält dich ab von wirklich wichtigen Gedanken. Kleidung muss Raum zum Denken bieten. Es ging mir nicht ums Aussehen. Ich habe früh verstanden, dass Kleidung wie eine Art Verbündeter für mich ist. Ich war es gewohnt, unbeachtet zu sein, darum kleidete ich mich, als käme ich aus dem Kloster – unlesbar für andere, um in Ruhe gelassen zu werden. Gleichzeitig machte es Spaß zu sehen, was passiert, wenn man aussieht, als sei alles in Ordnung. Es war ein Spiel – und doch war es das nicht. Ich wusste jedenfalls, wie ich mich anziehen musste, um so viel wie möglich zu verbergen.WELT: Was denn verbergen?Freud: Dass mein Leben ein einziges Chaos war – kein Zuhause, kein Job, kein Plan. Es waren alles andere als stabile Verhältnisse, zumindest, als ich jung war.WELT: Sie wuchsen teils in Marokko auf. Ihre irische Mutter Bernadine Coverley, so schildert es Ihre Schwester Esther Freud in ihrem Buch „Hideous Kinky“, floh vor der Enge in ihrer Heimat.Freud: Meine Schwester und ich wuchsen bei unserer Mutter auf – sie war Schriftstellerin, sehr belesen und kreativ. Wir lebten maßlos bescheiden. Sie war sehr jung, als wir geboren wurden, und hatte nichts, wirklich nichts. WELT: Sie war 17, als sie sich in den 36-jährigen Maler Lucian Freud verliebt hatte. Die Beziehung zerbrach, darauf ging sie nach Marokko, verschweigend, dass sie schwanger war, aus Angst, von ihren Eltern verstoßen und in ein Mutter-Kind-Heim gesteckt zu werden.Freud: Wir reisten viel, zogen oft um und wohnten bei anderen Leuten – das zehrte. Meine Mutter fand das emanzipiert und freigeistig, ich empfand es als chaotisch und meine Mutter nur peinlich. Ich hatte dieses rastlose Leben so satt und sehnte mich nach Schule, Sicherheit, etwas Bleibendem. Ich war acht, als ich dann nach London kam, Arabisch sprechend, gekleidet wie ein marokkanisches Mädchen und merkte, dass wir anders waren. So begriff ich sehr früh, wie viel Kleidung erzählen und welche Codes sie auf subtile Weise transportieren kann, gerade in einer Stadt wie London. Ich sehnte mich nach Zugehörigkeit, nicht nach Anpassung. Aber mein Platz war vorgegeben. Später begriff ich das Außenstehen als Freiheit.WELT: Wie sind der Ehrgeiz und der Erwerbstrieb in Sie hineingekommen?Freud: Ich habe begriffen: Ohne echte Anstrengung und harte Arbeit erreicht man nichts. Selbstzufriedenheit ist tödlich – vor allem in der Mode. Heute ist man gefragt, morgen vergessen. Ein gnadenlos hartes Geschäft.WELT: Der „Freud-Clan“ zählte immer schon zur intellektuellen Elite. Jeder schmückt sich gern mit Erfindergeist. Ein Wissenschaftler, ein weltberühmter Künstler, Schriftsteller, Filmemacher – lauter Supertalente. Ist der Name Hilfe oder Last?Freud: Im Englischen war er für viele kaum aussprechbar. Freud spricht sich wie „fruit“ – die Frucht. Mein Vater nahm das mit Humor. Wenn ihn jemand fragte, ob er mit dem berühmten „Great Freud“ verwandt sei, stellte er sich absichtlich ahnungslos und antwortete: „Mit der Grapefruit?“ Seitdem hieß Sigmund Freud nur noch so bei uns. Ich hatte kein intellektuelles oder gesellschaftliches Leben. Es gab wenig um mich herum, das man als „super“ hätte beschreiben können – ich habe in meinen Büchern gelebt. Die Kunst und die Literatur waren mein Halt und mein Segen. Der Erfolg meines Vaters kam erst später in den Neunzigern, als ich in meinen 30ern war. Zu der Zeit wurde Freud gerade wiederentdeckt. WELT: Wie sehr war er Thema für Sie?Freud: Sigmund Freud war nie ein Thema. Nein, eigentlich nie, fast nie. Ich habe Teile seiner Arbeiten gelesen und mich gefragt, wie er sich bei bestimmten Dingen so sicher sein konnte. Ich denke, es ist gut, sich nicht zu sehr hineinzuknien. Mir gefällt, wie er sich kleidete. Er soll lustig gewesen sein. Das hat zumindest mein Vater gesagt. Ich weiß nicht einmal, ob sie viel Zeit miteinander verbracht haben.WELT: Ihr Vater ist in Berlin geboren – sein Vater, Ernst Freud, war Architekt und der jüngste Sohn des Psychoanalytikers. Die Familie lebte in der Nähe des Tiergartens bis sie 1933 nach London floh. Die, die ihn kannten, beschreiben ihn als Besessenen, extrem unangepasst, lebenshungrig bis zum Exzess. Wie haben Sie ihn als Vater erlebt?Freud: Mein Vater war schon präsent – aber ein Familienleben gab es nicht. Obwohl ich ihn oft sah, blieb er auf gewisse Weise distanziert. Ich habe ihn erst später, als ich so 16 war, regelmäßig besucht. In meinen Zwanzigern stand ich zweimal für ihn Modell – nackt, aber nie entblößt. Es war ein Akt. Wir sprachen viel über Kunst. Wer ihn überzeugen wollte, musste es dreimal versuchen – und dann noch zweimal. Anstrengend. Aber es hat geschärft: den Blick, das Urteilsvermögen – vor allem für Menschen.WELT: Wann regt Kleidung Ihre sexuelle Fantasie an? Freud: Mode ist im Grunde die sexloseste Angelegenheit der Welt – mit einer Ausnahme: Schuhe. Schuhe, finde ich, können so ein freches Versprechen flüstern. Ich bin selten nackt vor anderen Menschen. Manchmal ziehe ich morgens nach dem Aufstehen nackt mein Bett glatt. Das gefällt mir irgendwie, ich mag diese zarte Morgenstimmung. Mich hat Nacktheit in den 70er-Jahren verlegen gemacht. Es war dieses Beharren darauf, dass es toll sei, nackt zu sein. Das war es einfach nicht, nicht für mich. Diese aufgedrängte Offenheit nahm das Gefühl von Sicherheit. WELT: Was raten Sie Männern, die modisch noch Anschluss suchen – gerade bei der Hitze? Freud: T-Shirts sind das Schlimmste, vor allem, wenn man nicht mehr jung ist. Das klammert sich an die Körpermitte, betont, was man nie sehen wollte. Und: Mit jedem Schritt schaukelt alles mitWELT: Und Frauen? Freud: Eine Referenz ans Alter ist, dass ich kein Vintage trage. Junge Leute sehen großartig darin aus, aber ich will moderne Mode, die mir ein Gefühl von heute gibt und der Zeit voraus zu sein. Vintage bin ich selbst. Mein Rat: Jeanshemd – mit Jeans-Krawatte. Maskulin-feminin passt immer. Zur Person:Isobel Lucia „Bella“ Freud, Modedesignerin, ist 1961 in London geboren, wo sie auch heute lebt. Nach der Schule jobbte sie in Vivienne Westwoods Shop und wurde bald die Assistentin der Designerin. In Rom studierte sie Mode, danach gründete sie ihr eigenes Label und avancierte schließlich zur Mode-Poetin der intellectuel society. Mit ihren Designs wie ihren „Nummer-“ und „Word Sweatern“ reflektiert die Britin bis heute ihre Liebe zur Punk-Kultur. Als Designerin hat sie sich immer wieder neu definiert: Zusammen mit Anita Pallenberg machte sie ein Magazin; sie drehte Filme u.a. mit John Malkovich; entwarf Strick mit Nick Cave. 2024 startete ihr Podcast „Fashion Neurosis“.