Pro ArtikelDie vielleicht letzte Chance auf so etwas wie einen gerechten Frieden in der UkraineTrump will den Friedensprozess wieder in Gang bringen, und Putin scheint vor allem Zeit zu schinden. Drei Szenarien zur neuen Runde der Ukraine-Verhandlungen.14.09.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenTrump hat seinen Golf-Kollegen Steve Witkoff und seinen Schwiegersohn Jared Kushner zum ersten Mal auch nach Kiew geschickt. Sie flankieren Präsident Wolodimir Selenski.Ukrainian Presidential Press Office via APJared Kushner und Steve Witkoff mussten schliesslich doch den Zug nach Kiew nehmen. Eigentlich planten die beiden amerikanischen Unterhändler, direkt aus Moskau einzufliegen. Doch der internationale Flughafen der ukrainischen Hauptstadt blieb auch für die Gesandten von Donald Trump geschlossen. Zwei Nächte vor ihrer Kiew-Reise hatten die russischen Drohnen die Piste zerstört.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Kreml sendete mit diesem Angriff eine klare Botschaft aus: Präsident Wladimir Putin erschwert jeden Versuch, den Krieg zu beenden. Der Verhandlungsprozess, den Trump vor einer guten Woche wiederaufnehmen wollte, stockt, bevor er richtig begonnen hat. Immerhin waren sein Schwiegersohn Kushner und sein Golf-Kollege Witkoff nun zum ersten Mal in Kiew.Das Ziel der neuesten Gespräche ist offenbar ein trilaterales Treffen der Staatschefs: Trump stellt sich vor, zusammen mit Putin und dem ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski an einem Tisch zu sitzen. Für Trump sind die beiden Kontrahenten «zwei Typen, die sich hassen», wie er kürzlich auf eine Reporterfrage antwortete. Wenn er, Donald Trump, dazwischensitze, könnten sie sich aussprechen, glaubt Trump.Der Kreml dagegen wiederholt seine Maximalforderungen, intensiviert den Krieg gegen die Ukraine und deren europäische Unterstützer – und lobt Trump. Kurzfristig sind drei Szenarien denkbar, die alle einen direkten Einfluss auf die Stabilität Europas haben werden:1. Die USA zwingen Russland, auf echte Verhandlungen einzusteigen: Ein Waffenstillstand vor dem Winter ist möglich. Putin erkennt die Grenzen seiner MachtTrump ist konsequent auf der Seite des Stärkeren – und verachtet den Schwächeren. «Du hast keine Karten in der Hand», so fuhr er Selenski Ende Februar 2025 im Weissen Haus vor laufender Kamera an. Die Ukraine war nach einem harten Kriegswinter militärisch unter Druck, hielt aber ohne amerikanische Unterstützung ein weiteres Jahr den russischen Angriffen stand.Seit Anfang 2026 haben sich die Verhältnisse geändert: Die ukrainischen Drohnen haben den Krieg nach Russland getragen. Es brennen Treibstofflager, Verteilzentren und andere Infrastrukturen. Am 9. Mai musste Putin seine Militärparade zum Ende des Zweiten Weltkriegs abkürzen, weil er Angst vor einem Luftangriff hatte. Die russische Wirtschaft leidet. Zudem vermochten die Ukrainer – ebenfalls mit Drohnen – die russische Bewegungsfreiheit auf der Krim und im Asowschen Meer einzuschränken.Ausserdem übten die USA Mitte August zusammen mit ihren europäischen Verbündeten, die russische Ostsee-Exklave Kaliningrad abzuriegeln. Das Manöver demonstrierte die Einheit der Nato und auch die Entschlossenheit der Allianz, Russland notfalls militärisch entgegenzutreten. Kurz darauf reiste John Ratcliffe, der Direktor des amerikanischen Auslandsgeheimdienstes CIA, an Bord eines Globemaster-Transportflugzeugs nach Moskau und soll seine Gesprächspartner unter anderem davor gewarnt haben, den hybriden Krieg in Europa weiter eskalieren zu lassen.Im besten Szenario geht es beim jüngsten Diplomatie-Effort darum, Russland die eigenen Grenzen aufzuzeigen und so echte Verhandlungen zu erzwingen. Moskau müsste darauf einsteigen, den Krieg entlang der gegenwärtigen Frontlinie einzufrieren.Der Ukraine würde ein weiterer Kriegswinter erspart. Zudem könnte Kiew das Kriegsrecht ändern und Wahlen durchführen. Dies stärkte die innen- und aussenpolitische Position der Ukraine als demokratisches Land. Mehr als den Auftakt zu langwierigen Verhandlungen mit ungewissem Ausgang würde ein Waffenstillstand allerdings kaum auslösen.Doch Putin baut seine Macht auf dem Konflikt mit dem Westen auf. Trump versucht ihn deshalb mit einem wirtschaftlichen Super-Deal zu locken. Die Aussicht auf Profit mag für den amerikanischen Präsidenten reizvoll wirken. Putin dagegen will als Sieger und Erneuerer der russischen Macht in die Geschichte eingehen.2. Russland beharrt auf den Maximalforderungen: Putin treibt die Eskalation des Krieges voran und vertraut auf die Gewalt als Mittel der PolitikAlle Schmeicheleien Witkoffs halfen nichts: Putin liess Trumps Unterhändler bei ihrem Besuch in Moskau abblitzen. Die beiden hätten verstanden, dass die «Wurzeln des Konflikts» im Zentrum der Verhandlungen stehen müssten, so fassten der Kreml und sein Aussenministerium die Gespräche zusammen. Zudem müsse die Ukraine den Donbass räumen. Vorher geschehe gar nichts.Putin scheint sich selbst zu glauben, dass Russland trotz allen ukrainischen Erfolgen auf dem Vormarsch sei. Seine Unterstellten wagen ihm auch kaum etwas anderes zu melden. Der Kreml will Trump militärische Stärke vortäuschen.Tatsächlich hat der Kreml die Luftangriffe auf die Ukraine bereits intensiviert – insbesondere gegen die Zivilbevölkerung und die Kulturgüter. Der ukrainischen Luftverteidigung fehlen die Patriot-Abwehrlenkwaffen gegen die ballistischen Raketen, seit der Krieg im Nahen Osten die amerikanischen Lagerbestände dezimiert hat. Zudem hat Russland die Geran-Drohnen mit Jetmotoren ausgestattet. Weil sie damit deutlich schneller sind, fällt der Abschuss schwerer.Dieser Terror aus der Luft hat in den letzten Monaten die Stimmung in Kiew merklich verändert.Zudem gibt es Anzeichen, dass der Kreml nach den Duma-Wahlen Ende September bis zu 400 000 Soldaten mobilisieren will, um am Boden endlich den Durchbruch zu schaffen. Nicht dass die Mehrheitsverhältnisse im russischen Parlament einen Einfluss auf Putins Entscheidungen hätten. Doch der Kreml-Herrscher will den Stimmungstest an der Urne abwarten, bevor der Krieg nun doch die breitere Bevölkerung im Westen des Landes trifft. Bisher setzte die russische Armee vor allem Soldaten aus entlegenen Gebieten ein.Gleichzeitig intensiviert der Kreml seine aktiven Massnahmen gegen die Unterstützer der Ukraine – besonders gegen Deutschland. Moskau hat die Rhetorik hart unter die Kriegsschwelle geschraubt, seit die deutsche Regierung den Kreml für den gescheiterten Drohnenangriff auf den Flughafen Leipzig verantwortlich macht. Beinahe täglich wird eine neue hybride Aktion gemeldet: von Spitzbergen über das Baltikum bis ans Schwarze Meer.Die Wahrscheinlichkeit des schlimmsten Falles – einer direkten Konfrontation zwischen Russland und der Nato – hat zugenommen. Die Verhandlungen dienen Putin höchstens als Kommunikationskanal. Er nutzt den offenen Kanal zu Trump, um seine Drohungen auch via Weisses Haus zu verbreiten.3. Die Verhandlungen ziehen sich in die Länge: Putin spekuliert auf neue Machtverhältnisse und damit auf eine Erosion EuropasDie Wahlen in Sachsen-Anhalt haben erstmals eine rechnerische Mehrheit für Parteien ergeben, die einen «Frieden» mit Russland fordern – ein Etikettenschwindel. Denn in Wahrheit geht es um die Unterwerfung der europäischen Demokratien unter den Willen Putins.Moskau gehe es nicht um Landgewinne, sondern um die Machtordnung in Europa, sagte der österreichische Strategieexperte Franz-Stefan Gady kürzlich in einem Interview mit der NZZ: «Das Ziel Putins ist seit je eine Sicherheitsarchitektur mit Russland als zentralem Akteur. Die Hindernisse dafür sind die Nato und die EU.»Unter dieser Prämisse könnte Putin die erneuten Verhandlungen dazu nutzen, die Erosion Europas weiter voranzutreiben.Wenn Putin auf Zeit spielt, werden Kushner und Witkoff wieder Vorschläge hin und her schicken, die sie zuvor über das Nachrichtenportal «Axios» ventilieren – mit dem Zweck, die Ukraine unter Druck zu setzen. Genauso wie beim ersten Versuch, der Anfang 2026 versandete.Jeder Gegenvorschlag der Europäer, wie ein Friede abgesichert werden könnte, würde mit einer Drohung aus Moskau quittiert. So liess der Kreml im Januar 2026 eine Oreschnik-Hyperschallrakete Richtung Westukraine abfeuern – und verbreitete gleichzeitig die Nachricht, europäische Friedenstruppen wären ein Grund, Berlin oder andere Hauptstädte mit einer solchen Distanzwaffe anzugreifen.Das Kalkül wäre klar: Russland stellt die Ukraine und ihre europäischen Unterstützer weiter als Hindernis für den Frieden dar, hintertreibt aber selber jeden konstruktiven Vorschlag.Derweil wankt die Regierung von Bundeskanzler Friedrich Merz in Deutschland – und in Frankreich beginnt der Präsidentschaftswahlkampf 2027. Die feste Position der Europäer könnte sich aufweichen, einzelne Länder scherten aus der Abwehrfront aus – und Moskau setzte sich schleichend durch. Die europäische Friedensordnung erledigte sich selbst. Der AfD-Vordenker Björn Höcke sagt klar: «Diese EU muss weg.»Die Ukraine könnte sich dann nur noch auf Grossbritannien, die Nordosteuropäer und vielleicht Rumänien wirklich verlassen. Deshalb hat Selenski vorgesorgt und im Windschatten des Nahostkriegs die Kontakte nach Ankara intensiviert. Die Türkei steht als Partner bereit – und damit potenziell auch die Mekka-Allianz mit der Atommacht Pakistan. Die Welt würde noch unübersichtlicher.Trotz allen Vorbehalten zur Rolle Trumps und zur Qualifikation seiner Unterhändler: Die diplomatische Offensive im September 2026 könnte die letzte Chance auf einen in Ansätzen gerechten Frieden sein, der auch die Freiheit, die Einheit und die Sicherheit Europas bewahrt. Doch die guten Optionen gehen allmählich aus. Putins Spiel auf Zeit ist gegenwärtig das bestimmende Szenario.Passend zum Artikel
Ukraine-Verhandlungen: Kann Trump die letzte Chance auf Frieden nutzen?
Trump will den Friedensprozess wieder in Gang bringen, und Putin scheint vor allem Zeit zu schinden. Drei Szenarien zur neuen Runde der Ukraine-Verhandlungen.






