Das Foto braucht sie nun nicht mehr. Swetlana Tichanowskaja hatte es bisher immer dabei, ein Porträt, schwarz-weiß und so groß, dass es die Vorderseite ihrer Mappe ausfüllt. Es zeigt ihren Mann Sergej Tichanowski, im dunklen Pulli, mit gestutztem Vollbart, er lächelt freundlich. Tichanowski saß im Gefängnis, aber so reiste er als Foto mit seiner Ehefrau, der belarussischen Oppositionsführerin, durch die Welt, in die USA, in Europas Hauptstädte, Berlin, Brüssel, Warschau.

Das Foto gab Swetlana Tichanowskaja Trost. Und es zeigte, dass sie natürlich auch für ihren Mann kämpfte, wenn sie sich für ein freies, demokratisches Belarus einsetzte. Jetzt hat sie ihn wieder.

Nach fünf Jahren in der Haft des belarussischen Regimes kam Sergej Tichanowski am Samstag frei. Ein kurzes Video zeigt, wie er aus einem weißen Kleinbus steigt, seiner Frau in die Arme fällt und sie lange drückt. Sein Gesicht ist in der langen Haft schmaler geworden, der Vollbart ist weg, das Haar jetzt ein Millimeterschnitt. Sie sind nun zusammen in der litauischen Hauptstadt Vilnius, von dort aus führt Tichanowskaja die belarussische Exilopposition an. In Belarus selbst gibt es längst keine Opposition mehr, allenfalls eingesperrt.