Der russische Anschlag auf einen Passagierzug der Linie Kiew–Warschau an der Grenze zu Polen hat am Montag vielfältige Reaktionen in Europa hervorgerufen. Am Sonntagmorgen hatte eine Drohne eine Lokomotive zerstört. Passagiere wurden dabei nicht verletzt, auch die Besatzung hatte sich rechtzeitig in Sicherheit bringen können. Die ukrainische Staatsbahn Ukrzalisnizja erklärte am Montag, die Details des Anschlags zu untersuchen.Kurz vor dem Einschlag hatte am Grenzübergang Dorohusk-Jagodin ein Sonderzug gehalten, in dem sich Politiker und Diplomaten aus zahlreichen europäischen Ländern befanden, die auf dem Rückweg von einer Konferenz in Kiew waren. Unter ihnen waren Günter Sautter, der außenpolitische Berater von Bundeskanzler Friedrich Merz, der frühere britische Premierminister Boris Johnson und der einstige schwedische Ministerpräsident Carl Bildt. In einem weiteren Zug, der zum Zeitpunkt des Angriffs zur Passkontrolle auf dem Grenzbahnhof stand, befand sich der frühere CIA-Direktor David Patraeus, der ebenfalls auf der Konferenz war.Der Zug wurde vor dem Drohneneinschlag evakuiertUkrzalisnizja zufolge war die Drohne von der eigens für die Bahn eingerichteten Überwachungsgruppe 15 Minuten vor dem Einschlag entdeckt und der betreffende Zug evakuiert worden. Keiner der 206 Passagiere sei verletzt worden. Es sei „durchaus wahrscheinlich, dass der Sonderzug Ziel der russischen Drohne gewesen sein könnte“, so die Bahn. Fahrpläne und Strecken würden wegen der permanenten Bedrohungslage jedoch ständig in Echtzeit angepasst, sodass dieser Zug den Grenzbahnhof früher als geplant verlassen habe. Die Drohne war mit einem Strahlantrieb ausgestattet und gilt deshalb als nur schwer abzuschießen.Seit mehreren Wochen greift Russland vermehrt überlebenswichtige Infrastruktur in der Ukraine an. Dazu zählen neben Kraftwerken auch Wasserversorger, Lebensmittellager, Wochenmärkte, Einkaufszentren sowie Züge, Bahnhöfe und Busterminals. Mutmaßliches Ziel ist es, der ukrainischen Bevölkerung die Lebensgrundlagen zu entziehen und sie so zum Aufgeben zu zwingen. Zudem sollen die Partner des sich verteidigenden Landes von materieller und persönlicher Unterstützung abgebracht werden.Putin habe einen Zug voller Europäer angegriffen, sagte der Grünen- Bundestagsabgeordnete Robin Wagener, der am Sonntag in dem nicht direkt betroffenen Sonderzug aus Kiew war, der F.A.Z. „Das ist der zuletzt noch mal gesteigerte Terror, den die Menschen in der Ukraine alltäglich durchleiden.“ Er wolle nicht spekulieren, ob Moskau billigend in Kauf nehme, auch Politiker aus NATO-Staaten zu treffen, doch zeige der Vorfall, dass der Kreml auch nicht mehr vor direktem Zündeln an der NATO-Grenze haltmache. Wagener selbst gibt sich davon unbeeindruckt. Er plane bereits seine nächste Reise in die Ukraine. „Wer sich von Putin einschüchtern lässt, ermuntert ihn zu immer weiterer Eskalation.“Berlin will Reisen in die Ukraine nicht stoppenAuch die Bundesregierung gedenkt nicht, an ihrem bisherigen Reiseverhalten etwas zu ändern. Man sehe in den russischen Angriffen auf Züge und Schieneninfrastruktur „natürlich eine weitere Eskalationsdynamik, in der sich Russland auch derzeit offensichtlich befindet“, sagte am Montag ein Regierungssprecher in Berlin. Man habe „bei allen Reisen, die auch die Bundesregierung betreffen, natürlich allerhöchste Sicherheitsvorkehrungen und Sicherheitsstandards“, fügte er an. „Das gilt generell, und das gilt auch in Zukunft.“Boris Johnson schrieb in der Zeitung „Daily Mail“, es gebe nur einen Grund, warum Russlands Machthaber Putin nun auf derart niederträchtige Weise den ukrainischen Zugverkehr angreife. Es handele sich um eine Verzweiflungstat. Putin wisse, dass er den Krieg gegen die Ukraine nicht gewinnen und die gegenwärtigen russischen Verluste von 40.000 Gefallenen und Verwundeten im Monat nicht länger verkraften könne. Deshalb weite er seine „Terrorattacken“ auf den Zugverkehr und die Zivilbevölkerung aus.Der Übergang zwischen dem polnischen Dorohusk und dem ukrainischen Jagodin ist eine von mehreren wichtigen Grenzpassagen für Passagiere und Fracht zwischen der Ukraine und Polen sowie Westeuropa. Zur Zeit des Angriffs auf den Zug schlug eine weitere Drohne am unweit entfernten Straßenübergang ein. Dort verfehlte sie eine Tankstelle und setzte auf einem Parkplatz mehrere Lastkraftwagen in Brand. Das russische Verteidigungsministerium erklärte, die Angriffe hätten der „Eisenbahninfrastruktur in den westlichen Regionen der Ukraine“ gegolten und sich gegen Anlagen gerichtet, die dem Transport militärischer Güter aus Europa dienten. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow sagte am Montag, das russische Militär führe „seine Einsätze auf dem gesamten ukrainischen Territorium aus und wird dies auch weiter tun“.Bei Luftalarm halten Züge auf offener Strecke anSeit mit Beginn des russischen Überfalls der Luftraum über der Ukraine gesperrt ist, trägt die ukrainische Bahn die Hauptlast des öffentlichen Transports. Sie galt vor allem auch für westliche Politiker, Diplomaten und Wirtschaftsvertreter, die in die Ukraine reisen, als sicheres Verkehrsmittel. In den vergangenen Wochen hat Russland aber vermehrt Züge und Bahnanlagen mit neuen Drohnen mit Strahlantrieb angegriffen. Auf Nachfrage der F.A.Z. spricht Ukrzalisnizja von 316 Angriffen auf die ukrainische Eisenbahn seit Anfang August. Dabei seien 82 Lokomotiven und 22 Passagierwaggons zerstört oder beschädigt worden. Bei diesen Angriffen seien 15 Eisenbahnmitarbeiter getötet und 21 weitere verletzt worden.Wegen neuer Sicherheitsmaßnahmen sind große Verspätungen inzwischen üblich. Wegen Luftalarm fahren auch die beliebten Nachtzugverbindungen ins Ausland oft mit mehrstündiger Verspätung ab. Auch auf offener Strecke halten die Züge an, wenn russische Drohnen in der Nähe sind. Die Passagiere müssen dann aussteigen und sich über die Gleise in Sicherheit bringen. Besonders auf den Strecken in die Städte im Osten und Süden des Landes kommen diese Evakuierungen häufig vor, mitunter sogar mehrfach während einer Fahrt.Gezielte Angriffe auf Passagierzüge sowie Grenzübergange nach Mitteleuropa sieht insbesondere auch Polen als Eskalation. Die vergangenen Wochen zeigten, dass Russlands Angriffe immer näher an die polnische Grenze rückten und Putin bereit sei, noch gefährlichere Mittel als bisher einzusetzen, sagte der polnische Ministerpräsident Donald Tusk nach einer am Sonntag wegen des Angriffs auf den Zug einberufenen Sondersitzung des Sicherheitsrates.„Leider können wir nicht ausschließen, dass diese Eskalation auch das Gebiet Polens betreffen wird.“ Er ordnete an, die Sicherheitsdienste zu verstärken sowie die Funktionsweise der Grenzübergänge zu überprüfen. Zudem kündigte Tusk an, den Vorfall mit den europäischen Verbündeten auszuwerten. „Es besteht kein Zweifel, dass wir, falls nötig, gemeinsam mit ihnen auf eine koordinierte Antwort vorbereitet sein müssen.“
Russland greift Züge in der Ukraine an
Lange galt die Bahn auch für westliche Diplomaten und Politiker als sicheres Verkehrsmittel. Das ändert sich nun: Russland nimmt immer öfter Züge ins Visier.










