PfadnavigationHomeIconOntourRoyal AscotWie ein Pferderennen ein ganzes Land zu sich selbst führtVeröffentlicht am 20.06.2025Lesedauer: 7 MinutenEin König, der sich beim Pferderennen feiern lässt: Charles III. mit Camilla und Prinz William beim Royal AscotQuelle: WireImage/Karwai TangMänner im Cut mit Zylinder, Frauen mit mittelschwer exzentrischen Kopfbedeckungen – und der König ist auch da: Royal Ascot gehört in den Kalender der Briten wie Baked Beans zum Frühstück. Unser Reporter sah mit deutschen Augen zu.Die Schreie der Herren in Cut und Zylinder lassen das Trommelfell eine wilde Polka tanzen, die Damen hüpfen in ihren High Heels auf der Stelle und kieksen. Gerade galoppiert eine Horde von Pferden Richtung Ziel, die Stimme des Kommentators aus dem Lautsprecher verliert alles Sachliche, Namen von Pferden wie „Field of Glory“ oder „Nurburgring“ fliegen durch die Luft, beim Zieleinlauf erreicht der Lärm der Zuschauer seinen Höhepunkt, all die Hoffnungen auf fette Wettgewinne befeuern ihn noch mehr – und dann bricht er rasch zusammen, es fühlt sich an, als habe es ihn nie gegeben. In der Stille sortiert sich das Publikum neu. Man prüft seine Wettscheine, als ob man nicht längst wüsste, ob man gewonnen oder verloren hat, und eilt ansonsten zur nächsten Bar – das Programm „Schon mittags knülle von Bier, Gin Tonic oder Champagner“ hat hier viele treue Anhänger. Der Plauderton nimmt überhand, die Ladys und Gentlemen stehen einfach nett beisammen. Ganz die Herrschaft über die eigenen Gefühle will niemand den Pferden und ihren Jockeys überlassen; es könnte angestrengt wirken, und das gilt es unter allen Umständen zu vermeiden.Manche Events bestehen aus mehr als Smalltalk und vorgetäuschter Spitzenlaune; bei manchen Ereignissen findet ein ganzes Land zu sich. Das Royal Ascot ist so eine Gelegenheit, der Moment, in dem Briten ihre Britishness ausleben können, dabei ein paar Klischees erfüllen, aber vor allem Zeugnis von einer großen Kultur voller verborgener Schätze ablegt.Es gibt Insulare, die schwören, ihre Nation habe neben „God Save The King“ eine zweite Hymne, die beinahe noch besser zu ihnen passe. „Mad Dogs and Englishmen are out in the midday Sun“ ist ein Song, mit dem Noël Coward sich in den 20er-Jahren über seine Landsleute lustig machte. Sie seien die Einzigen, die sich an den heißesten Plätzen des stolzen Weltreichs mittags der sengenden Sonne aussetzen würden („The toughest Burmese bandit will never understand it“).Lesen Sie auchIhrem Verhalten nach zu urteilen, sind an diesem Tag viele Engländer zugegen, die die These von der inoffiziellen Hymne vertreten. Dem Schatten gehen sie beim Picknick vor der Rennbahn genauso sorgfältig aus dem Weg wie bei der Veranstaltung selbst. Im Leben der Oberschicht hat Ascot einen klaren Platz im sich stets wiederholenden Jahresablauf, es gleicht darin der Ruderregatta zwischen Cambridge und Oxford oder den All England Championships im Tennis in Wimbledon, die ohne Erdbeeren zum Champagner nicht vollständig sind.Doch nicht alle Männer tauchen im Maß-Cut aus der Savile Row auf, dem Erkennungszeichen, dass man zur Finanzelite gehört. Die Typen, die hier Geld machen wollen, stammen eher aus der Arbeiterschicht und kleiden sich meistens in Tweed, der klassischen Uniform an der Rennbahn. Ausnahmslos jeder Gent trägt aber eine Krawatte und jede Lady einen jener Hüte, die Kontinentale so gern von spleenigen Briten sprechen lassen. Hier allerdings sind sie ein Symbol, bei allem Zwang zur Konformität ein Herz fürs Exzentrische zu haben.Obendrein ist der König da. Gemächlich kam er mit seinem riesigen Tross in einer Kutsche die Rennbahn entlanggefahren, die Kapelle spielte die richtige Nationalhymne, die Zuschauer erhoben sich und spendeten Applaus. Leute vom Festland bringt das zum Nachdenken: Man stelle sich vor, der Bundespräsident würde als oberster Repräsentant zum Pferderennen aufkreuzen und den Schirmherrn geben, was da wohl los wäre. Aber wir sind ja auf einer Insel – und hier sind sie stolz darauf, dass Charles III. der 13. Monarch ist, der dem Klassiker die Ehre erweist.Lesen Sie auch Er winkt noch ein wenig, Camilla auch, sogar huldvoller. Für das Paar geht es in die königliche Loge; was immer es dort zu tun gibt, es wird höchstwahrscheinlich nicht in körperliche Schwerstarbeit ausarten. Doch ohne die Royals bliebe die ganze Inszenierung blutleer. Manch einer aus den Weiten jenseits des Ärmelkanals wünscht sich im Stillen vielleicht auch einen echten König, selbst wenn er nichts zu sagen hat.Bald darauf geht es um Bruchteile von Sekunden, die Pferde stehen in ihren Startboxen. Die Zeit nimmt bei dem Rennen Longines, das ist eine Schweizer Marke, die seit 1832 existiert, also noch nicht so lang wie Royal Ascot; aber eine Tradition hat sie allemal vorzuweisen, das hat Bedeutung. In den 1920er-Jahren erfanden die Konstrukteure die GMT-Funktion, sodass man eine zweite Zeitzone auf dem Zifferblatt ablesen konnte.Dem Pferdesport ist das Haus sehr gewogen, und das Ereignis in England war noch jedes Mal die Krönung. Den eigenen Namen in so einer Umgebung zu sehen, das hebt die Stimmung, und im Pop-up-Store kann man Uhren kaufen, für die man nicht zur absoluten Geldelite zählen muss. Lang treu ist Longines auch seinem Slogan „Elegance is an Attitude“, er passt in die Umgebung. Die Lounge, in die das Unternehmen eingeladen hat, bietet einen guten Blick auf die Rennen, wenn man sich nicht gerade an Champagner, Rinderfilet oder Scones mit clotted cream erfreut.Durch das Rennprogramm allerdings steigt niemand wirklich durch. Es sind Kolonnen von Quoten, Namen und Ergebnissen zu bestaunen, die Menschen zusammengetragen haben, die damit ihr Geld verdienen – derartig ausgeprägt ist die Wette auf Pferde im Vereinigten Königreich, dass der Sport eigene Zeitschriften hat. In der Loge erzählt ein Mann vom Festland davon, dass er gedenke, reich zu werden, indem er auf die Jockeys setze, die in jüngster Zeit viel gewonnen hätten.Lesen Sie auchMan kann das nur als eine überragende Strategie bezeichnen, nur stellt sich schnell heraus, dass diese Pferde nicht die Quoten bringen, die einen zum Multimillionär machen und pro Rennen einige Jockeys mit großen Siegen an den Start gehen. Für krasse Außenseiter mit saftigen Quoten wiederum fehlt dem Mann der Mumm. Also wettet er am Ende gar nicht, und alles, was er vorher rhetorisch fabriziert hat, erweist sich als heiße Luft. Wirklich übel nimmt es ihm niemand. Die harten Spieler im Publikum hängen ohnehin nicht in den Logen rum, sondern dort, wo die Pferde vorgeführt werden. Es sind prächtige Kreaturen, riesig und doch feingliedrig, man kann ihre Adern unter dem Fell sehen. Die Pferde tun sich keinen Zwang an, noch kurz loszuwerden, was sie loszuwerden haben. So liegt ein betörender Duft über der Szenerie, in der Züchter, Besitzer und Jockeys in einem sorgsam arrangierten Chaos durcheinander eilen. Züchter und Besitzer zeichnen sich durch eine hohe Dichte an Wohlstandsplauzen aus, die Reiter dagegen sind rappeldürr. Auf der Bahn zählt jedes Gramm, wer diesen Beruf ergreift, der muss Leiden in Kauf nehmen.Vor dem Rennen stehen die Besitzer oft neben ihren Jockeys, sie reden beschwörend auf sie ein – tu dies, lass das –, wie man es von Boxtrainern kennt, die ihren Männern in Rundenpausen etwas raten. Große Auswirkungen dürfte das nicht haben, auf dem Turf und im Ring sind die Athleten allein und müssen in Millisekunden Entscheidungen treffen, von denen Sieg oder Niederlage abhängen.Bei allem Liebenswerten sind Pferderennen ein harter Sport, viel Stress, viel Adrenalin, viel Kampf, aber es gibt ja Leute, die das brauchen; und irgendwie spielen die Männer auf den Pferden nur das wesentliche Prinzip der angelsächsischen Gesellschaften nach, den Wettbewerb, der sich nur Fairnessregeln zu beugen hat. Aber vielleicht sind die Startschüsse und Zieleinläufe, das flehende Gebrüll und die Sieger, die Pokale küssen, hier nicht einmal das Wichtigste. Denn es passiert so viel nebenbei.Da ist der sicher über 80-jährige Gentleman in Cut und Zylinder, der seine Frau im Rollstuhl schiebt, damit sie auch dabei sein kann. Da ist das Picknick vor dem Eingangsbereich, wo Rolls-Royce- und Volkswagenfahrer ganz selbstverständlich miteinander essen und lachen; da ist der Junge, der vom Wettgewinn seines Vaters eine Portion Fish and Chips spendiert bekommt. Und da sind die Männer mit der Melone auf dem Kopf, die einen freundlich, aber bestimmt darauf hinweisen, dass der Zylinder auch beim Gang auf die Toilette getragen werden muss. Was mehr kann man von einem Tag in der Sonne verlangen?
Royal Ascot: Wie ein Pferderennen ein ganzes Land zu sich selbst führt - WELT
Männer im Cut mit Zylinder, Frauen mit mittelschwer exzentrischen Kopfbedeckungen – und der König ist auch da: Royal Ascot gehört in den Kalender der Briten wie Baked Beans zum Frühstück. Unser Reporter sah mit deutschen Augen zu.













