An diesem Sonntagmittag sind alle Zapfsäulen an der Jet-Tankstelle in Schöneweide (Treptow-Köpenick) besetzt. Wenn ein Autofahrer wegfährt, bleibt der Platz nur kurze Zeit frei. Es ist wenige Minuten nach elf Uhr an diesem trüben Tag, an dem der Regen noch in den Wolken ausharrt. Karin Bertz lenkt ihren Kleinwagen an eine der Zapfsäulen, sie tankt Super E10. „Aber nicht voll“, wie die 58-Jährige kurz darauf sagt.Wie zur Erklärung zeigt sie auf die Tafel mit den leuchtenden Preisangeboten, die an dieser Hauptausfallstraße Berlins steht. „Ist schon Wahnsinn“, ist alles, was ihr dazu einfällt. Der Preis für einen Liter liegt zu dieser Zeit bei 2,209 Euro. Genau, wie an der nebenan liegenden „Zapfstelle“. „Und das ist noch ein Superangebot“, meint Bertz sarkastisch. Knapp 22 Euro wird sie an der Kasse bezahlen.Einige Autofahrer lenken ihr Auto nach dem Tanken zur Waschstraße. Frank F., der seinen vollen Namen nicht in der Zeitung lesen will, poliert mit seiner Frau an dem SUV, das die Nassreinigung schon hinter sich hat. Die Felgen des weißen Fahrzeugs glänzen.

„Ich habe hier nicht getankt“, sagt er auf Nachfrage. Bei den Preisen mache er das auch gar nicht mehr in Deutschland. „Ich fahre nach Polen – auch wenn ich hier in Berlin lebe“, erzählt der 60‑Jährige. Dort sei ein Liter Super-Benzin 30 bis 40 Cent „oder sogar noch billiger“ als in Deutschland. Und anders „als hier“ kümmere sich der polnische Staat auch um seine Menschen, ist Frank F. überzeugt.Mittlerweile gehen er und seine Frau im Nachbarland auch einkaufen. „Die polnische Wirtschaft hat uns mittlerweile schon überholt“, sagt Frank F., der früher einmal in der Pflege gearbeitet hat. Die ständige Diskussion in der Bundesregierung um Entlastungen der Bürger wegen der hohen Energie- und Spritpreise könne er nicht mehr hören. „Die reden nur und machen nichts“, sagt er. Dabei hängen so viele Arbeitsplätze von den Energie- und Benzinkosten ab.